Maya | Die Egoisten
Hans-Peter Dieckmann: Zu Scaligeros „Die Politik als Maya“

Zur Veröffentlichung der Übersetzung des Kapitels “Die Politik als Maya“ aus Massimo Scaligeros 1972 erschienenen Autobiographie “Vom Yoga zum Rosenkreuz“
Massimo Scaligero bei den Egoisten

Auf Anregung von Georg Kühlewind und dem Übersetzer einiger Bücher von Scaligero ins Deutsche*, Georg Friedrich Schulz, war ich während der ersten Hälfte der 90er Jahr des vergangenen Jahrhunderts zu einem begeisterten Leser der meditativen Texte von Scaligero geworden. Ich verdanke ihnen wertvolle Anregungen für meine meditative Praxis, was aus einigen Beiträgen von Michael Eggert über diesen wichtigsten Aspekt seiner Nachkriegsarbeiten meines Erachtens gut nachvollziehbar ist. 1994 führte meine Beschäftigung mit Scaligeros Büchern zu einem Arbeitskreis zu seinem “Traktat über das lebende Denken“, den ich zusammen mit einem anderen Leser von Scaligero gründete.

Wie mein Mitbegründer hatte ich der dem “Traktat über das lebende Denken“ beigefügten biographischen Skizze vertraut, die auf Scaligeros Tätigkeit als Chefredakteur einer faschistischen Zeitung von 1932 bis 1944 hinweist, ihn aber vom Faschismus frei spricht. Scaligero habe als Journalist vor allem im Feuilleton einiger der wichtigsten Zeitungen dieser Periode geschrieben und dabei versucht, den kulturellen Diskurs auf ein höheres Niveau zu heben. Nach seiner Verhaftung im Juni 1944 durch die Alliierten musste Scaligero zwar sechs Monate im Gefängnis verbringen, doch „aller Verdächtigungen enthoben und mit den Entschuldigungen seiner Untersuchungsrichter“, heißt es in der autobiographischen Skizze, wurde er danach wieder entlassen. Erst im Zuge der immer stärker gewordenen öffentlichen Rassismusvorwürfe gegen Rudolf Steiner und durch meine kritischen Auseinandersetzungen mit einigen anthroposophischen Revisionisten, kam ich auf Scaligeros Biographie mit einer Frage zurück, die ich – aus meiner heutige Sicht – besser schon beim ersten Lesen der biographischen Skizze gestellt hätte: Wie hat Scaligero es als Journalist nur fertig gebracht, sich nicht pro-faschistisch zu äußern? Über einen Bekannten meines Arbeitskreis-Mitbegründers ergab sich in dieser Zeit die Gelegenheit, dessen Freund in Italien, der als Scaligero-Experte ausgegeben wurde, zu Scaligeros Haltung zum Faschismus zu fragen. Diesem Freund liegen schließlich viel mehr Quellen als mir zu Scaligero offen, die er obendrein im Original lesen kann, sagte ich mir damals. Aber als Antwort kam nur der Vorwurf, ich wolle Scaligero Faschismus unterstellen, um dieses angebliche Anliegen pauschal zurückzuweisen. Tatsächlich wäre ich über einen belegten Nachweis für die Richtigkeit dieser Zurückweisung froh gewesen.

Um zumindest an Scaligeros Selbstaussagen über seine Zeit als Chefredakteur einer faschistischen Zeitung heranzukommen, besorgte ich mir über ein Antiquariat in Rom seine Autobiographie und ließ daraus das Kapitel “Die Politik als Maya“ übersetzen. Ich war überrascht und beruhigt, ja erfreut: Scaligero hatte also im Rahmen seiner Möglichkeiten, als der Rassenwahn in Italien ausbrach (das Wort “Rassenwahn“ stammt von ihm), nicht nur versucht, sich gegen diesen Rassenwahn einzusetzen, sondern er hatte sogar als spiritueller Berater im Geist von Rudolf Steiners Dreigliederung einen Versuch begleitet, das faschistische Regime zu stürzen. Ich wunderte mich, dass der Scaligero-Experte darauf nicht hingewiesen hatte, ließ weitere Nachforschungen beiseite und nahm mir vor, bei Faschismus-Vorwürfen gegen Scaligero auf dessen Autobiographie zu verweisen.

Erst als Peter Staudenmaier laut einem Beitrag zu dieser Website doch rassistische Äußerungen in Scaligero-Artikeln der faschistischen Ära festgestellt haben wollte, begann ich erneut und nun gründlicher Internet-Recherchen anzustellen. Ich stieß dabei schnell auf Staudenmaiers Mails zum Thema und kann ihm nur zustimmen: die ausführlichen Zitate sind schlimme Beispiele für Scaligeros damaligen Rassismus, besonders für seine krasse antijüdische Haltung. Staudenmaiers neueste Veröffentlichung belegt das zusätzlich, weshalb ich heute noch weniger als zuvor glaube, dass sich die rassistischen Zitate im Zusammenhang der ganzen Artikel gelesen, wesentlich (wenn überhaupt) entschärfen lassen. Das war die Hoffnung einiger Freunde des meditativen Werkes von Scaligero, mit denen ich über Staudenmaiers Enthüllungen gesprochen und diskutiert habe.

Wenn ich Scaligeros “Die Politik als Maya“ in Beziehung zu seinen faschistischen Äußerungen setze, komme ich leider nicht umhin, ihn in der Nähe von Friedrich Benesch zu sehen – und das bedeutet für mich einen grundlegenden Wandel bei der Lektüre seiner Meditationstexte. Ja, sie sind großartig formuliert (im Deutschen steckt darin auch die Übersetzerleistung von Georg Friedrich Schulz), klar und für sich genommen rein und voll von anregenden Einsichten - doch durch den Autor nicht voll abgedeckt, der seinen hohen Anspruch an Selbsterkenntnis eben nicht erfüllte. Diese Differenz kann und will ich nicht verleugnen und lese deshalb Scaligeros Meditationstexte nicht mehr gerne.
Trotzdem schreibe ich hier: Ohne Scaligeros Schwächen zu verkennen, lassen sich seine Stärken als meditativer Autor schätzen, um von ihnen für das eigene Meditieren zu profitieren.

In Scaligeros Buch “Das Licht“ (das Original ist 1964 erschienen) fand ich in dem Kapitel “Die Schwelle“ eine Passage zur Rassenfrage, die ich noch anfügen möchte:
“Immer, wenn sich der Mensch in seinem Verhalten auf seine Rassen- oder Familienzugehörigkeit beruft, sind es eigentlich diese Usurpatoren (welche nach dem Autor die rassischen Tiefenkräfte und ihr Verhältnis zu ihnen verderben, H-P.D.), die ihn bewegen. Die rassischen und ethnischen Gruppierungen werden impulsiert, sich untereinander zu hassen bzw. sich durch eine untere Anziehung miteinander zu verbinden. Wo immer sich eine Gruppierung bildet, ohne dass sie im Sinne des Geistes tätig zu werden sucht, gehorchen die Menschen einer Anziehungskraft, deren Vereinigungsmoment der Hass ist, der sich gegen andere Gruppierungen richtet.“
Zur Lösung weist Scaligero letztlich auf die Freiheitsfähigkeit jedes einzelnen Menschen und seine Verbindungsmöglichkeit zum Logos (bzw. Christus) hin.
Was wäre doch gewonnen gewesen, wenn er seinen Weg zu solchen Äußerungen in offenen und selbstkritischen Auseinandersetzungen mit seinem früheren Rassismus dargelegt hätte!

Hans-Peter Dieckmann
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* Die fünf Bücher von Scaligero in deutscher Übersetzung sind:

Traktat über das lebende Denken, Urachhaus
Die Logik als Widersacher des Menschen, Urachhaus
Raum und Zeit, Edition Tertium
Das Licht, Edition Tertium
Traktat über die unsterbliche Liebe, Edition Tertium