Melodie & Stille | Die Egoisten
Hans-Peter Dieckmann: Melodie und Stille

Ich war mir nicht sicher, ob das Niveau von Georg Kühlewinds Büchern gewahrt bleiben würde, als die Nachschrift eines von ihm im Jahr 2005 gehaltenen Seminars unter dem Titel “Melodie und Stille“ (Verlag Freies Geistesleben) im Dezember des vergangenen Jahres erschien. Doch zu dieser Veröffentlichung heißt es in den Anmerkungen: “Der Originaltext der Aufzeichnung wurde für die Buchveröffentlichung an wenigen Stellen gekürzt sowie, bei weitestmöglicher Wahrung des authentischen Tones, im Sinne der Lesbarkeit und Verständlichkeit sprachlich bearbeitet.“ Das ist sehr gut gelungen. Mit den Einschränkungen, die sich aus der gedruckten Form ergeben, liegt nun etwas von der anregenden Lebendigkeit der Seminare Georg Kühlewinds vor. Wie zum bestimmt unbeabsichtigten Vermächtnis leuchten in “Melodie und Stille“ noch einmal viele seiner großen Themen zur Einheit verwoben auf: seine Aufmerksamkeitsschulung mit seiner spirituellen Erkenntnistheorie, Psychologie und Linguistik als Bahnen zum Logos, zur Leere und zur Kunst. So sehr Georg Kühlewind Ausführungen etwa von Rudolf Steiner, von (auch modernen) Zen-Meistern und Anstöße aus der Kunst verarbeitet hat und in diesem Seminar mit vielen biographischen Bezügen darstellte, war er immer unverwechselbar und kreativ er selbst.

Das Morgengebet

Aus Georg Kühlewinds “Morgengebet“, das in Form einer Vor- und einer Hauptübung durchgeführt werden kann und in der zweiten Fassung nach dem ersten Tag an jedem Seminarmorgen für wenige Minuten praktiziert wurde, lassen sich alle Seminarinhalte entwickeln. Für beide Fassungen wählt man einen leicht anschaubaren Gegenstand, um seine Aufmerksamkeit zunächst auf ihn und danach auf sich zu richten, ohne den Gegenstand jemals aus dem Blick zu verlieren. Der Gegenstand sollte einem persönlich nicht so attraktiv sein, dass man von Reaktionen auf diese Attraktivität gefesselt wird, denn das würde die nötige Beweglichkeit beim Üben verhindern.

Zu Beginn kommt sicher fast jeder Übende zu dem schlichten Ergebnis: ich bin hier und der Gegenstand ist dort, womit man sich allerdings ein Beispiel für jenes dualistische Welterleben ins Bewusstsein gehoben hat, das die Erfahrungen der meisten Menschen fundamental ausmacht. Nach der vollen Konzentration auf das Übungsobjekt entdeckt man dann, dass man sich bei ihr für einen Moment vergaß, um kurz darauf wieder bei sich zu landen: beim Selbstempfinden und bei Gedanken, die mehr oder weniger um einen selbst kreisen. Die Aufgabe des eigentlichen “Morgengebets“ besteht darin, dieses schnelle und unwillkürliche Umspringen durch eine bewusste Langsamkeit zu ersetzen, wobei man auf dem letzten Weg zu sich irgendwo zwischen sich und dem Gegenstand stoppen kann (nicht muss). Je wachsamer das gelingt, desto mehr wird einem bewusst, was bei weniger Wachsamkeit nur aufblitzt: für die Dauer der Konzentration auf den Gegenstand ist man in seiner Aufmerksamkeit mit ihm vereint und (so meine beste Erfahrung) gleichzeitig gegenwärtig, was die Rückkehr zu sich im Grunde überflüssig macht: die erzeugte Ich-Präsenz ist dabei frei von Egoempfindungen. Für sich wäre diese Ich-Präsenz eine ihrer selbst bewusste Aufmerksamkeit: leer und damit fähig sich bis zur Vereinigung neu zu verbinden, doch jetzt ist sie zugleich der Wahrnehmungseindruck solange die Konzentration kontinuierlich aufrechterhalten bleibt. Es gibt kein Innen und Außen mehr. Aber sobald die Aufmerksamkeit nachlässt, beginnt man wieder in die Stückwelt zu treten, in die Dualität und in das diskontinuierliche Erkennen, das ständig ansetzt, unterbricht und erneut ansetzt, um zu Erkenntnisergebnissen zu kommen. Die Aufmerksamkeit wird immer, was sie wahrnimmt, auch zu Gedanken, Gefühlen, Willensimpulsen und zu den Bewusstseinsprozessen, die sie hervorbringen, doch gewöhnlich verschlafen wir das. Bei erhöhter Wachsamkeit ist unmittelbar evident, dass die Welt und unser Erkennen (der Anlage nach) aufeinander abgestimmt sind und auf den Logos als gemeinsamen Ursprung weisen. Wenn ich mich doch aus der Einheit mit dem Wahrnehmungseindruck löste, konnte ich zwar die gewonnene Ich-Präsenz aufrechterhalten, aber es meldete sich schnell wieder etwas vom alltäglichen Selbsterleben, nun jedoch abgeschwächt, leichter und tiefer durchschau-, lenk- und wandelbar. Es beinhaltet unter anderem den subjektiven Kram, wie Georg Kühlewind die angesammelten Gewohnheiten, Vorurteile, auch Gefühlsvorurteile im Verlauf des Seminars hart nannte, die unser Welt- und Selbsterkennen verfärben, wenn man sie nicht bemerkt. Doch sie bergen in sich den Erleuchtungsgeist und können verwandelt auf das Erkennen und Schaffen orientiert werden, etwa als ergebnisoffenes Interesse. In seiner Ergebnisoffenheit ist es leer und deshalb hingabe- und aufnahmefähig sowie frei, zum Beispiel moralische, technische und künstlerische Neuschöpfungen hervorzubringen.

Stufen der Leere

Georg Kühlewind wies darauf hin, dass es verschiedene Stufen von Leerheit gibt. Sowohl die denkende als auch die fühlende und wollende Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsarten über sie hinaus können leer gehalten werden. Je höher der Grad an Leere, desto umfassender gelingt ein Verstehen des Erkannten aus sich heraus. Bis zur Vereinigung des Erkennenden mit dem Erkannten auf der Wesensebene ist noch nichts unmittelbar voll verstanden und jedes Einheitserleben relativ. Das schließt Wissen aus Mitteilungen nicht aus, ja macht es sogar hilfreich, denn selbst wenn man die Wesensebene schon erreichen kann, hat man ihren Umfang längst nicht gleich ausgeschritten. Wissen kann aber auch dazu beitragen, zu eigenen neuen und reicheren Erfahrungen zu finden. Wer vorbereitet in ein fremdes Land reist, entdeckt dort mehr. Das gilt auch für Reisen ins Übersinnliche. Und doch kommt anderseits alles darauf an, dass man an das den Blick lenkende Wissen eine leere Aufmerksamkeit knüpft, um das jeweils Entdeckte in seiner Besonderheit direkt zu erfahren und natürlich auch um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Jedes Erüben der leeren Aufmerksamkeit führt zur Bereitschaft, sein Erkenntnisbezugssystem ständig zu erweitern. Vor allem aber tritt man mit der leeren Aufmerksamkeit gradweise wieder in die verlorene Einheit mit der Welt und begibt sich dabei in Richtung auf sein wahres Selbst. Erste Wege dorthin sind einfach: wer etwa einer Melodie bei innerer Stille zuhört, schwingt vereint mit ihr mit.

Das “Morgengebet“ und die von mir zu ihm angeführten Erfahrungen und Einsichten wurden während des Seminars von Georg Kühlewind natürlich viel umfassender besprochen. Themen zum Dualismus waren das physikalische Weltbild, der Konstruktivismus und die prägenden Einflüsse der Sprachen, um nur sie zu nennen. Zur Überwindung des Dualismus ging es zusammen mit Georg Kühlewinds ureigenen Erkenntnissen besonders um östliche Weisheitslehren aus Indien, China und Japan sowie um verwandte einiger christlicher Mystiker des europäischen Mittelalters. Psychologische Fragen, der ethische Individualismus Rudolf Steiners, Aussagen von ihm zum Leben nach dem Tod und zur Reinkarnationen sowie die Hierarchien-Lehre wurden vor allem unter den Gesichtspunkten Formfreiheit bzw. Leere und der Alternative Individualität oder Ego beleuchtet. Und trotz seiner wertvollen Hinweise auf die Kunst machte Georg Kühlewind immer wieder darauf aufmerksam, dass sich Kunst letztlich nur durch Kunst selbst erschließen lässt, ähnlich wie das Meditieren am besten durch das Meditieren verstanden wird. Ich empfehle das Buch zum Studium und als Übungsanregung.