Nilpferde | Die Egoisten
Hans-Peter Dieckmann: Und die Nilpferde kochten in ihren Becken
- sowie einige Hinweise auf den Geist der Autoren dieses Romans

Seit den 1970er Jahren begleiten mich von Zeit zu Zeit Bücher von Jack Kerouac und William S. Burroughs, wobei ich mir zu den Romanen von Burroughs etwa seit “Naked Lunch“ immer eher nur ein Lesen von Abschnitten zugemutet habe. Wer in abscheuliche Höllenwelten hineinschauen möchte, gewinnt dafür bei ihm auf tausenden von Seiten viele Gelegenheiten; sicher: sie sollen auch verdrängte persönliche, gesellschaftliche und archetypische Realitäten aufdecken, leisten das nach meinen Eindrücken teils sogar wirklich, doch … Burroughs arbeitete nach seinem bekannten “Naked Lunch“ oft mit der so genannten Cut-up-Methode: Texte oder auch Tonbandaufzeichnungen werden bei ihr zerschnitten und zufällig zusammengesetzt, was laut ihm zu sehr interessanten Nebeneinanderstellungen führen kann, von denen aber nur einige literarisch verwertbar sind. Einem Interviewer erläuterte er: „Sie fragen sich, wie sich die Sequenzen und Rhythmen ordnen, nun, sie tun es überhaupt nicht. Die Cut-ups ergeben neues Material, aber sie sagen einem nicht, was man damit tun soll.“ (1) Das ist der springende Punkt. Wenn Burroughs über seine Bücher reflektierte, ist er für mich immer noch viel spannender und manchmal anregender als in seinen Romanen; zum Teil nahm er dabei einen bemerkenswert nüchternen Beobachterstandpunkt ein, der seine Höllenwelten vergleichsweise hell kontrastiert.

Kerouac hingegen war der Romantiker unter den Beatnik- Dichtern. Einige seiner Bücher lesen sich wie Vorwegnahmen des Hippie-Geistes, dessen Bewegung und sogar Anliegen er in krassen Ausfällen kritisierte; und doch wurde er von vielen Hippies geliebt. Mitten in seinem “Unterwegs“ entdeckt er Gott an der Grenze zwischen Colorado und Utah in der Gestalt riesiger, goldener, von der Sonne durchglühter Wolken über der Wüste von Nevada, “die mit dem Finger auf mich zu weisen und zu sagen schienen: Geh hier vorbei und weiter, du bist auf der Straße zum Himmel.“ Um dann allerdings anzumerken: “Na schön, und wenn schon! Was mich mehr interessierte, waren ein paar alte verlassene und verrottete Fuhrwerke und Billardtische in der Nevada-Wüste neben einem Coca-Cola-Stand, wo es auch Hütten mit verwitterten Anschlägen gab, die immer noch in dem geisterhaften, heimlichen Wüstenwind flatterten und besagten: “Rattlesnake Bill wohnte hier“ oder “Brokenmouth Annie hauste hier jahrelang“.“ Aber Kerouacs Natursinn war echt und führte ihn tatsächlich ein Stück weit über die Naturoberfläche hinaus. Und sein Sinn für Menschen schenkte ihm Männer-Freundschaften und Liebe zu und von Frauen, die Burroughs für einen grundlegenden Irrtum und verantwortlich für jede Dualität hielt. (2) Burroughs hätte nie wie Kerouac in “Unterwegs“ schreiben können: “Und so ging ich hinauf, und da war sie, das Mädchen mit den reinen und unschuldigen teuren Augen, das ich immer gesucht hatte seit so langer Zeit. Wir kamen überein, uns wahnsinnig zu lieben.“ In seiner “Unterwegs“ beigegebenen Liste der unentbehrlichen Hilfsmittel für das Schreiben finden sich unter anderem folgende: “Gib dich jedem Eindruck hin! Öffne dich! Lausche! - Sei in dein Leben verliebt! - Etwas, was du fühlst, wird die ihm eigene Form finden. – Im Zentrum des Interesses leuchtet juwelengleich das Auge innerhalb des Auges. – Geh immer vom Kern der Sache aus, schwimm im Meer der Sprache. - Es gilt, die Flut, die in deinem Inneren bereits unversehrt existiert, aufzuzeichnen. Ringe darum! – Empfinde weder Angst noch Scham, wenn es um die Würde deiner Erfahrungen, deiner Sprache und deines Wissens geht! – Du bist allzeit ein Genie! – Autor und Regisseur irdischer Filme, vom Himmel finanziert und heilig gesprochen.“

Der erst im Februar 2010 in deutscher Sprache herausgegebene Roman “Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“ (3) ist ein über Jahrzehnte unveröffentlicht gebliebenes Gemeinschaftswerk von Burroughs und Kerouac. Es führt in das New York ihres Milieus nahe am Ende des Zweiten Weltkriegs zurück, als es auch geschrieben wurde, lange bevor die Beatniks durch Allen Ginsbergs Gedichtsband “Howl and other Poems“ (1956) sowie die Romane “On the Road“ bzw. “Unterwegs“ (1957) von Kerouac und “Naked Lunch“ (1959) von Burroughs weltberühmt wurden. (4) Von da an gehen von ihnen für Menschen mehrerer Alternativ-Bewegungen Inspirationen aus, die Kunst, Bewusstseinserweiterung und Politik als Lebensweise miteinander verbinden woll(t)en. Der damals 30jährige Burroughs und der erst 22jährige Kerouac wechselten sich beim Schreiben der Kapitel von “Die Nilpferde …“ ab, mit einer zwar abgesprochenen und doch (so finde ich) erstaunlichen Einheit im Stil, während sie sich inhaltlich ergänzten und den Kennern ihrer späteren Bücher über die Inhalte schon etwas von ihren unverwechselbaren Charakteren zeigen. Der Zweite Weltkrieg bleibt den ganzen Roman über am Rande, denn es wird hauptsächlich und gelungen von verflochtenen Beziehungen in ihrer kleinen Szene erzählt, schon in der Sprache so modern, dass er fast auch heute spielen könnte. Und doch ist der Roman, im dem Burroughs und Kerouac unter Pseudonymen selbst auftreten, mehr als eine Milieu-Studie. Ihm liegt der tatsächlich begangene Mord des 19jährigen Lucien Carr an seinem 14 Jahre älteren und in ihn verliebten Freund zugrunde, der vielleicht in Abwehr begangen wurde. Phillip (wie Lucien in “Die Nilpferde …“ genannt wird) war gleichzeitig mit der jungen Barbara liiert. Burroughs stellt die Freunde Phillip und Al in dem Roman als jeden für sich völlig in Ordnung vor: “Aber wenn die beiden zusammen sind, dann passiert etwas, und als Melange gehen sie allen nur auf den Geist.“ Durch den Mord mischen sich Züge von einem Krimi in den Roman, dessen Geschichte Burroughs und Kerouac als roten Faden fantasievoll aufgriffen (nicht zuletzt zum Schutz von Lucien), ohne den Kern des Mordhergangs zu entstellen. Warum das Buch seinen ungewöhnlichen Titel trägt, möge man als Leser selbst herausfinden.


Quellen

1 “Der Job“, Interview mit Willliam S. Burroughs von Daniel Odier, Kapitel: Noch ein paar Minuten. – Verlag Kiepenheuer & Witsch

2 ebenda, Kapitel: Ein neuer Frosch – Die Äußerung stammt aus dem Jahr 1969.
Gleichwohl fühlte sich der mehr homo- als bisexuelle Burroughs in den 1970er Jahren in der Gesellschaft von unabhängigen Künstlerinnen wie zum Beispiel Lauri Anderson, mit der er sogar zusammenarbeitete, wohl. Die amerikanische Frauenbewegung erkannte er an. - In Wien, wo Burroughs medizinische Seminare besuchte, ging er 1937 seine erste Ehe mit der Jüdin Ilse Klapper ein (eine reine Zweckehe, im Gegensatz zur zweiten), was ihr erlaubte, vor den Nazis in die USA zu emigrieren. – Im Gegensatz zu Kerouac und Ginsberg hatte er mit der Liebe grundsätzlich ein Problem: er glaubte nicht an sie.

3 “Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“, William S. Burroughs und Jack Kerouac – Verlag Nagel & Kimche

4 “Howl and other Poems“ von Allen Ginsberg und “Naked Lunch“ von William S. Burroughs sind ebenfalls in deutscher Sprache erschienen.