Zweiter Stock, sechster Stock | EgoBlog | Die Egoisten

Zweiter Stock, sechster Stock

Das Mädchen war sieben Jahre alt, ein schönes kleines Wesen, gelegentlich offenherzig, von lebhaftem Temperament, gelegentlich verstockt, aber ich wusste nicht warum. Ich bekam bald heraus, dass sie kein Wort lesen oder schreiben konnte, bei schon offensichtlich hell wacher Intelligenz, und dass sie die Mitschüler mit Butterbroten bestach, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Wir mussten mit der Phonem- Graphem- Zuordnung ganz von vorne beginnen, ja sie musste überhaupt lernen, zu lernen, ohne sich durch zu tricksen. Das tat sie auch, ein Jahr lang, aber es blieb eine Unruhe und Wut in ihr, die ich mir nicht erklären konnte. Sie blieb in einem wesentlichen Bereich stumm, so weit wusste ich Bescheid. Aber als ich dann tatsächlich auf verzweigten Umwegen an das Problem heran kam, stand sie im zweiten Stock im Fenster und wollte springen. Ich war ganz ruhig, wie meist, wenn es darauf ankommt und machte nicht zu viel Druck. Sie könnte es mir sagen, sagte ich, ich wäre für sie da, aber ich müsste vielleicht etwas unternehmen. Dann nahm sie, als ich langsam aufstand, meine Hand und kam vom Fensterbrett herunter. Wie sich heraus stellte, wurde sie von ihrer Mutter, an einen gut angesehenen Herrn vermietet worden und musste diesem bei abendlichen Gelagen und mittags nach der Schule zu Diensten sein. Die Kripo und das Jugendamt waren zwei Stunden später vor Ort und entfernten das Mädchen aus allen weiteren Zugriffen - es bestand, da sie nun einmal das verzweifelte Schweigen gebrochen hatte, akuter Handlungsbedarf. Man befürchtete Gewalt vonseiten des ehrenwerten Herrn, der letztlich im übrigen bei der ganzen Angelegenheit nicht einmal vor Gericht erscheinen musste, da er sich als Opfer einer Erpressung darstellen konnte.

Der Junge war in der Schule nicht mehr zu fördern, da seine Gewalttätigkeit bereits im ersten Schuljahr jedes Mass überstieg. Es war eine dumpfe, verzweifelte Gewalt ohne sichtbaren Anlass, er versuchte unterschiedslos durch schwere Schläge zu verletzen- ob Kinder oder Erwachsene. Er verweigerte damit offensichtlich jede schulische Förderung und jede Entfernung von zu Hause. Es hieß, der Vater sei im Gefängnis, die Geschwister im Heim und die Mutter meistens alkoholisiert. Als ich in dem Abbruch- Hochhaus, das mehr einer Ruine glich und dessen Aufzug man lieber nicht vertraute (er war innen ausgebrannt) im sechsten Stock zum Hausunterricht kam, flüchtete der Junge in ein Zimmer, hantierte am Fenster, hüpfte in den offenen Rahmen und sagte: Ich springe. Ich ging ruhig Schritt für Schritt zurück, in die Küche, zur Mutter, die am Tisch saß. Ich rief: Ich bin schon weg, bei deiner Mutter. Nach einer Zeit kam er aus dem Zimmer und setzte sich vor den Fernseher. An diesem Tag lernten wir sonst nichts mehr, am nächsten Tag eine halbe Stunde, dann ging wieder nichts, aber am vierten Tag lasen wir ein wenig zusammen. Er war etwas aufgeräumter, die Wut hatte sich verflüchtigt- diese Wut, die schon in diesem Alter auch selbstmörderisch war. Ich verstand, dass die Mutter niemals trank, sie erschien den Behörden nur so, weil sie schon fortgeschrittenen Parkinson hatte. Es war niemand für sie da- der Junge hatte sich vorgenommen, sie zu beschützen. Der Rest der Welt war für ihn zu einem diffusen Feindgebiet geworden.

Diese Geschichten kann man herauf und herunter erzählen, sie klingen immer bizarr in den Ohren derer, die davon nicht berührt werden. Aber dort, wo diese Geschichten entspringen, gibt es viele davon. Daran ändert auch ein ganzer Helferapparat nur marginal etwas. Es ist keinesfalls nur ein Apparat, es gibt viele Grenzgänger, die als Personen wach und engagiert tätig sind. Natürlich ist es nie genug. Es ist immer nur das, was man schaffen kann. Die Perspektiven der Grenzgänger, die an den gesellschaftlichen Abgründen zu tun haben, ändern sich. Man wird immer konkreter und vertritt keine allgemeinen, abstrakten Standpunkte mehr. Man macht, was zu tun ist, was man kann, man nutzt die Netzwerke, das Gespräch, man kämpft gegen administrative Grobschlächtigkeit und institutionelle Gleichgültigkeit an. Es ist nie genug, und am Ende verliert man die Personen aus den Augen. Man hat immer nur eine gewisse Zeit zur Verfügung. An den Kern des Problems heran zu kommen, erklärt die Wunden, die geschlagen wurden, aber heilt sie nicht. Das, was man anstösst und bewegt, trägt den Fall meist in andere - vielleicht fachkundigere- Hände und man bleibt zurück mit diesen Fragezeichen, die später, endlos lang, ein Leben lang, durch die Träume wabern. Die Perspektiven ändern sich, die Probleme nicht.
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