Die Zone seelischer Reflexe | EgoBlog | Die Egoisten

Die Zone seelischer Reflexe

Die Zone der seelischen Reflexe meint in diesem Zusammenhang ein Dilemma des Praktizierenden, des Meditanten, der sich tatsächlich und willentlich auf den Weg gemacht hat, das „reine Denken“ als Erfahrung zu suchen. An einem gewissen Punkt stellen sich meist auch „Erfahrungen“ ein, bei denen aber kein Korrektiv mehr in der Außenwelt besteht, im Kontext bisher gemachter Erfahrungen. Es fehlt zunächst ein Koordinatensystem für das Urteil und für das seelische Empfinden.

Rudolf Steiner stellte das Dilemma einmal auf folgende Weise dar („Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?“, S. 164): „Eine richtige Entwicklung schließt aber ein Hinlenken der Egoität des astralischen Leibes zu allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen ein. Und wie Gift wirkt es, wenn der Mensch in diejenigen Regionen seiner hellseherischen Beobachtung, wo er nur imprägniert mit allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen beobachten sollte, hinaufträgt persönliche Interessen und persönliche Aspirationen. Dann kommt für die hellseherische Beobachtung nicht die Wahrheit zustande, sondern es kommen Imaginationen zustande, welche unwahr, unrichtig sind, welche nur die Widerspiegelung sind der persönlichen Interessen und der persönlichen Aspirationen.

Man fragt sich, woher diese innere Reife denn kommen soll. Oder anders gefragt: wer ist dann schon frei von Irrtümern in der Wahrnehmung der „geistigen Welt“? Verbreitet ist z.B. die Neigung, solche Erfahrungen so weit unkritisch hoch zu schätzen, dass man sie in ihrer Unmittelbarkeit per se für „Wahrheit“ hält. Dass man diese erstmaligen Erfahrungen in ihrer Unmittelbarkeit, mit der sie ans innere Augen drängen, als unleugbares Evidenzerlebnis nimmt, liegt aber im Kern vielleicht auch daran, dass man sich selbst zu ernst nimmt, zu sehr als Mittelpunkt der Welt, zu eitel, zu wichtig. Der erfahrene „Stalker“ weiß, dass am Anfang das Drängende, Glänzende, Unmittelbare lauert, das die Aufmerksamkeit in Beschlag nimmt und möglicherweise lediglich ablenkt vom Wesentlichen, das ganz still und unscheinbar daher kommt. Es gibt viele Wohnungen in diesem Haus, im Eingang aber lenken Lüster und goldene Klinken derartig ab, dass Mancher hier verweilen möchte. Er formuliert hier vielleicht eine spirituelle Grunderfahrung, er gründet eine Religion oder findet etwas, was er für Erleuchtung hält. Jeder bekommt hier, was er erwartet hat. Rechthaber bekommen Recht, Sensationssüchtige bekommen Wunder, Katholiken bekommen Marienerscheinungen, Reinheitssüchtige sehen Engel oder was immer. Man spiegelt seine eigenen Erwartungen, man ist geblendet von ihnen. Man selber verstellt sich den klaren Blick, hält das illusionäre Spiegeln aber für „Wahrheit“.

Man hat einen langen Weg durch viele Zimmer vor sich. Manche sind abgewrackt und wirken wie zerbombt. Das Zimmer, das keine Spiegel hat, ist sicherlich eines der letzten. Wenn man sich selbst betrachtet, ist es, als halte man ein Häufchen Staub in der Hand. Es ist sehr viel schwerer, frei zu werden von den eigenen seelischen Reflexen als vom „linearen Denken“. Letzteres erlebt man bereits im Entree, aber es nützt einem nicht viel. Man ist nicht frei, wenn man keine Orientierung hat. Letztere ist eine eher moralische Kategorie, eine Verwandte des Gewissens. Sie ist wirklich unscheinbar. Es ist das, was Rudolf Steiner als die Kraft bezeichnet, sich seelisch den „allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen“ zuzuwenden. Das können wir nur, wenn wir von unseren Reflexen frei kommen.
blog comments powered by Disqus