Michael Eggert: Ein Lob der Zeitverschwendung | EgoBlog | Die Egoisten

Michael Eggert: Ein Lob der Zeitverschwendung

In letzter Zeit habe ich mich gern auf den satanischen Facebook (auch satanisch!) -Seiten der Marx- Brothers der Anthroposophischen Bewegung (Felix, Ansgar, Christoph, Christian) herum getrieben und auch ungefragt Tipps zur anstehenden Publikation von deren Buch „Endstation Dornach“ gegeben; Motto: Wenn schon satanisch, dann richtig - denn zu revolutionären Inhalten gehört ein revolutionäres Layout. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch den Cartoon „Kamaloka“ hoch geladen und wurde darob von dritter Seite schwer gerügt. Denn erstens gehöre sich Sarkasmus nicht und zweitens sei das „Zeitverschwendung“. Ich antwortete, ich fände Zeitverschwendung geil, worauf sich der (offensichtlich anthroposophische) Kritiker mit verächtlichem Schulterzucken von mir abwandte.

Luxus und Zeitverschwendung- geht das nicht Hand in Hand? Der wahre Luxus ist natürlich ein meditatives Leben, ein kontemplativer Lebensstil. Man fällt dadurch nicht nur aus nahezu allen Ideologien der Gegenwart hinaus, die stets das Mehr und Besser propagieren. Man frönt eben auch dem Luxus Zeit schlechthin. Wie viele Menschen unter den Milliarden Erdbewohnern können sich einen solchen Luxus leisten, sind sie doch gebeutelt von prekären Geld- und Arbeitsverhältnissen? Diese Website heisst auch deshalb „Egoisten“, weil hier der Luxus der Zeitverschwendung propagiert wird- sofern man es sich leisten kann und will.

In die Fluten des reinen Denkens einzutauchen, ist ja immer auch eine Übung in Absichtslosigkeit. Zwar lässt man sich - hoch konzentriert- ganz und gar nicht treiben, taucht aber so tief, dass man in der Situation zwar jederzeit voll bewusst und wach ist. Aber im Strom der Absichtslosigkeit und reinen Gegenwärtigkeit zu stehen bedeutet auch, dass man sich auf einer Ebene bewegt, die dem Tiefschlaf ähnelt- man kann sich hinterher kaum an etwas Konkretes erinnern. Man fühlt sich zwar erfrischt, als hätte man einen Jungbrunnen aufgesucht, weiss aber nicht genau, was man da gemacht hat. Allerdings kommt man an den Rändern der meditativen Versenkung in einen Zwischenbereich, der dem Träumen ähnelt. Wie im Traum kommen auch die konkreten Alltagsprobleme auf einen zu. Man umkreist sie, schaut sie von allen Seiten an. Anders als im Traum ist man Herr des Geschehens- es entwickeln sich keine unwillkürlichen Bilderfolgen. Vielmehr wird einem in dieser imaginativen Situation klar, wie man dem Problem begegnen kann. Es ist ein Missverständnis, zu glauben, Imaginationen müssten bildhafter Natur im engeren Sinne sein. Die Konzentration der gedanklichen Lösungsansätze ist aber ganz anders; man hat Gedanken nicht nacheinander, sondern „in einem“, als wäre es ein Paket, das man erst später aufschnüren kann.

Hinterher, im diskursiven Alltagsbewusstsein, entfaltet man das „Paket“ in eine logische und zeitliche Folge. Oft sieht man, dass das, was eben noch so kompakt erschien, sich in eine Fülle von Ideen entblättert. In dieser Hinsicht ist Imagination ein Denken in dreidimensionaler Art und Weise, nicht in linearer. Am besten schreibt man das alles auf. Es erweist sich meist als relevant und fruchtbar.

Die „Zeitverschwendung“, die praktizierte Absichtslosigkeit kürzt in Wirklichkeit die Wege ab. Vielleicht wäre man auch anders auf die Lösungswege gekommen, aber es hätte viel Zeit gekostet. In der Zeitlosigkeit dagegen wachsen die Ideen wie eine Wiese voller Blumen. Man kommt mit einer leeren Vase zu Besuch, und kehrt mit einem überreichen Strauß zurück.
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