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Michael Eggert: Die Zeit anhalten

Voraussetzungen im engeren Sinne gibt es keine, um ins nonduale Erleben zu wechseln, oder, um in unserem Sprachstil zu bleiben, die Zeit anzuhalten. Ich persönlich mag dabei keine überkreuzten Gliedmaßen und andere Verrenkungen; ansonsten gilt nur: Bequem sitzen. Natürlich ist es nicht ganz leicht, das willentlich abzustellen, was uns immer im Zeitstrom hält: Das was ich gleich machen wollte und will, dass ich noch diesen Arzttermin habe und im Keller staubsaugen wollte. Das, was gerade passiert ist und noch nicht geklärt: Der Brief mit dem amtlichen Siegel, der gerade im Briefkasten lag, meine berufliche Stellung, die gerade durch eine neue personelle Konstellation fraglich geworden ist. Aus all dem, in das ich eingespannt bin, möchte ich nun heraus treten und frische Luft dabei schöpfen.

Womöglich hilft ein mantrischer Spruch, ein Koan, ein in sich Widersprüchliches, das nur auf einer höheren Ebene vernünftig wird, indem ich auf einer höheren Ebene in diese Vernunft eintrete. Natürlich ist ein Steinersches Koan wie „Denkend empfinde ich mich eins mit dem Weltgeschehen“* auf der dualen Ebenen unsinnig, denn denkend empfindet man gar nichts, schon gar nicht sich selbst, und erst recht nicht sich „eines“ mit irgend etwas, und überhaupt nicht mit einem „Weltgeschehen“. Diese Art von Selbsterfahrung befindet sich schon *dort*, im Nondualen, auf der Ebene des Seins.

Die Worte des Koans werden, sobald ich an eine konzentrierte, aber leichte, nicht verkrampfte Vertiefung des Spruchs komme, an der die einzelnen Worte und Bezüge sich auflösen, flüssig werden und zum sinnvollen Erleben kommen, zum Anstoss für eine Art „Flow“- Erfahrung. Das Lastende der Nacht, die konkreten Sorgen, die kommenden Probleme und gleich notwendigen Telefonate und Gespräche lösen sich zwar nicht auf, treten aber in den Hintergrund einer erlebten reinen Gegenwärtigkeit. Es gibt ein tieferes und weniger intensives Eintreten. Mir persönlich fällt es morgens schwerer. Es ist dann eher ein kurzes Ins-Wasser-Steigen - etwas, um es anzuregen, um eine Melodie für den Tag anstimmen zu lassen. Im Tagesverlauf erweist es sich als günstig, Wartesituationen oder Pausen zu benutzen, sich kurz an das fliessende Wasser zu erinnern, sich seiner Existenz zu vergegenwärtigen. Im Islam würde man so etwas vielleicht mit einer kurzen „Waschung“ bezeichnen. Es nimmt den untergründigen Faden auf und spinnt ihn weiter, taucht das Gegenwartsbewusstsein kurz ein ins Strömende. Am Abend wird es Gelegenheiten geben, diese innere Melodie zu vertiefen und mit größerer Gänze zuzulassen, was inzwischen kraftvoll geworden ist. Vorhersagbar ist da nichts, planbar auch nicht- und manche Tage geben aus inneren oder äußeren Umständen keine Möglichkeit her, die innere Verbindung zu vertiefen.

Das ist aber nicht tragisch, da die Möglichkeit zur Gegenwärtigkeit inzwischen einfach besteht. Sie ist mit Händen zu greifen und manifestiert sich auch in einem veränderten Körper- und Selbstgefühl. Man könnte auch sagen, man habe die Chakren bewegt und spüre nun ihre Eigendynamik. Es bedarf nun keines Anlaufs mehr, keiner Übung, um die innere Präsenz zu erfahren- man wechselt - um es ungeschickt auszudrücken- zwischen den Ebenen oder wird, präziser, der Ebene des „Flow“, der Ebene des „reinen Denkens“ dauerhaft gewahr, auch wenn man sich immer wieder aus ihr heraus zieht, um vielleicht die Steuererklärung fertig zu machen oder Auto zu fahren.

Die Möglichkeit, in die Zeitlosigkeit einzutreten, hängt von einigen Faktoren ab; ich denke, dass es heute eine kulturunabhängige Fähigkeit ist, die mit der modernen Art der Inkarnation zusammen hängt. Es ist keine individuelle Fähigkeit, denn sie rückt von Generation zu Generation näher; sie ist aber auch ein Luxus, da sie davon abhängt, inwieweit man ausschließlich für den Broterwerb tätig sein muss - oder inwieweit man aus dem Hamsterrad zumindest zwischendurch auch aussteigen kann. Es ist keine individuelle Fähigkeit, auch nichts, womit man aufs Neue ein Selbstgefühl verbinden kann. Man kann zweifellos einen Kult daraus machen. Es gibt aber so wenig einen Grund, darauf stolz zu sein wie auf die Tatsache, frische Luft zu atmen: Man hat die Luft nicht geschaffen. Die Präsenz in der einen oder anderen Form zu erfahren, ist eine natürliche Gabe wie das rationale Denken; es ist ein Rationales, das näher am „Leben“ ist, mehr nicht. Es gibt also auch etwas wie spirituelle Hysterie oder aber (was wir hier propagieren möchten) Rationalität. Die diversen hysterischen Ausbrüche bevölkern die entsprechende Szene und deren Literatur und Retreats. Das Erleben des Flow aber bedarf, wenn es einmal gefestigt ist, keiner äußeren, ja nicht einmal mehr innerer Anstösse- eigentlich widerstrebt es einem ja sogar, Begriffe wie „Meditation“ darauf anzuwenden, da es sich nicht um einen Ausnahmezustand handelt, sondern um eine ganz natürliche Gestimmtheit. Rudolf Steiner nannte das sogar zuweilen den „gesunden Menschenverstand“.

Zu dieser Natürlichkeit gehört auch, dass man sich eigentlich immer als Beginner versteht- es sind bis auf nicht absehbare Zukunft lauter Anfänge von etwas. Ich denke schon, dass die anstehende Transformation eine natürliche kulturelle Strömung ist, an der man teilhat: „Von den Geistern der Form zu den Geistern der Bewegung.“ Das Gewordene, Geformte ist ja so wenig weg wie der Alltag und das so und so sich darlebende Individuum. Es ist absolut notwendig, bis zu diesem ausgeformten Individualismus vorgedrungen zu sein. Nun aber darf auch frischer Wind hinein, der Atem darf weiter werden, und die Dinge können auch mit dem Herzen gesehen werden.

Was man vielleicht noch anmerken darf, ist, dass mit dem „Anhalten der Zeit“, dem Erleben des Flow noch keine moralische Reife mitgeliefert wird. Das hier ist kein All- Inclusive, kein Baumarktregal, aus dem man eine Fertiglösung entnehmen kann. Es gibt womöglich noch nicht einmal Beurteilungsmaßstäbe, auf die man sich verlassen könnte. Daher erscheinen an allen Ecken - auch in den anthroposophischen - Autoren, die ein Alleinvertretungsrecht beanspruchen- womöglich aus Verkennung der Lage. Der behauptete exklusive Zugang produziert meist Anhänger, die an dieses Alleinvertretungsrecht glauben. Das schafft völlig verquere Positionierungen beider Seiten, nämlich archaische Schüler- Lehrer- Verhältnisse. Wenn die Machtspiele beginnen, kommen Mechanismen in Gang, die eine eigene Dynamik haben, vor allem aber restlos von dem, worauf es ankommt, ablenken.

Man muss vielmehr heute davon ausgehen, dass die Fähigkeiten, von denen die Rede ist, universell sind und nur eines Anstosses bedürfen, um geweckt und entfaltet zu werden. Moderne spirituelle Rationalität versteigt sich auch nicht in Visionärem und ertrinkt nicht in Bilderfluten. Es wird kein „Ego“ überwunden, sondern es tritt - zart- ein konzentriertes Loslassen auf, das sich in die Verhältnisse - auch die persönlichen Schicksale - einfügt, sie akzeptiert und sie ganz allmählich von innen und von außen durchleuchtet, durchglänzt und befruchtet. So entstehen z.B. neue soziale Kompetenzen, neue Teamfähigkeiten, in denen es vor allem darauf ankommt, so stark zu sein, Anderen Raum und Entfaltungsmöglichkeiten bieten zu können. Das innere und äußere Zurück- Treten-Können, um in reiner Gegenwärtigkeit situationsangemessene Lösungsmöglichkeiten zu finden, ohne Anderen etwas aufzuoktroyieren, sind Teilaspekte der neuen Fähigkeiten.

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*Eine umfassende Darstellung anthroposophischer Meditationstechnik von Hans-Peter Dieckmann: http://www.anthroposophie-dieckmann.com/Meditation.html
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