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Simone Weil: Über Aufmerksamkeit

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Regine Kather schreibt in Aufmerksamkeit. Ein Bindeglied zwischen der Welt und Gott bei Simone Weil (Schriftenreihe der katholischen Akademie Köln 2001) über die von mir überaus geschätzte Mystikerin im modernen Sinn, ja sogar in radikalem politischen Aktivismus, geschlagen durch eine lebenslange Migräne, eine rationale Gläubige im besten und konkretesten Sinn. Jemand, der auch radikal mit sich selbst umging. Jemand, für die es tragisch war, von ihrem engen katholischen Priester- Freund doch nicht verstanden zu werden - er instrumentalisierte sie auch post mortem, und in ihren Briefen an ihn erkennt man, dass sie es erkannt hat. So schrieb -ja meditierte - Simone Weil über die Aufmerksamkeit:

"Die Aufmerksamkeit erwächst weder allein aus einer bewussten Absicht noch aus einer bloß emotionalen Reaktion, aus Angst oder Begierde. Sie entsteht aus einem Bedürfnis und aus innerer Anteilnahme. Sie dient nicht nur der Befriedigung der eigenen Wünsche, sondern richtet sich auf etwas, das das eigene Ich transzendiert. Als unmittelbarer Ausdruck des menschlichen Geistes kann sie dessen vielfältige Funktionen zu einer Wirkeinheit zusammenschließen, sie einen."

Aber sie möchte doch auf den Kern der Sache zu sprechen kommen- nämlich dass in der Aufmerksamkeit verschiedene Ebenen und geistige Aktivitäten zusammen fliessen:

"Die Aufmerksamkeit ist durch eine polare Struktur gekennzeichnet, die auf allen Ebenen, bei der Lösung einer Mathematikaufgabe, in der Begegnung mit Menschen und in der religiösen Erfahrung auftaucht: In der Aufmerksamkeit koinzidieren Aktion und Passion, intentionale Gerichtetheit und Phänomenbezogenheit, konzentrierte, entschlossene Zielgerichtetheit und geduldig wartende Empfänglichkeit. Es handelt sich, so schreibt Simone Weil prononciert, um ein ‘nicht-handelndes Handeln’, ein Handeln also, das ohne die Fixierung auf ein bestimmtes Ziel oder einen Plan und doch mit voller Sammlung und Präsenz erfolgt."

Die Autorin weist auch darauf hin, dass sie in Weils Darstellungen der Aufmerksamkeit auch Bezüge zum antiken Griechenland sieht:

"Simone Weils Beschreibung der Aufmerksamkeit erinnert vermutlich nicht zufällig an die Erkenntnishaltung, die für die griechische Philosophie, vor allem für Platon und Aristoteles, kennzeichnend war. Die ‘Theoria’ war noch keine theoretische, intellektuelle Erkenntnis im modernen Sinne des Wortes; als eine kontemplative Einstellung galt sie als Ausdruck höchster geistiger Aktivität. Sie vollzog noch keine Konstruktion theoretischer Zusammenhänge, sondern war auf das Erfassen des Seins, des Wesens der Dinge, gerichtet."

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Foto Wikipedia. Artikel über Simone Weil.
Artikel bei den Egoisten über Simone Weil:
Nichts und niemand
In Christus
Die Kraft des Lebens
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