Michael Eggert: Verdautwerden | EgoBlog | Die Egoisten

Michael Eggert: Verdautwerden

Es ist nicht so, dass wir schwer würden mit den Jahren- vielleicht an Gewicht, vielleicht an Schuld, das ja. Ich denke nicht, dass wir wirklich schwerer werden, aber etwas ändert sich doch.
Ich denke, das ist das Gewicht derer, mit denen wir verbunden waren und die nun schon vor uns verstorben sind- eine Kette, die länger und länger wird. Manche blitzen manchmal, in bestimmten Situationen, vor dem inneren Auge auf, einen Wimpernschlag lang, dann aber, als wären sie direkt bei uns. Es ist nicht eine bestimmte Situation, nicht eine bstimmte Gebärde oder ein mimischer Zug, nicht der Blick, dieser spezifische und einzigartige, nicht das Lächeln und nicht die Falten, nicht das Seelenvolle in allem- nein, es ist die Essenz von all dem, die unmittelbare Nähe, das entspringende Bild, das so frisch ist, dass es nicht aus den Erinnerungen stammt. Es ist eine situative Vergegenwärtigung.

Vielleicht haben sie nicht Gewicht, so wenig wie ich, aber sie bilden etwas wie einen Schweif, der auf meiner Kometenbahn länger und leuchtender wird. Am Ende wird er den halben Himmel bedecken. Am Ende werden wir von der Sonne verschluckt und gehen ein in das Reich devachanischer Verdauungsvorgänge.

Es ist nicht so, dass wir schwer würden mit den Jahren, aber wir sehen zunehmend dem Verdautwerden entgegen.
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