Der moderne Antichrist. Solowjow und eine aktuelle Erzählung von Ted Chiang | EgoBlog | Die Egoisten

Der moderne Antichrist. Solowjow und eine aktuelle Erzählung von Ted Chiang

Wladimir Solowjews „Eine kleine Erzählung vom Antichrist“ ist, mehr als hundert Jahre nach ihrem Erscheinen, schon deshalb von einiger Aktualität, weil Solowjew doch in jedem Fall schon dies vorhergesehen hat: „Im einundzwanzigsten Jahrhundert war Europa zu einer Union von mehr oder weniger demokratischen Staaten geworden: den Vereinigten Staaten von Europa.“ Das „mehr oder weniger“ ist vielleicht bedenkenswert. Gemindert wird der Wert des Buchs sicherlich durch die Ressentiments Solowjews gegen das „Mongolische“ - durch die implizierte Annahme, der individuelle Geist würde sich nicht in jedem Winkel der Welt - gegen Widerstände und in Widersprüchen- durchsetzen. Der Unabhängigste aller Geister allerdings ist der, um den es Solowjew eigentlich geht, um den, der das Konzept von Nietzsches Übermenschen nicht nur propagandistisch, elitär, rassistisch oder im Sinne des Nationalsozialismus menschenverachtend realisiert, sondern persönlich: "In jener Zeit trat unter diesen Gläubigen ein bedeutender Mann auf – viele hielten ihn für einen Übermenschen –, der weder einen primitiven Geist besaß, noch auch freilich dem Herzen nach ein Kind war. Obgleich er erst dreiunddreißig Jahre zählte, war er durch seinen Genius schon als Denker, Schriftsteller und Sozialreformer berühmt. Trotzdem er um seine große Begabung wußte, unterwarf er sich aus Überzeugung den Geboten des Geistes. So ließ ihn sein klarer Verstand stets auch die Wahrheit des Glaubens erkennen, des Glaubens an das Gute, an Gottes Dasein und an die Offenbarung des Messias. Er glaubte an dies alles, aber er liebte nur sich selbst. Er glaubte an Gott, doch im Abgrund seines Herzens gab er sich selbst unwillkürlich und ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, vor Gott den Vorzug.

Die Selbstbezüglichkeit und Egomanie dieses fiktiven Übermenschen setzt ihn an die Stelle des Sohnes Gottes: "Diese Selbstliebe war aber weder ein instinktiver Drang, noch eine sinnlose Anmaßung. Denn seine außerordentlichen Gaben, seine Schönheit, sein vornehmes Wesen schienen zusammen mit zahlreichen Beweisen von Enthaltsamkeit, Uneigennützigkeit und Wohltätigkeit genügend die ungeheure Selbstliebe zu rechtfertigen, die den Charakter dieses großen Spiritualisten, Asketen und Menschenfreundes bestimmte. Wer hätte ihn anklagen dürfen, dass er in der Fülle dieser Gottesgaben ein sichtbares Zeichen der Auserwählung von oben her erblickte und sich als den Zweiten nach Gott, als den in seiner Art einzigen Sohn Gottes ansah? Mit einem Wort, er hielt sich für Jenen, der in Wahrheit Christus allein ist.“

Der Antichrist, „der große Mann des einundzwanzigsten Jahrhunderts“, der der Menschheit den Frieden bringen will, stürzt mit 30 Jahren in eine innere Krise, in deren Verlauf er in seiner quasi- göttlichen Selbstüberschätzung die Auferstehung Christi leugnen muss. In dieser inneren Auseinandersetzung wird er an einen Abgrund geführt, in den er geistig stürzt, aber aufgefangen wird: „Er fühlt eine Erschütterung wie von einem elektrischen Schlage, und eine geheimnisvolle Kraft wirft ihn zurück. Für einen Augenblick verliert er das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kommt, liegt er wenige Schritte vor dem Abgrund auf den Knien. Vor ihm erstrahlt wie durch Nebel in phosphorischem Licht ein Gesicht. Zwei Augen bohren sich mit unerträglichem und schneidendem Glanz in seine Seele. Erstarrt unter diesem hypnotischen Blick hört er eine Stimme, ohne erraten zu können, ob sie aus seinem Innern oder von außen her kommt. Es ist eine seltsame Stimme, dumpf und dennoch klar, aber seelenlos wie schwingendes Metall.“ Man kann von einem Initiationsvorgang sprechen, der hier angesprochen wird, der den kommenden Antichristen auf spezifische Art vergeistigt, und, aus der Phase der Bewusstlosigkeit heraus, ihn das Buch schreiben lässt, was ihn zum globalen Herrscher werden lässt: „Offener Weg zum Weltfrieden und allgemeinen Wohlstand.

Nun mag man über solche Initiationsschilderungen erinnert werden an Hitler, der nach einer Gasvergiftung im ersten Weltkrieg beschlossen hatte, Politiker zu werden. Man kann aber auch ganz aktuelle Bücher ansehen wie Ted Chiangs Erzählungsband "Stories of Your Life and Others“, der gerade auch auf Deutsch erschienen ist- mit dem Titel „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“.

In der zweiten Erzählung des Buches geht es um einen erwachsenen Mann, der nach einem Unfall - er war faktisch ertrunken- über eine Woche hirntot im Wachkoma liegt. Er wird durch ein neues Medikament - „Vitamin K“- behandelt, das es möglich macht, bei scheinbar irreversiblen Nervenschäden eine Remission zu erzwingen. Je umfassender die vorliegenden Schäden sind, desto weitreichender und unabsehbarer die Folgen. Dem Hirntod folgt im Fall des Helden eine ins Übermenschliche reichende Hyperintelligenz. Da sich aus militärische Psychologen und Dienste für ihn zu interessieren beginnen, entkommt er, manipuliert durch seine gewonnenen Programmierfähigkeiten die Datenbanken, spekuliert an den Weltbörsen und besorgt sich weitere Dosen des inzwischen konfiszierten Medikaments.

Chiang schildert im Verlauf der Erzählung eine Art intellektueller Initiation, die den Vorgang so von innen beleuchtet, wie Solowjow die Folgen der Karriere seines Antichristen von außen verfolgte. So beginnt der moderne Antichrist Kontrolle über die endogenen Prozesse des Körpers zu entwickeln und entfaltet Fähigkeiten imaginativer Art, indem er Vorgänge und komplexe Zusammenhänge in „gestalts“ wahrnimmt: "Control over my body continues to grow. By now I could walk on hot coals or stick needles in my arm, if I were so inclined. However, my interest in Eastern meditation is limited to its application to physical control; no meditative trance I can attain is nearly as desirable to me as my mental state when I assemble gestalts out of elemental data.“

Der spezifische Weg der ahrimanischen Initiation lässt ihn die inneren menschlichen Bindungen, die sozialen und moralischen Voraussetzungen überwinden, indem er Kontrolle über alle Empfindungen gewinnt: "Of course, I actually experience far fewer emotions than I could; my development is limited by the intelligence of those around me, and the scant intercourse I permit myself with them. I'm reminded of the Confucian concept of ren: inadequately conveyed by “benevolence,” that quality which is quintessentially human, which can only be cultivated through interaction with others, and which a solitary person cannot manifest. It's one of many such qualities. And here am I, with people, people everywhere, yet not a one to interact with. I'm only a fraction of what a complete individual with my intelligence could be.“

Er beginnt eigene sprachliche Systeme zu gestalten und macht sich das Internet als Ganzes zu eigen, indem er in „Ideogrammen“ zu denken beginnt, die jeweils Tausende von Gedanken beinhalten: "My new language is taking shape. It is gestalt oriented, rendering it beautifully suited for thought, but impractical for writing or speech. It wouldn't be transcribed in the form of words arranged linearly, but as a giant ideogram, to be absorbed as a whole. Such an ideogram could convey, more deliberately than a picture, what a thousand words cannot.

So gewinnt der neue Antichrist Gewalt über die gesamte Gestalt seines Denkens, und damit auch über das Bewusstsein von sich selbst, über sein Konstrukt als Person: "I understand the mechanism of my own thinking. I know precisely how I know, and my understanding is recursive. I understand the infinite regress of this self-knowing, not by proceeding step by step endlessly, but by apprehending the limit. The nature of recursive cognition is clear to me. A new meaning of the term “self-aware.““ Eine Initiation findet statt, in der Realität, Kommunikation und Ich Formen mentaler Gestalten für ihn sind: "What I can do is perceive the gestalts; I see the mental structures forming, interacting.“ Das rationale Wirklichkeits- und Selbstkonzept wird für ihn zu einer Ausgeburt seelischer Bedürfnisse aus der frühen Kindheit, die er nun beherrscht: "All that I once knew theoretically about my mind, I now see detailed explicitly. The undercurrents of sex, aggression, and self-preservation, translated by the conditioning of my childhood, clash with and are sometimes disguised as rational thought.“
Die bestimmte „Persönlichkeit“ ist daher nur eine mögliche Form unter vielen, die er anzunehmen nun in der Lage ist: "Much of what is conventionally described as “personality” is at my discretion; the higher-level aspects of my psyche define who I am now. I can send my mind into a variety of mental or emotional states, yet remain ever aware of the state and able to restore my original condition.“

Damit wird es ihm möglich, jede nur denkbare Fähigkeit - ob musikalisch, intellektuell oder handwerklich- in kürzester Zeit zu erwerben, da er die Bindungen an ein bestimmtes Ich- Konzept überwunden und Kontrolle über die Strukturen des Lernens gewonnen hat: "Skills that normally require thousands of repetitions to develop, I can learn in two or three. I find a video with a shot of a pianist's hands playing, and before long I can duplicate his finger movements without a keyboard in front of me.“ Das beruht auch darauf, dass er die biologische Funktionen der Neurotransmitter in seinem Gehirn zu beherrschen gelernt hat: "I have somatic awareness of kidney function, nutrient absorption, glandular secretions. I am even conscious of the role that neurotransmitters play in my thoughts.“ Aber nun wird ihm der Schlüssel zum Zugang der Materie aller Natur und des Kosmos gegeben, der sich aus der Erkenntnis der Prozesse im eigenen Körper ergibt: "I'm closing in on the ultimate gestalt: the context in which all knowledge fits and is illuminated, a mandala, the music of the spheres, kosmos.“ Er erfährt eine Art Erleuchtung: "I seek enlightenment, not spiritual but rational.“

Die völlige Kontrolle über alle seelischen, intellektuellen und somatischen Funktionen lässt den Antichristen, dem seine Mitmenschen lediglich als Marionetten erscheinen, nun auch beliebige Macht über diese gewinnen. Er kann vollkommen manipulieren, bis hin zu dem Punkt, aus ihnen nach seinem Willen „Freunde“ zu machen. Sein ungebremster Wusch nach Macht wird letztlich nur durch einen zweiten „Initiierten“ gestört, der aber im Unterschied zu ihm gewillt ist, zum Herrscher der Welt, zum großen Friedensstifter im Sinne von Solowjow zu werden.

Natürlich sind die beiden Bücher schwer zu vergleichen, doch letztlich verweist Ted Chiang durch die Wendung am Ende der Erzählung selbst auf Solowjow. Chiangs Schilderungen des inneren Werdegangs seines Antichristen sind in der Tat bemerkenswert- vor allem bemerkenswert realistisch. Dass eine solche Erzählung als Science-Fiction bezeichnet wird, ist kaum zu verstehen, aber sicherlich macht es Schwierigkeiten, ein geeignetes Genre dafür zu benennen. Man findet viele Bezüge für den spezifischen inneren Prozess des Helden Chiangs, sowohl in gefährlichen zeitgenössischen Sekten und Organisationen als auch in rosenkreuzerischen, christlichen Schulungen. Der Grat ist schmal, kaum wahrnehmbar, aber die sich entwickelnden Unterschiede könnten größer nicht sein. Auch das macht die Lektüre der Erzählung heute so empfehlenswert.
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