Wir sind ganz nah dran- die technologische Revolution und ihre Kinder | EgoBlog | Die Egoisten

Wir sind ganz nah dran- die technologische Revolution und ihre Kinder


Die Klagelieder von nicht ganz jungen, nicht ganz alten Ex- Anthroposophen, sie fühlten sich durch Anthroposophie nicht mehr inspiriert, klingen mir in den Ohren- vor allem deshalb, weil die, die jetzt das Weite suchen, abgestossen vor allem durch die Real Existierende Anthroposophie, eigentlich die sein sollten, die ihr die Impulse geben und sie in gewisser Weise auch repräsentieren sollten. Tatsächlich sind die sich Abwendenden tatsächlich nicht selten die, die in den anthroposophischen Institutionen länger aktiv tätig waren, die Diskurse betrieben und Initiativen voran getrieben haben. Der bleischwere Traditionalismus innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, bewegungsunfähig, selbstherrlich, kulturfeindlich, technophob, hat sie ebenso abblitzen lassen wie die selbstverliebte Sprechweise mancher wenigstens aktiver Repräsentanten, die ihre Festtagsansprachen mit Vokabeln schmücken, die aus absolutem Insiderspeech bestehen. Man müsste parallel ein Übersetzungsprogramm laufen lassen, um Nicht- Anthroposophen zu veranschaulichen, worum es eigentlich geht- nun, meist um nicht gerade viel. Aber die, die gehen, die also keine Inspiration, keine Anregung mehr aus Anthroposophie ziehen können, scheinen nicht selten auch dem Irrtum zu verfallen, aus einem Wissenssteinbruch einfach Antworten ziehen zu können- fix und fertig wie aus einem Automaten. Es handelt sich aber eben nicht um einen Kanon von Information, sondern um ein Material, das ganz und gar individualisiert - verdaut- werden müsste, ohne jedes Vorbild, auf unnachahmliche Art und Weise, in einer Sprachform, die der Zeit, Kultur und Technik angemessen ist und in Schritten innerer Entfaltung, die man in keinem Buch, auch nicht in denen von Steiner, auffinden kann. Dass man das den Orthodoxen und Traditionalisten nicht erklären kann, ist klar, sie sind ja die modernen Pharisäer, die lieber einer wundertätigen Heiligen nachlaufen und Mysterien fortspinnen wollen, die esoterische Wonneschauer über ihren Rücken laufen lassen.

Wir haben in den letzten hundert Jahren kaum vorstellbare Veränderungen erlebt, von der unfassbaren Erosion jeglicher Moral im Zweiten Weltkrieg, über Weltreiche, die zerfielen, einen Kalten Krieg (samt atomaren Wettrüstens), der sich verkrümelte, bis hin zur Emanzipation der Frau, dem Erwachen des Islam, dem Entstehen neuer mächtiger wirtschaftlicher Regionen, der Mechanisierung der Ernährung, unausgesetztem Bevölkerungswachstum. Und natürlich (neben Vielem, was unerwähnt blieb), einer exorbitant wachsenden Technologie, die nicht mehr einer Mechanisierung der Glieder, sondern der des Geistes entspricht. Heute schauen Grundschulkinder einen ungläubig an, wenn man von einer Zeit vor Telefon, Fernsehen, Computer und Smartphone spricht. In ihren Augen muss eine solche Vorzeit barbarisch wie das frühe Mittelalter gewesen sein. Einer solchen Vorzeit ist, nebenbei, auch Rudolf Steiner entsprungen. Er hat daher eine ganz andere Fokussierung gehabt- etwa, was die Intelligenz, das michaelische Prinzip, betraf. Er hat von einer Zeit gesprochen - bis etwa 600 vor Christus -, in der man allgemein die Gedanken als etwas empfand, was man empfing, nicht als etwas, was man aus sich selbst heraus brachte: "Während, wie gesagt, was man früher als Weisheit durchaus wie die Atemluft empfand, empfand man später die Gedanken als etwas, was in dem Menschen selbst erzeugt wird wie das Blut. Man möchte sagen, der Atemluft ähnlich empfand man die Gedanken in der alten Zeit." Heute (zu Steiners Zeit) sind die Gedanken etwas, „was im Menschen selber entsteht, was irdisch ist." (R. St., Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt, GA 219, S. 124 ff)

Wo stehen wir heute? An ganz anderer Stelle, denn der Prozess der "Freisetzung" der Gedankenwelt hat längst eingesetzt. Wir delegieren die Intelligenz an die Technik - einerseits in deren Produktion, Architektur und Vernetzung, andererseits in der Verwaltung des Wissens durch diese Technik. Was wir wissen wollen, holen wir aus Google und Wikipedia, wohin wir fahren wollen, entnehmen wir dem Navigationsgerät, die Geräte rechnen und erinnern für uns, konstruieren, zeichnen, bilden ab, verwalten. Alles, was an Sinnlichkeit und Denken mechanisierbar ist, wird durch die Geräte in immer mehr miniaturisierter, demokratischer und globalisierter Art und Weise abgebildet. Die Schnelligkeit der Prozessoren ersetzt den Akt des Denkens. Das führt dahin, dass auch zwischenmenschlicher Austausch technisiert und globalisiert wird- der Austausch mit einem Menschen, von dem wir nicht einmal wissen, wo er leben mag, tritt vor den Kontakt mit unserem konkreten Nachbarn. Im Smartphone sehen wir das miniaturisierte Alter Ego, unser winziges Abbild, das wir so weit wie möglich individuell eingerichtet haben.

Es entsteht ein Gegenbereich zum "Himmlischen", aus dem sich die vorchristlichen Menschen inspiriert fühlten, eine eigene Sphäre frei gesetzter Intellektualität. Das ist etwas, was orthodoxe Anthroposophen simpel und pauschal dämonisieren. Die richtige Frage der Zeit stellen aber doch eher gerade die KI (Künstliche Intelligenz)- Philosophen wie Hans Moravec, auch wenn sie uns nicht gefällt: Was an uns unterscheidet sich denn noch von dieser Technik? Was an uns ist wirklich originell, was menschlich- originär? Was entzieht sich dem technischen Spiegel und behauptet sich? Wer bin ich? Nie hat sich - außer vielleicht in den Exzessen der Kriege und der Gewalt - diese Frage so drängend gestellt. Sie wird sich, je mehr die Technik voran schreitet, immer mehr stellen, sie steht ganz dicht neben jedem Zeitgenossen. Den Geist lebendig in sich zu erfahren, ist doch die Sehnsucht dieser Zeit- zumindest bei den Zeitgenossen, die wach erleben können. Und um eben diese Wachheit und Präsenz geht es doch an jeder Straßenecke, in allen möglichen Gruppierungen, auf allen möglichen Websites, bei allen möglichen Lehrern und Gurus. Es reicht, ein wenig aktiv zu twittern, um nach wenigen Tagen Menschen zu finden, die von diesen Fragen konkret umgetrieben werden, die innerlich tief damit beschäftigt sind. Es ist ja auch ein Freiwerden von den Elementen, die an uns mechanisierbar sind, was die Intention hervor ruft, nach unseren originären inneren Quellen zu fragen. Die intelligente Maschine lässt uns nackt davor stehen, nach dem eigentlich Menschlichen zu fragen, nach den Quellen des Geistes, der Moral und der Liebe. Wir sind ganz nah dran. Unser Smartphone fragt nach uns.
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