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Radiologische Mysterien

Die weißhaarige Frau war nicht sehr groß, aber flink. Alleine von diesem einen Wartezimmer gingen zwei Flure und elf Türen ab, wovon neun mit den Ziffern 1 bis 9 beschriftet waren. Sie ging, obwohl sie immer wieder sanft von dem Personal aus den Räumen entfernt wurde, durch jede einzelne dieser Türen, aber auch auf die Toiletten und in die als „Privat“ gekennzeichneten Zimmer. „Ich suche doch nur meine Tasche,“ seufzte sie. „Du hattest doch gar keine Tasche dabei“, entgegnete ihr Mann, der ebenso alt schien wie sie, aber sich geradezu grotesk verkrümmt hielt- seine Wirbelsäule sollte offenbar, sicherlich nicht zum ersten Mal, untersucht werden. „Sie hat Alzheimer, wissen Sie,“ sagte er in den Raum. „Ich suche doch nur meine Tasche.“

Hinter den Wänden knackte und knatterte es, ein wummernder Gesang von mechanischen Walen, die auf Namen wie CT oder MRT hörten. Der alte Mann wurde in eine dieser nummerierten Türen gerufen, während seine Frau weiter unruhig suchte. Man hörte seine Gürtelschnalle auf den Boden fallen und seinen erschreckten Ausruf, „Früher wäre mir das nicht passiert!“ In der Kakophonie der Geräusche blieb sein Ausruf ungehört.
Im Wartezimmer wischten fast alle Anwesenden, wenn sie denn unter 50 Jahren alt waren, auf ihren Smartphones herum. Vor zwei Jahrzehnten hat man von PCs als „Wunschmaschinen“ und „Projektionsapparaten“ des Selbst gesprochen. Heute trägt man die Projektoren und Kommunikatoren mit sich herum und sie sind auf Handflächenformat geschrumpft. Man wischt von oben nach unten oder von links nach rechts. Die ganz Jungen haben dazu Innenohr- Earphones dabei und schotten sich fast völlig ab. Die Alten wissen nicht einmal, was die Jungen da machen. Wenn das Smartphone ein Geräusch machte, fragte der Alte: „Was hat er jetzt?“ - „Das war eine Email.“ „Das war eine Twitternachricht.“ „Das war mein Facebook- Account.“

Der Alte nickte mit leeren Augen. Er hatte keine Ahnung, wovon ich sprach. Dann wandte er sich mit einer kindlichen Stimme zu mir und fragte, „Wenn man mal Pipi muss, wohin muss man da gehen?“
Offenbar fürchtete er, auch die Toiletten könnten inzwischen zu Mysterien ausgewachsen sein und man müsste ihnen, womöglich, etwas zutwittern. Vielleicht fragte er deshalb auf dem Gang und an der Rezeption noch mehrmals nach, um ganz sicher zu gehen.

Am Ende fuhr ich die Beiden nach Hause. Es war nicht weit. Der Alte saß neben mir und erschrak, als eine Stimme aus dem Navigationsgerät ertönte. „Das ist eine Computerstimme“, sagte ich. „Das Gerät ist mit sechs Satelliten verbunden.“ „Ach,“ sagte der Alte, „mit sechs. Zuhause habe ich noch einen Stadtplan liegen.“
„Den braucht man jetzt nicht mehr,“ sagte ich, „und überhaupt, die Stadt wird doch gerade völlig umgebaut.“
„Ja,“ seufzte er, „ es wird alles völlig umgebaut.“
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Berge versetzen

Wir tragen ja nicht nur die sichtbaren Päckchen; die Falten, die Schuld, die Unfähigkeiten. Wir tragen auch unsichtbar ein Paket, das nicht einmal ausgepackt, das ganz und gar zukünftig ist. Es ist nicht berührt von dem Gelebten, Gedachten, Gefühlten. Es ist ein Quell des Immer-Neuen, der Gegenwart, der Präsenz. Es ist nicht nur so, dass man manchmal, aus verschiedenen Anlässen, daran heran rührt, es ist auch ein Teil unseres inneren Wesens, auch wenn wir es übersehen, verleugnen und missachten sollten.

Wenn wir es wollen, zulassen und uns etwas darum bemühen, nimmt es in uns Raum ein und erlöst uns von der Schwere des Gelebten, Gefühlten, Gedachten, auch wenn es sie nicht aufhebt. Es ist das Kind, das marienhaft im Seelenraum getragen wird, ein offenbares Geheimnis. Es ist ein Teil der Lebenskräfte selbst. Aber es kann auch aufleuchten in uns, ein steter Begleiter durch die Tage und Nächte. Am Ende besteht die Kunst darin, die Kräfte auszupendeln. Wir müssen uns zwischen Leichte und Schwere halten, ständig, immer, unentwegt, nie bequem und nie fertig.

Manchmal wird es schwerer, weil eine Last uns betrübt oder weil eine Krankheit nach uns greift. Wenn wir seelisch wanken, verdüstert sich die Quelle.

Manchmal ist es auch anders herum; eine Krankheit erweist sich manchmal auch als Segen- als ein neuer Gleichgewichtszustand. Jedes neue Gleichgewicht in uns verändert auch das Zusammenspiel zwischen Schwere und Leichte. Das „Krankheit“ zu nennen kann als eine gewisse Betrachtungsweise gelten. In anderer Sicht handelt es sich zugleich auch um eine Gesundung.

Bei dieser Gesund- Werdung geht es ums Wesentliche. Es geht bei so vielen Dingen, die wir lernen und die wir entwickeln, um alles mögliche, aber nicht darum. Man kann alles mögliche lernen, sich auch daran entwickeln, aber das kann nebeneinander laufen, es ist nicht unbedingt so, dass es uns bis in die Moralität oder in unsere tieferen Reflexe hinein verändern würde. Die Gesundung ist anders. Sie schreitet auch deshalb so langsam voran, weil wir eben nicht weit genug reichen, nicht bis in die Konsequenzen des Alltags oder bis in unsere Kindheits- Seelen- Konstellationen hinein. Wenn wir denken, wir könnten uns um irgend etwas herum schleichen, vor irgend etwas wegdrücken, müssen wir erkennen, dass das ein Irrtum ist. Man muss das mit aller Konsequenz tun - oder es bleibt etwas Vages, Unreifes- etwas in Status nascendi. Das Wesentliche hat bestimmte Eigenschaften, es ist lebendig, freundlich, neugierig, offen, tolerant. Man sollte sich nichts anderes einreden lassen. Es ist ausgerichtet wie eine magnetische Nadel nach diesem Pol. Es pendelt sich ein- nach dem inneren Kompass, der ein ganz allgemein menschlicher ist- der des Individuums, das sich in sozialer Kompetenz entwickeln möchte.

Das unsichtbare Paket, das sich entfalten möchte, ist unscheinbar. Aber selbst in seiner nicht in Sprache zu fassenden Winzigkeit ist es voller Keimkräfte, die man im Neuen Testament die Kräfte des „Glaubens“ genannt hat. Es ist nicht der blinde, sondern der erwachsen und bewusst werdende Glauben. Keine gefühlige religiöse Innerlichkeit, sondern die Kraft, von der man bildlich meinte, sie könnte Berge versetzen: Die Berge des Gewordenen, des Festen, des Abgeschlossenen.
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Selbst für mich

Der ich nichts mitbringe
an Gepäck und Begabung

Der ich, gewogen und vermessen,
so leicht bin wie eine Feder

In dessen Ohren Unkraut
Wurzeln schlägt

In dessen Augen
Floße ankern,

Holz für Holz
an Nässe schwer.

Selbst für mich

Blühte der Garten
als ich ihn betrat.
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Generationsvertrag

Das geht so seit Jahren: Wenn die Arbeit gut läuft, sind meine Partner im Team mindestens 20 Jahre jünger- wenn möglich mehr. Es hat übrigens überhaupt nichts mit eingebildeter Dominanz zu tun oder anderen verqueren Emotionen meinerseits. Ich sehe es so an, dass die nächste Generation das, worum ich so hart gekämpft habe, einfach zur Verfügung hat: Effizienz, Hören auf Zwischentöne, Sich-zurück-nehmen-Können. „Flow“ in der Kooperation, im Team, in der kurzen Verständigung haben zu können- es miteinander zu teilen, ohne dass irgend ein Gewese darum gemacht würde.

Meine Generation ist meistens schwierig, mich selbst inbegriffen. Ich habe Eisen, Steine, Eiterbeulen fressen müssen, bis ich über meine Eigenheiten halbwegs hinweg kam. Zu wissen: Wenn man nichts ist, ist man ganz präsent. Meine Generation ernennt eine Kommission und tagt, lange und teilweise inquisitorisch, rechthaberisch und eigensinnig. Der gemeinsame Nenner, der dabei heraus kommt, nützt niemandem, aber alle fühlen sich düpiert. Überall werden die Grenzen des individuellen Status Quo berührt. Diese Grenzen werden wortreich begründet, ideologisch untermauert und verteidigt. Jeder hat vollkommen recht. Es ist ein anstrengender Haufen. Eigentlich steht man in einem leicht giftig- galligen Becken, in dem die guten Absichten Aller schwimmen, aber das Wasser ist ohne jeden Sauerstoff.
Mit den Jungen kann man schweigen. Gerede ist wenig geschätzt, auch nicht das private. Dafür hat man Facebook und eine gute Freundin.

Ich habe lange Anlauf genommen, um endlich ohne Ambition und Groll zu sein. Es war das Schwerste, was ich in Angriff genommen habe. Du wirst vielleicht sagen, dass das keine besondere Leistung sei, und das ist richtig. Ich fühle es dennoch so, als sei mir in langen Anstrengungen eine getrübte Glaslinse poliert worden.

Ich kündige meine Generation.
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Der verpackte Zorn

brotwein

Wenn man dem Klopfen der Herztöne zu folgen beginnt, dem Wimpernschlag der Pappeln an einem schönen Frühlingstag wie heute, wenn man den Quellen nötigen Respekt erweist und ein Lufthauch vom Meer einen gastfreundlichen Nachmittag bereitet, dann überblickt man erstmals das Ausmaß der eigenen Kollateralschäden. („Der militärische Fachbegriff Begleitschaden oder Kollateralschaden (von englisch collateral damage; aus dem Lateinischen collateralis für seitlich oder benachbart) bezeichnet in der räumlichen Umgebung eines Ziels entstehende Schäden aller Art durch ungenauen oder überdimensionierten Waffeneinsatz bei nicht-zivilen Aktionen.“)

Das und das und das, man riecht förmlich an den sich stapelnden Paketen um einen herum, wie sich in ihnen der Schmerz sammelt. Man ist im untersten Stockwerk angekommen, beim zurück gelassenen Gepäck, in Haus des Schmerzes.

Der Schmerz ist lebendig, er bebt von innen, aus sich heraus, wir haben ihn mit Leben gefüllt, ein Berg von Abbildern, Zerrbildern unserer selbst, als wären es Voodoo- Püppchen. Zweifellos geht von diesem bebenden, bewegten und vielfältigen Schmerz ein Zauber aus.

Hier bin ich gebannt und gefangen, fühlt man. Hier endet vorerst meine Kraft. Ich bin das nicht, das sind die abgelegten Bilder meines Lebens, Schuppen, Häute, Panzer. Aber wirksam sind sie doch.

Den besten und einzigen Ausblick auf den abgelegten Zorn hat man, wenn man im Haus der Liebe steht. Vielleicht steht man da, für einen Augenblick. Man isst das Brot, man trinkt den Wein. Man weiß, der Wind, der weht, er ist größer als ich, aber er ist mit mir verwandt.
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Wesentlich

Auch wenn Beuys gesagt haben soll, er kenne die Gegend, kann ich das nicht behaupten. Ich war allerdings früher dort zu Besuch, gar nicht so selten, aber es waren immer Besuche in der Zonengrenze, mit wenig Gepäck und ohne Proviant. Du bist dort, wie Du weißt, wohin der Mensch gehört, hast aber schon wieder vergessen, wo in der ganzen Ortlosigkeit das wohl war.

Du hast Anläufe genommen, später, viele Anläufe. Du hattest Motten im Kopf und Ameisen unter der Haut.

Aber du hattest auch Bleiplatten unter den Füßen, Tonnen voller Teer ums Herz gestellt, du hattest den Kehlkopf voll von ungesagten Worten.

Es gibt hier keine Orientierung, die man kennen könnte, keinen Lageplan, keinen Kompass. Aber es gibt den Wind, der aus der Zone strömt. Neulich, nach einer Zeit wie mit dem Kopf unter einem Sauerstoffzelt, hast du den Strom wieder gefunden. Du spürtest ihn unter den Füßen.

Sein Strömen, seine Kraft, seine Lieblichkeit. Du warst bemüht, ganz in ihn einzutauchen. Das Geheimnis ist, ihn nicht zu suchen. Man muss ihn nicht suchen, sondern ihn zulassen. Man glaubt, er sei unter den Füßen, außerhalb des Blickfeldes, aber er fliesst nicht irgendwo anders, sondern mitten durch dich hindurch.

Der Goldene, der Strom des Menschseins. Er entspringt unserer Mitte. In ihm sind wir „wesentlich“. Es ist der Strom, der einst in der Sonne verehrt wurde- in Form sakraler Erwartung. In den alten Mysterien wurde er verortet, war noch „dort“ und „das“ und „dann“. Heute ist er der Geist der Erde. Die Mysterien finden dann statt, wenn wir uns entscheiden, sie zu betreten. Es gibt kein Irgendwas, Irgendwo oder Irgendwann. Es gibt nicht einmal die Zone.
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Michael Eggert: Ein Lob der Zeitverschwendung

In letzter Zeit habe ich mich gern auf den satanischen Facebook (auch satanisch!) -Seiten der Marx- Brothers der Anthroposophischen Bewegung (Felix, Ansgar, Christoph, Christian) herum getrieben und auch ungefragt Tipps zur anstehenden Publikation von deren Buch „Endstation Dornach“ gegeben; Motto: Wenn schon satanisch, dann richtig - denn zu revolutionären Inhalten gehört ein revolutionäres Layout. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch den Cartoon „Kamaloka“ hoch geladen und wurde darob von dritter Seite schwer gerügt. Denn erstens gehöre sich Sarkasmus nicht und zweitens sei das „Zeitverschwendung“. Ich antwortete, ich fände Zeitverschwendung geil, worauf sich der (offensichtlich anthroposophische) Kritiker mit verächtlichem Schulterzucken von mir abwandte.

Luxus und Zeitverschwendung- geht das nicht Hand in Hand? Der wahre Luxus ist natürlich ein meditatives Leben, ein kontemplativer Lebensstil. Man fällt dadurch nicht nur aus nahezu allen Ideologien der Gegenwart hinaus, die stets das Mehr und Besser propagieren. Man frönt eben auch dem Luxus Zeit schlechthin. Wie viele Menschen unter den Milliarden Erdbewohnern können sich einen solchen Luxus leisten, sind sie doch gebeutelt von prekären Geld- und Arbeitsverhältnissen? Diese Website heisst auch deshalb „Egoisten“, weil hier der Luxus der Zeitverschwendung propagiert wird- sofern man es sich leisten kann und will.

In die Fluten des reinen Denkens einzutauchen, ist ja immer auch eine Übung in Absichtslosigkeit. Zwar lässt man sich - hoch konzentriert- ganz und gar nicht treiben, taucht aber so tief, dass man in der Situation zwar jederzeit voll bewusst und wach ist. Aber im Strom der Absichtslosigkeit und reinen Gegenwärtigkeit zu stehen bedeutet auch, dass man sich auf einer Ebene bewegt, die dem Tiefschlaf ähnelt- man kann sich hinterher kaum an etwas Konkretes erinnern. Man fühlt sich zwar erfrischt, als hätte man einen Jungbrunnen aufgesucht, weiss aber nicht genau, was man da gemacht hat. Allerdings kommt man an den Rändern der meditativen Versenkung in einen Zwischenbereich, der dem Träumen ähnelt. Wie im Traum kommen auch die konkreten Alltagsprobleme auf einen zu. Man umkreist sie, schaut sie von allen Seiten an. Anders als im Traum ist man Herr des Geschehens- es entwickeln sich keine unwillkürlichen Bilderfolgen. Vielmehr wird einem in dieser imaginativen Situation klar, wie man dem Problem begegnen kann. Es ist ein Missverständnis, zu glauben, Imaginationen müssten bildhafter Natur im engeren Sinne sein. Die Konzentration der gedanklichen Lösungsansätze ist aber ganz anders; man hat Gedanken nicht nacheinander, sondern „in einem“, als wäre es ein Paket, das man erst später aufschnüren kann.

Hinterher, im diskursiven Alltagsbewusstsein, entfaltet man das „Paket“ in eine logische und zeitliche Folge. Oft sieht man, dass das, was eben noch so kompakt erschien, sich in eine Fülle von Ideen entblättert. In dieser Hinsicht ist Imagination ein Denken in dreidimensionaler Art und Weise, nicht in linearer. Am besten schreibt man das alles auf. Es erweist sich meist als relevant und fruchtbar.

Die „Zeitverschwendung“, die praktizierte Absichtslosigkeit kürzt in Wirklichkeit die Wege ab. Vielleicht wäre man auch anders auf die Lösungswege gekommen, aber es hätte viel Zeit gekostet. In der Zeitlosigkeit dagegen wachsen die Ideen wie eine Wiese voller Blumen. Man kommt mit einer leeren Vase zu Besuch, und kehrt mit einem überreichen Strauß zurück.
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Echsen

Am Ende lässt man es vielleicht nur deshalb sein, dieser Eine zu sein, zu dem man neigte, weil es so anstrengend ist. Es ist eine Mischung zwischen Schwäche und Begabung, dann treibt einen etwas, so wie bei dem, den ich jetzt meine- ein Genuss an sich, eine tiefe Selbstzufriedenheit, es so weit gebracht zu haben. Natürlich zieht man ab und zu Bilanz, und das sind selten die angenehmsten Momente.

Bei diesem, den ich meine, aber schon. Er war jetzt ein angesehner Heilpraktiker mit einem einzigen Präparat, das er erfolgreich gegen alles Mögliche einsetzte. Er half manchen gebeutelten Patienten wirklich und war beinahe überlaufen. Ich glaube, er war auch ein wenig überrascht über sich selbst. Gediegene Praxis in bester Villenlage, eine jüngere Frau, die eindeutige Signale sendete, sich zur örtlichen Schickeria hinzuzählen zu dürfen. Ich denke, früher, am Anfang, hat nicht einmal er selbst sich etwas zugetraut. Aber er wuchs quasi mit den Jahren und durch glückliche Fügung (Beziehungen, väterliches Erbe) in sein selbst zufriedenes Lächeln hinein, das irgendwann mal unangebracht war, jetzt aber in Ordnung. Er ließ es sich gut gehen und drehte immer geschickter an den Schrauben und Rädchen, die es brauchte, um so eine Position auszubauen. Er war immer auf dem Sprung. Er war nicht dumm.
Aber auch nicht ganz frei in seinem Blick auf die Klienten. Natürlich lag es in seinem Interesse, Anzeichen in Krankheitsbildern zu entdecken, die zum langfristigen Gebrauch seines Präparates geradezu verpflichteten. Er fand ununterbrochen dafür gute Gründe. Er war auch so teuer und ausgebucht, dass eine Verbesserung der Symptome der Klienten sich schon allein deshalb einstellte. Er war, mit einem Wort, sehr erfolgreich.

Wie kommt es, dass man manchmal mitten im Lauf, wenn sich Eins ans Andere reiht, dennoch und gegen jede Vernunft, die Lust verspürt, daraus auszubrechen? Es hängt so vieles daran, nicht nur die eigene Existenz, auch Ehe und Familie und der ganze soziale Kontext. Manchen greift es kalt ans Herz, wenn alles so läuft, wie es läuft. Man greift wenigstens zu Fantasien. Ein anderes Leben. Man romantisiert die Zeit, als die Bindungen noch nicht so zwingend waren, als die Wahl noch offen stand. Man ist nicht identisch mit dem, was man lebt. In sich bewegt man andere mögliche Existenzformen. Es ist nicht immer leicht, sich in das zu fügen, was man hat, und darin das zu entdecken, was sich entwickeln kann. Es ist schwierig, die Entdeckungslust lebendig zu halten, wenn man einmal eine Form gefunden hat.

Manche wirft es auch einfach aus der Bahn. Unversehens, und ohne bemerkbare Vorzeichen. Man war gewissermaßen geblendet von der scheinbaren Sicherheit des eingeschlagenen Weges. Es war nicht damit zu rechnen, und es war auch nicht besonders fair, dass etwas einem plötzlich einfach den Teppich unter den Füßen wegzog. Natürlich ist es blöd, zu hadern, aber es ist auch schwierig, es nicht zu tun. Auch das Hadern kann zu einer festen Persona werden, in die man erst hinein wächst, und die sich dann um einen verschliesst wie eine Dornenhecke aus dem Märchen. Am Ende sitzt man fest wie dieser, den ich vorhin meinte. Vielleicht nicht selbstzufrieden, sondern das Gegenteil davon. Vielleicht auch, heimlich, zufrieden in der Unzufriedenheit.

Es ist schwer, zwischen den Formen die innere Freiheit - wenigstens in Momenten - zu wahren und zu pflegen. Man wächst immer in die Formen hinein. Wir sind wie Echsen, denen stets ein Panzer wächst.
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Anthroposophische Fallgruben und Wege hinaus

Unter dem oben genannten Titel erscheint hier ein kleiner Band von mir als PDF- Download.
Es sind darin im Blog verstreute Besprechungen und Betrachtungen zum Thema Gegenwärtigkeit und meditative Erfahrung gesammelt. So etwas liest sich doch anders im Zusammenhang als in den portionierten Kurztexten im laufenden Blogbetrieb.
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