Simone Weil | EgoBlog | Die Egoisten
Simone Weil

Simone Weil: Über Aufmerksamkeit

Simone_Weil_1922
Regine Kather schreibt in Aufmerksamkeit. Ein Bindeglied zwischen der Welt und Gott bei Simone Weil (Schriftenreihe der katholischen Akademie Köln 2001) über die von mir überaus geschätzte Mystikerin im modernen Sinn, ja sogar in radikalem politischen Aktivismus, geschlagen durch eine lebenslange Migräne, eine rationale Gläubige im besten und konkretesten Sinn. Jemand, der auch radikal mit sich selbst umging. Jemand, für die es tragisch war, von ihrem engen katholischen Priester- Freund doch nicht verstanden zu werden - er instrumentalisierte sie auch post mortem, und in ihren Briefen an ihn erkennt man, dass sie es erkannt hat. So schrieb -ja meditierte - Simone Weil über die Aufmerksamkeit:

"Die Aufmerksamkeit erwächst weder allein aus einer bewussten Absicht noch aus einer bloß emotionalen Reaktion, aus Angst oder Begierde. Sie entsteht aus einem Bedürfnis und aus innerer Anteilnahme. Sie dient nicht nur der Befriedigung der eigenen Wünsche, sondern richtet sich auf etwas, das das eigene Ich transzendiert. Als unmittelbarer Ausdruck des menschlichen Geistes kann sie dessen vielfältige Funktionen zu einer Wirkeinheit zusammenschließen, sie einen."

Aber sie möchte doch auf den Kern der Sache zu sprechen kommen- nämlich dass in der Aufmerksamkeit verschiedene Ebenen und geistige Aktivitäten zusammen fliessen:

"Die Aufmerksamkeit ist durch eine polare Struktur gekennzeichnet, die auf allen Ebenen, bei der Lösung einer Mathematikaufgabe, in der Begegnung mit Menschen und in der religiösen Erfahrung auftaucht: In der Aufmerksamkeit koinzidieren Aktion und Passion, intentionale Gerichtetheit und Phänomenbezogenheit, konzentrierte, entschlossene Zielgerichtetheit und geduldig wartende Empfänglichkeit. Es handelt sich, so schreibt Simone Weil prononciert, um ein ‘nicht-handelndes Handeln’, ein Handeln also, das ohne die Fixierung auf ein bestimmtes Ziel oder einen Plan und doch mit voller Sammlung und Präsenz erfolgt."

Die Autorin weist auch darauf hin, dass sie in Weils Darstellungen der Aufmerksamkeit auch Bezüge zum antiken Griechenland sieht:

"Simone Weils Beschreibung der Aufmerksamkeit erinnert vermutlich nicht zufällig an die Erkenntnishaltung, die für die griechische Philosophie, vor allem für Platon und Aristoteles, kennzeichnend war. Die ‘Theoria’ war noch keine theoretische, intellektuelle Erkenntnis im modernen Sinne des Wortes; als eine kontemplative Einstellung galt sie als Ausdruck höchster geistiger Aktivität. Sie vollzog noch keine Konstruktion theoretischer Zusammenhänge, sondern war auf das Erfassen des Seins, des Wesens der Dinge, gerichtet."

_____
Foto Wikipedia. Artikel über Simone Weil.
Artikel bei den Egoisten über Simone Weil:
Nichts und niemand
In Christus
Die Kraft des Lebens
Comments

Simone Weil: In Christus

Simone Weil saß ja völlig zwischen den Stühlen- sie, die als Jüdin so heftig mit dem Katholizismus rang, so sehnsüchtig, aber sich letztlich das Sakramentale, ja selbst Meditation und Gebet aus Scham und Ehrfurcht versagte, aber auch, weil sie fürchtete, damit etwas von der Reinheit ihres Empfindens zu verfälschen: „“I was afraid of the power of Suggestion that is in prayer..“. Simone Weil ist meist nur in Kompilationen und kurzzeitigen Editionen auf Deutsch erhältlich. Leider kann ich sie nicht im französischen Original lesen und weiche daher manchmal auf englische Übersetzungen aus. So auch ihre „Spiritual Autobiograph“ in „Waiting for God“- Essays und Brieffragmente, die in dieser Zusammenstellung zuerst 1950 in Frankreich erschienen. Auch meine englische Ausgabe ist alt, aus dem Jahr 1969. Ich erlaube mir, ein kleines Fragment selbst frei zu übersetzen (S. 37 ff).

Als ich letzten Sommer mit T. mein Griechisch erprobte, ging ich Wort für Wort durch das Original des „Vaterunsers“. Wir versprachen einander, es komplett auswendig zu lernen. Ich fürchte, er hat sich nicht daran gehalten, aber als ich einige Wochen später im Testament blätterte, sagte ich mir selbst, ich hätte es versprochen, und es war eine gute Sache. Ich sollte es tun. Und ich tat es. Die unglaubliche Süße dieses griechischen Textes nahm mich so sehr gefangen, dass ich eine Reihe von Tagen gar nicht aufhören konnte, es die ganze Zeit zu sprechen. Eine Woche später begann ich das Keltern. Ich rezitierte das „Vaterunser“ täglich vor der Arbeit, und wiederholte es sehr häufig während der Arbeit im Weinberg.

Seitdem ist es zur Gewohnheit geworden, es täglich morgens mit absoluter Aufmerksamkeit zu sprechen. Falls meine Konzentration während des Rezitierens abzuschweifen oder gar zu erlöschen droht, und sei es im allergeringsten Grad, beginne ich von vorn, bis es mir gelungen ist, einmal in vollkommen reiner Konzentration durch den ganzen Text zu kommen. Manchmal sage ich es auch nochmals aus reinem Vergnügen, aber das ich mache nur, wenn ich wirklich den inneren Impuls dazu fühle. Der Effekt dieser Übung ist außerordentlich und überrascht mich selbst jedes Mal, da immer, bei jeder Wiederholung, alle meine Erwartungen übertroffen werden, obwohl ich es doch täglich praktiziere.

An manchen Tagen reißen schon die ersten Worte meine Gedanken aus dem Körper und bringen mich an einen Ort außerhalb des Raums, an dem es weder Perspektiven noch Standpunkte gibt. Das Endgültige der gewöhnlichen Wahrnehmung wird durch eine Endgültigkeit zweiten oder manchmal dritten Grades ersetzt. Gleichzeitig ist da eine Stille, die jedes Teil dieser Endgültigkeit der Endgültigkeit erfüllt- eine Stille, die nicht eine Abwesenheit von Lärm meint, sondern das Ergebnis einer Erfahrung ist, weit realer als es Geräusche zu sein vermögen. Falls doch Geräusche auftauchen sollten, können sie mich nur erreichen, indem sie durch diese Stille hindurch gehen.

Manchmal ist während der Rezitation oder auch bei anderen Gelegenheiten Christus bei mir als Person, aber seine Gegenwart ist unendlich mal konkreter, bewegender und klarer als bei der ersten Gelegenheit, als er von mir Besitz ergriff. Ich hätte es nie auf mich genommen, Dir das alles mitzuteilen, wenn es nicht klar wäre, dass ich dabei bin, wegzugehen. Nur Da ich mehr oder weniger mit meinem Tod rechne, glaube ich, dass ich dies nicht für mich behalten sollte.“
Comments