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Rosenkreutz

Östliche und westliche Initiation

Wenn man also die kulturellen Grenzen überwunden und die Realität eines Entfaltungsprozesses wie den von A. H. Almaas, den er in vielen Büchern und über Jahrzehnte beschrieben hat, verfolgt hat - so weit die eigenen Möglichkeiten und das innere Mitvollziehen reichen-, ist man vor allem voller Bewunderung. Seine Grundannahmen, in denen er zwischen mind (Verstand, Alltagsdenken) und nous (geistige Gestaltungskraft, Imagination, Inspiration, Intuition) unterscheidet, ist nachvollziehbar, ebenso wie die ganze innere Bewegung, die Almaas darstellt. In Almaas meint man etwas wieder aufleben zu sehen, was spätes Erbe einer vergangenen spirituellen Hochkultur ist, wenn auch auf ganz eigene Art und Weise aufgefasst. Und dazu noch heiter, gelassen und völlig realistisch:



Man fühlt sich erinnert an die weiten Reisen des Christian Rosenkreutz in den fernen Orient, auf der Suche nach den Quellen der östlichen Initiation im Mittelalters. Jostein Sæther fasst diese historischen Reisen ja auf seiner Website in mehreren Teilen zusammen, so dass man einen Eindruck bekommt. Es gab und gibt eben immer eine Vielfalt islamischer Impulse. Einen simplen Dualismus sucht man bei Almaas vergeblich, ebenso wie eine nur ekstatische Suchbewegung. Was man aber schon konstatieren kann, ist das Unermüdliche des spirituellen Wachsens, eine Art atemlosen sich weiter Hineindrehens in die reine geistige Erfahrung. Man findet schon imaginative Grundmotive, bei denen Almaas längere Zeit verweilt. Aber ein grundsätzliches Innehalten, ein Reflektieren, Bestätigen und Atemholen findet eher nicht statt. Almaas tanzt in einer steilen Kurve in ein Kosmisches Bewusstseinsfeld, das für den Leser, sofern er nicht in einer ähnlich weit entwickelten Lernphase steht, trotz der Konkretheit der geschilderten Erfahrung allmählich außerhalb des Fassbaren gerät. Die Tiefe einer Erfahrungsebene erschließt sich dem Leser eigentlich nur dann, wenn er die angesprochene Phase tatsächlich selbst mit Leben füllen kann- real, nicht nur als gedankliches Konstrukt. Bei den Versuchen der Reflexion bemerkt dann schnell, dass Almaas selbst schon weiter getanzt ist. Natürlich hat Almaas auch - in anderen Büchern- andere Seiten- etwa die des Psychologen und reflektierenden Wissenschaftlers. Er selbst ist ja Physiker. Aber in diesem Buch - „Luminous Night's Journey" (hier ein Ausschnitt) - erscheint er wie jemand, der in den Urlaub fährt, aber nie ganz ankommt, weil er weiter und weiter fährt, eine nicht enden wollende Kette von Erlebnissen und Erfahrungen. Mancher "Reiseeindruck" erscheint dabei eher von Postkartenumfang.

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Ganz anders der in der Rosenkreuzer- Tradition stehende Steiner, der erstens sehr viel weiter und konkreter ausgestaltet, als es die Mal um Mal tiefere, auch psychologisch reflektierte Selbstbeschau eines Almaas erlaubt. Zweitens stellt sich dieser in seiner autobiografischen "Journey" doch überraschend spät in eine Konfrontation mit dem Tod. Im selben Augenblick kommt die kalifornische Heimat und Natur in den Blick, ja selbst etwas wie Alltag. Das wird dann etwas flach, gerade im Gegensatz zu den extrem innerlich- mystischen Kapiteln zuvor. Man sieht, dass Almaas völlig berechtigt und verständlich vor allem in einer realen mystischen Tradition steht, die er in der Gegenwart nicht etwa referiert, sondern beispielhaft vorlebt. Seine Schilderungen sind staunenswert. Dennoch kann man eben das vermissen- die simple, aber so schwierige Umsetzung in den Alltag. Im Gegensatz dazu ruft Rudolf Steiner in seiner Schulung schon früh zur Vertiefung in die Natur, die Gesteine, die Jahreszeiten auf, durch eine Metamorphose des Denkens in ein reines, inhaltsloses Tun. Steiner ist selbst in einem sehr okkulten und intimen Buch wie "Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?" darauf aus, die innere Entwicklungsschritte mit der konkreten Umwelt zu verbinden: "Ein anderes Ergebnis wird sein, dass man während der Winterszeit durch die esoterische Entwicklung immer mehr und mehr fühlen wird, dass man sozusagen mit seinem inneren Ätherleib nicht so in sich geschlossen ist wie während der Sommerszeit, sondern dass man mehr in Zusammenhang kommt mit dem unmittelbaren Geist der Erde… man wird verstehen lernen, dass der Geist der Erde wacht im Winter." (S. 76 ff)

Aber das meint kein Besser oder Schlechter, kein Weiter in der Entwicklung, sondern es meint die Freude an der Vielfalt der esoterischen Nuancen, Traditionen, Schwerpunkte. So wie Christian Rosenkreutz im Mittelalter erlebt man die unterschiedlichen Betonungen in der Entwicklung des Individuums in den verschiedenen Kulturen. Das schließt sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzt sich- zumindest dann, wenn eine methodisch saubere, moralisch ausgewogene und geistig klare Wegbeschreibung vorliegt.
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Der anthroposophische Eselskarren

Natürlich findet man auch in Büchern und bei Autoren, bei denen sich die Nackenhaare sträuben, nicht selten Fundstücke aus der esoterischen Kiste, die ganz dem eigenen seelischen Geschmack und der Art der geistigen Aktivität entsprechen, d.h. man fühlt sich durch Fundstücke, Bruchstücke, Metaphern innerlich beflügelt und inspiriert. Wohl dem, der trotz der rigorosen Eigenständigkeit seines Denkens dennoch eine Anmutung erfahren kann, wo er so etwas wie eine Spur von geistiger Heimat finden kann. Nicht eine simple Selbstbeschränkung, sondern ein Gefühl für die innere Orientierung, die der eigenen Objektivität nichts nimmt, aber doch das Empfinden für ein inneres Lot.

Ich selbst habe dergleichen nicht an einem bestimmten Ort gefunden - auch nicht in Dornach - aber seit bald vierzig Jahren in kleinen Texten über die Person des Christian Rosenkreutz. Solche Texte und Zitate Rudolf Steiners findet man z. B. auch im unten angesprochenen Buch von Sergej O. Prokofieff, auch wenn seine Kontextualisierung mir im einzelnen nicht gefallen mag. Aber die Textstücke alleine bewirken, dass mir warm ums Herz wird - sie sprechen manchmal etwas an, was zu einer spezifischen Intimität gehört, die nur der kennt, der wirkliches inneres Gespräch, Meditation oder tatsächliches rückhaltloses Beten aus der Erfahrung kennt. Umgekehrt sind Menschen, die dergleichen kennen, ohne Umschweife dazu in der Lage, solche Intimität anzusprechen, egal, aus welcher ideologischen oder mystischen Lage, aus welcher Weltgegend oder Kultur sie entstammen.

So geht es mir, wie schon öfter erwähnt, mit dem aus Saudi- Arabien stammenden, in der Mystik der Sufis aufgewachsenen A.H. Almaas, etwa in "Luminous Night' s Journey", auch wenn seine imaginative Bildwelt einem Westeuropäer nicht immer nahe steht. Almaas' Imaginationen wurzeln im genannten Buch z.B. stark in Materialien wie Metallen, Perlen oder bestimmten Gesteinsarten. Darauf kommt man so nicht, wenn man aus dem verregneten feuchten Klima der gemäßigten Nordhalbkugel stammt. Die Imaginationen sind offensichtlich gesättigt von kulturellen Einflüssen und spezifischen Einflüssen aus Kindheit und Umgebung. Manches klingt bei Almaas auch seiner Wahlheimat Kalifornien verwandt - kein Wunder, da er seit etwa vierzig Jahren dort lehrt, arbeitet und mit engen Freunden ein Studienseminar aufgebaut hat. Es ist eher die intuitive Ebene, auf der ich seine rationale Mystik als real und verlässlich empfinde, etwa wenn er über ein tiefes Stadium der Versenkung schreibt (S. 61): "The peace is itself the presence, which is complete stillness of mind and consciousness. Total transparancy, complete purity, and absolute absence of obstruction. The feeling is an indescribable intimacy."

Ja, wer diese spezifische unbeschreibliche Intimität kennt, weiß eben, dass dieser Mann wahrhaftig spricht. Diese Intimität, dieses einzigartige Empfinden ist eben ein notwendiger Teil des Herzdenkens. Es ist die tiefe Freude, ein geradezu sprudelndes Inneres Glück, jenseits des Nur- Persönlichen in einen inneren Strom einzutauchen, der mit dem Innersten zusammen hängt, und also dennoch immer persönliche Züge annimmt. Das Glück des Sich- Verschenkens, das zugleich ein Sich- Finden bedeutet, aber auch eine aktive, präsente, ungebrochene Zuwendungsfähigkeit. In dieser Phase des Erlebens ist die Unmittelbarkeit und Intimität so groß, dass man weiß, an den Wurzeln der Existenz zu stehen, zu atmen und zu schauen.

Es gibt die innere Orientierung wie zu Christian Rosenkreutz, aber auch die zu Denkern wie Almaas, trotz aller kulturellen und religiösen Differenzen, ja trotz seiner ganz anderen inneren Dynamik und der Art seiner Metaphern und Imaginationen.

Man muss sich das, "woher der Wind weht" heute aus aller Herren Länder zusammen suchen. Der anthroposophische Zusammenhang hat, solange er die Intimität des Erlebens nicht kennt (wie etwa bei Prokofieff), etwas von einem Eselskarren, der treu und mit Scheuklappen behaftet, seiner Wege geht. Wer aber hinten auf den Karren aufspringt und tatsächlich mitfährt, ist eine andere Frage. Das ist eine ganz bunte Gesellschaft.
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