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Michael Eggert: Kiffen ist gesünder. Zu Powells „Christus und der Mayakalender"

Es gibt so allerlei, über das man schreiben könnte, bei dem sich aber zwar nicht gerade die Tastatur verklemmt, aber reichlich innere Widerstände aufbauen. So geht mir das mit offensichtlich verschwörungstheoretischen, okkult- suggestiven und anderweitig im Trüben fischenden Büchern. Es ist schwierig, mit Texten umzugehen, die sensationelle Offenbarungen verheißen, wie nun im heutigen Fall mit Robert Powells „Christus und der Mayakalender. 2012 und das Erscheinen des Antichristen“ (Basel 2009).

Der Name des Buches, das im „Informationslücke-Verlag“ erschienen ist, ist Programm und verdeutlicht hinreichend den gesamten Inhalt. Interessant sind die Quellen und die Methodik, mit der das angebliche apokalyptische Geschehen produziert wird. Powell benutzt Textstellen der Apokalypse (selbstredend), Rudolf Steiners, Valentin Tombergs, Daniil Andrejews, Jeane Dixons, Judith von Halles und seiner selbst, je nach Bedarf, je nachdem, ob es passt. Ab und zu wird auch schon mal eine Marienerscheinung o.ä. eingestreut, etwas ägyptische Mystik oder das eine oder andere Buch zum rudimentären, aber zur Zeit top modischen Mayakalender. Gelegentlich betont Powell auch seine eigenen „Forschungsergebnisse“: „Durch meine eigene Forschung war ich in der Lage, Daniil Andrejews Ankündigungen bzgl. der bevorstehenden (..) Offenbarung Christi im Ätherischen und das Kommen des Antichrist „in nicht zu ferner Zukunft“ zu bestätigen.“ Holla.

Nähere oder auch nur ungefähre Angaben zu seinen Arbeitsmethoden macht Powell nicht, aber es klingt gut. Im ersten Teil benutzt er allerlei Zahlenmystik, um zu den gewünschten Jahresangaben zu kommen, die er allen möglichen Quellen entnimmt (auch Rudolf Steiner, natürlich), aber nach vorne oder hinten ausdehnt, variiert und kombiniert. Das Meiste wird aus anderen Texten über den Mayakalender abgeschrieben. Zwischen Templern, Echnaton, Dämonen und Sophienkult streut Powell auch noch Bilder der Milchstrasse hinein. Die sich daraus ergebenden Bezüge sind natürlich beliebig und passen sich notgedrungen in das behauptete apokalyptische Geschehen hinein. Bei dieser Methode könnte man auch einige Micky-Maus-Hefte als Quelle heran ziehen und einbauen- es würde passen, wenn man nur das Nichtpassende passend ausblendet.

Zweifel räumt Powell durch immer weiter addierte beliebige Textfragmente aus - etwa in folgendem Zitat:
Bezüglich des Datums vom 21. Dezember 2012 mag der skeptische Leser einfach sagen, „Warum soll ich den Apokalypse Code für gültig erachten?“ Aber es ist nicht nur der Apokalypse Code, der uns dazu führt, den langjährigen Mayakalender als eine prophetische Voraussage für das Ende der 3 1/2 jährigen Regierungszeit des Antichrist anzusehen, sondern auch das Lesen der Bilder der Offenbarung, die uns deutlich ankündigt, wo wir in der Entfaltung der Weltgeschichte stehen. (..)“ (S. 112). Und wer es an diesem Punkt immer noch begriffen hat, dem wird das Werk des (mir unbekannten) russischen Mystikers Andrejew „als sehr hilfreich“ empfohlen.

„Hilfreich“ im Sinne der sinnfreien Argumentationskette von Powell ist alles mögliche, wenn nur das Ziel erreicht wird, „die metahistorische Offenbarung der Apokalypse in eine verständliche Reichweite der Zeit, in der wir leben, zu bringen“ (S. 113). Das haben nun allerdings seit dem Mittelalter Viele versucht. Auch Powell bezieht die apokalyptischen Bilder auf tatsächliche zeitgenössische Katastrophen: „Wie „erfüllen“ die Ereignisse des 11. September 2001 auf der historischen Ebene die sich öffnende Szene des 13. Kapitels der Offenbarung auf der metahistorischen Ebene? Kehren wir zurück zu den Worten, die die Öffnung der Szene des Kapitels beschreiben: „Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter.. Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet“ (Offenbarung 13:1-3). Die „tödliche Wunde“, die Johannes vor etwas über neunzehnhundert Jahren sah, kann als die „Wunde“ gesehen werden, die mit der Zerstörung der beiden Türme des World Trade Center, dem Computer beladenen „Haupt“ des Welthandels zugefügt wurde. So kündigte dieses dramatische Ereignis am 11. September 2011 der Welt das Aufstehen des „Tieres“, Satan/ Ahriman, an, auf seinem Weg zur Inkarnation, mit einem seiner Häupter verwundet. Der darauf folgende Krieg gegen den Terror, der beabsichtigt, die Menschheit in einem Zustand ständiger Angst zu halten, ist genau das, was die Atmosphäre schafft, die das Tier für seine Inkarnation als Antichrist braucht.“ (S. 116) Diese merkwürdigen apokalyptischen Kurzschlüsse folgen dabei - ohne das zu be- oder vermerken- einer Dämonisierung, die auch Bin Laden in seiner Dschihad- Ideologie betrieb. Powell muss sich in seinen hektischen Argumentationsmanövern offenbar doch an den Duktus des in seiner Zielgruppe beliebten Anti- Amerikanismusses halten. Die beigefügte Bemerkung, das „Haupt“ des World Trade Centers sei „Computer beladen“ (was für ein schreckliches Deutsch!), mixt noch eine Prise Technikphobie mit hinein.

Die „Qualität“ der beliebigen assoziativen Querbezüge, die Powell herstellt, zeigt sich an allen Ecken und Enden. Auf Seite 124 springt er von dem „großen roten Drachen“ nahtlos herüber zum Kommunismus, wie überraschend: „Der Name für die Bolschewisten - die Roten - deutet auf das Bild aus der Vision des Johannes.“ Ja, aber wenn ich „die Roten“ bei Google eingebe, erhalte ich auch noch 25 Millionen andere Bezüge, von Rosen über Fußballvereine bis hin zu roten Zahlen. Mithin könnten wir spontan ein Buch schreiben über den Bezug der Finanzkrise zur Apokalypse. Und auch wir könnten mit geschwellter Brust hinein schreiben: „Die Visionen der Offenbarung sind wahr.“ (S. 125). Alles wird wahr, wenn man es nur passend zurecht strickt. Nur wer diese Strickmuster dann in seinen Weltkosmos übernimmt, hat zwar ein unanfechtbares Erklärungsmodell für Alles, aber auch ein echtes Problem.

Unser Ratschlag zum besprochenen Buch: Kaufen Sie es nicht, wenn Sie einen assoziativen Rausch suchen. Kiffen ist gesünder. Folgt man diesem Buch aber doch, muss man mehr Sorge um die eigene geistige Integrität als Angst vor dem kommenden Antichristen haben.
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