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Peter Sellars

Spiegelwesen & der Abgrund

Unsere Identität entspringt - so absurd es zunächst erscheinen mag- der Tatsache "gespiegelt zu werden" (Alice Miller, Das Drama des begabten Kindes) - im Dialog, im Erwachsenenalter, aber auch, auf sehr viel existentiellerer Ebene, als Kleinstkind:
"Die Mutter schaut das Baby an, das sie im Arm hält, das Baby schaut in das Antlitz der Mutter und findet sich selbst darin. vorausgesetzt, dass die Mutter tatsächlich das kleine einmalige, hilflose Wesen anschaut und nicht ihre eigenen Introjekte, auch nicht ihre Erwartungen, Ängste, Pläne, die sie für das Kind schmiedet, auf das Kind projiziert. Im letzteren Fall findet das Kind im Antlitz der Mutter nicht sich selbst, sondern die Not der Mutter. Es selbst bleibt ohne Spiegel und wird in seinem ganzen späteren Leben vergeblich diesen Spiegel suchen." (S. 59f)

Alice Miller meint damit auch, dass diese Art von frühkindlichem Mangel im Angeschautwerden später dazu führt, dass aus diesen Kindern Meister im Verstehen werden, insbesondere Psychoanalytiker, aber natürlich auch Psychologen oder Profi- Versteher in sozialen Berufen. Manchmal sind die individuellen Bedürfnisse in sozialen Berufen tatsächlich enorm- eine Anspannung, ein innerer Drive, der die Professionalität teilweise wieder zunichte macht oder zumindest unterläuft (ich kenne das, ich war selbst betroffen). Dass die innere Intention auch einem existentiellen Bedürfnis entspringen kann, bleibt meist im Unbewussten. Menschen mit einer "inneren Mission" können viel bewirken, aber auch viel blockieren, da immer dieser innere Stachel hinein spielt.

Aber natürlich existieren wir auch sonst als Erwachsene dadurch, dass wir von Anderen gespiegelt werden. Das zeigt sich bei Untersuchungen (ich werde noch in einem Post darauf eingehen) von Schlaganfallpatienten, deren Gesichtszüge teilweise gelähmt bleiben. Nicht selten setzt danach eine soziale Isolation ein, da Emotionen sich nicht mehr im Gesicht darstellen lassen- es bleibt maskenhaft für den Gesprächspartner. Die Patienten können das spiegelnde emotionale Feedback nicht mehr oder nur bedingt leisten. Das ist für Gesprächspartner häufig kaum zu ertragen; wir hängen einfach zu sehr davon ab, bestätigt zu werden. Diese ununterbrochene Feedback- Schleife, mit der wir durchs Leben gehen, bleibt weitgehend unbemerkt. Man malt sich kaum aus, in welche prekäre Lage Schlaganfallpatienten oder Unfallopfer dadurch kommen. Wenn jemand auf unser Erscheinen oder unsere Äußerungen und Reaktionen nicht reagiert, sondern einfach wie eine Ding vor uns steht, verunsichert uns das, selbst wenn wir wissen, dass der Patient nicht reagieren kann. Wir baden in einem Meer von emotionalen Feedbacks, denn daraus konstituieren wir uns, dadurch fühlen wir uns, dadurch sind wir angenommen und angekommen.

Ich denke an den Opern- Regisseur Peter Sellars, von der Figur her ein Gnom, aber von unglaublicher Energie, ein geradezu berstender Energetiker. Ich sah in einer Dokumentation in einer langen Einstellung sein Gesicht. Er hörte Passagen aus einer Aufführung, und die Musik spiegelte sich in seinem nackten Gesicht in Vollkommenheit. Ich habe noch nie ein so nacktes und wesentliches Gesicht gesehen, in dem nichts "nur- Eigenes" mehr zu sehen war, sondern der Ausdruck dieser Musik in allen Nuancen, wie Wolken, die über das blanke Blau ziehen.

Ja, es ist schon auch ein Akt der Emanzipation, nicht restlos in das Geflecht unserer Spiegelungen verwoben zu sein. Einen freien Blick und etwas Entzug zu bekommen von dieser Sucht. Den emotionalen Erwartungen selbst nicht immer zu entsprechen, nicht immer diese Bedürfnisse unserer Umgebung zu befriedigen, kann nichts sein, was man sich vornimmt. Man könnte sich dann auch selbst entsorgen. Es spricht nun rein gar nichts gegen Grundformen der Höflichkeit und der sozialen Verbindlichkeit. Vielleicht ist es klüger, seine Emanzipation auf anderer Ebene zu erproben. Im meditativen Arbeiten z.B. findet man keine Belobigungen. In gewisser Weise steht man einfach nackt vor etwas, was wir darum als Leere empfinden, weil dies ein Reich ohne Spiegel ist. Es gibt nicht einmal mehr körperliche und biologische Rückmeldungen. Der Gedankenfluss steht still. Niemand bestätigt uns, niemand schaut uns an. Wir sind konzentriert, aber ohne Inhalte, ohne Ziel, ohne "Das". Da wir Spiegelwesen sind, ist das ein Moment am Abgrund. Ohne ein "Das" sind wir, so wie wir sind, einfach nicht mehr existent. Aber dort, am Abgründigen, entspringt zugleich das, was an uns Kraft ist. Wir bemerken unsere tiefen Unterströmungen einfach nicht, weil wir in dieser Maya der Spiegelungen so verstrickt sind.

Das, was dieses Schweigen übersteht, was uns trägt, was uns mit Wärme, Leben und Klarheit hier entspringt, ist das, was keine Bestätigung benötigt, sondern sich selber trägt. Wir sind "die geistige Welt". Wir müssen durch diesen Nullpunkt hindurch, um dessen gewahr zu werden.

Hier Peter Sellars „erste Lektion“:


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