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Parzival

Parzival 2013

"Die geisteswissenschaftliche Entwickelungslehre wird mitgeteilt; sie soll nicht geglaubt werden, sondern die Menschheit soll durch eigene Urteilskraft dazu kommen, sie zu verstehen. Sie wird verkündet denen, die den Keim der Parzival- Natur in sich tragen.“*

Ein bisschen Lehre ist Anthroposophie ja schon, man muss zumindest die Grundvokabeln und Grundstrukturen ihrer Menschen- und Weltsicht kennen; die, die in Listen feilgeboten werden, Leiber auf Leiber und Welten auf Welten. Und Götter auf Götter. Man muss die Vokabeln kennen, um sich überhaupt eine Vorstellung machen zu können, welche Vorstellungswelt, welches Bild von Wirklichkeit und Identität im tiefsten und umfassendsten Maße einem hier angeboten wird. Übrigens meint Steiner ja im unteren Blogbeitrag, dass selbst diese Grundkenntnisse, und vielleicht ein ganz klein wenig Glauben, eine gute Beuys’sche Wegnahrung (Sie wissen schon, Schlitten mit Kupfer- Spazierstock, totem Hasen und jeder Menge Fett) darstellen für den letzten Weg, den wir alle gehen - einfach weil man einen Begriff davon hat - zumindest schematisch-, wie man sich selbst und Andere als reine Energieform, ohne jede Leiblichkeit, vorstellen könnte.

Man kann, weil man die Begriffe einmal gebildet hat, nun wie mit Augen sehen, die einem aufgehen, man kann den Blick erheben und sich lösen von den Formen und Abläufen der physischen Existenz. Vor allem ist wohl eine sehr andere Art und Weise des Kommunizierens angezeigt- eine ohne Körpergrenzen, ohne Laut und ohne Ton und ohne äußeres Licht. Nun, es wird schon gehen, aber man tut sich leichter, wenn man, wie Beuys über den Mond sagte, "die Gegend schon kennt."
Meditation ist in dieser Hinsicht ein Trainingslauf, und wenn man tatsächlich an die Quellen der Tiefe rührt, den warmen Strom, in dem man im nahrhaften lichten, sich verschenkenden Bewusstsein mitgeht, die äußere Natur in jedem Augenblick zum Zeichen wird, dann ist man wohl dabei, wie Steiner forderte, "durch eigene Urteilskraft dazu kommen, sie zu verstehen", die Entwicklungslehre. Allerdings baut er auch wieder Hürden auf, indem er diejenigen anspricht, die einen Satz wie "Das, was als Ich im Menschen lebt, das ist das Christus-Wesen“* tatsächlich verstehen und damit realisieren können. Es ist etwas, was man in Form von Nektar zumindest gekostet hat.

Was aber ist die "Parzival- Natur"? Ich weiß schon, gemeint sind die, die einen unheilbaren Riss in sich spüren und die von der unentwegten Frage nach Sinn getrieben sind. Aber wie oft wird der Riss in sich durch die Antworten, die man zu erhalten glaubt, lediglich verdeckt? Man stiftet den Sinn, den man sucht, selbst, und befindet sich unversehens in einer "Lehre", mit all den Verteidigungs- und Rechtfertigungsschlachten, die mental und verbal dadurch entspringen. Vor allem erhält man den Service dieser umfassenden Sinnstiftung, einer persönlichen Teleologie, und was, bitte, will man mehr? Der gefundene Sinn beendet jegliche Suchbewegung. Anthroposophie degeneriert dann allerdings zu erstarrten Positionierungen und Verteidigungslinien, weil dieser Parzival, wiederum gescheitert, sie zu einer Krücke für sein Ego hat verkommen lassen.

Das Fragen Parzivals hört nie auf. Er befragt auch seine eigene Anthroposophenschaft. Wo stehe ich darin, wie profitiere ich? Was kann ich bieten? Wo setze ich es wirklich um? Bin ich stolz auf mich, Anthroposoph zu sein? Denke ich, dadurch Besonderes zu sein, ein heraus ragender Zeitgenosse, ein „Zeuge der Zeit“? Wie bescheuert kann ich eigentlich sein? Ich füttere mein Ego mit blutigen Brocken vom Leib der Sophia. Und ich muss mir nichts einbilden, das ist nur ablenkender Unsinn. Man macht sich etwas vor. Geh an den Kern der Probleme. Dort, wo es weh tut. Welche Wunde willst du mit Anthroposophie verdecken oder gar füttern? Warum machst du das mit dir? Was sind die Teile, die in dir auseinander fallen? Fass sie ganz genau ins Auge. Das ist das, warum du dir immer wieder denselben Streich spielst. Und wenn ich mir auch Anthroposophie aus einem Hauch von Eitelkeit und Wunsch nach Bedeutsamkeit im Leben angelacht habe, kann man ja doch etwas daraus machen, oder? Ich kann auch mit meinen privaten und höchst persönlichen Eigenheiten versuchen, einen geklärten, mit sich selbst versöhnten (das ist das Schwerste) Anthroposophen in die Arena der gebildeten Gedanken zu stellen. Oder etwas Konstruktives entwickeln helfen. Oder das, was ich tue, mit ganzer Präsenz tun. Parzival begegnet heute dem "Bösen“, dem Hinderlichen, aber auch stets Aufbauenden in sich. Auftritte und Abgänge der persönlichen Widerstände, das ist ein Leben in suchender Bewegung. Das ist die Frage, die Parzival heute stellen sollte: Wie kann ich mit mir leben?

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* Rudolf Steiner, Das Prinzip der spirituellen Ökonomie im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen . Ein Aspekt der geistigen Führung der Menschheit
Dreiundzwanzig Vorträge, gehalten zwischen dem 21. Januar und 15. Juni 1909 in verschiedenen Städten
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