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Kühlewind

Die Reiche der Himmel

Der Weg bringt es mit sich, dass in einer glücklichen Phase des Lebens, in der wie in einem vom Schicksal vorgenommenen Arrangement alles stimmt, vernehmbar wird, worauf es - abseits der kollektiven Vorstellungen - bei innerem Wachstum ankommt; keine nur persönliche Erfahrung, sondern etwas, was das Menschsein an sich unvermittelt berührt. Solche Arrangements sind nichts, was wir selbst aus eigener Kraft anstellen könnten, und sie finden eher in der ersten Hälfte des Lebens statt; wenn überhaupt. So wird man dabei zum Beispiel an einen bestimmten, inspirierenden Ort geführt, an dem einen etwas anweht- vielleicht geschwächt von einer leichten Grippe, etwas irritiert, aber zugleich aufmerksam und sehnsüchtig. Und plötzlich entrollt sich der Schleier, und man findet sich in einem innigen Dialog mit einem inneren Gegenüber, der in dieser typischen Nüchternheit der geistigen Erfahrung die kühle Mystik der Gegenwärtigkeit enthüllt.

Es gehört dazu, dass man um den Moment weiß, aber zugleich die Inhalte der Erfahrung nur in den äußeren Umrissen ins Gegenwartsbewusstsein mitnehmen kann; das Vergessen ist nicht zu verhindern. Und es gehört dazu, dass die Führung in solche Erfahrungen sich nicht in derselben Form wiederholt. Das Bemühen darum mag Jahre und Jahrzehnte dauern, aber nie wird die mystische Erfahrung in dieser Form wieder auffindbar sein. Der geheime Garten entzieht sich schon deshalb, damit man die innere Aktivität aufs Äußerste anspannt, die Bemühung forciert- vielleicht nur um zu bemerken, dass eben dieses Wollen verhindert, dass es geschehen kann. Der Wille ist nicht rein- er ist durchsetzt von bloßem Begehren. Das Wollen muss transparent werden, immer mehr und mehr, und es wird nichts mehr geschenkt.

Aber selbst, wenn die Taufe schließlich Tatsache wird, wenn der stille Dialog zu etwas wird, was seelisch Fuß fasst, wird man konfrontiert mit allen Aspekten des eigenen „Schwachmenschlichen“:

Nun sind die Reiche der Himmel wirklich nahe herbeigekommen, von der anderen Seite her, in der sie früher nicht aufgesucht werden konnten. Im Schwachmenschlichen sind sie anwesend, unter der Asche des Alltags, der Gewohnheiten lebt eine kleine Glut des Anfanges. Sie auflodern zu lassen heißt, mit dem neuen Heiligen Geist begnadet zu werden.“ (Georg Kühlewind, Die Erneuerung des Heiligen Geistes, S. 13)

Der versteckte „Lebenskeim“, der nun nicht nur in der arrangierten Einzelerfahrung, sondern in einem zarten, aber kontinuierlichen Strom im Inneren präsent wird, hat nichts Ausgedachtes, Gewolltes oder Gefühliges. Es ist ganz buchstäblich die Erfahrung des inneren keimenden Lebens, und hat somit Charakteristika einer Auferstehung des geistigen Lebens- ein reales österliches Geschehen. Auch dieses Fußfassen geistiger Präsenz geht durch Verschattungen und Krisen; es ist kein Eigentum, kein Anrecht, kein Teil des Ego; deshalb sind schmerzhafte Erfahrungen damit unausweichlich. Die Präsenz wird nicht mehr geschenkt, tritt auch nicht mehr unvermittelt, vereinzelt und blitzartig auf, sondern wird nach und nach innerer Kern des seelischen Gefüges - inmitten der Individualität mit ihren Eigenheiten. Die Präsenz hat dadurch immer ein persönliches Gepräge, ist aber selbst nicht aus der Persönlichkeit geboren, ist kein „Geschöpf“, sondern wird als das Leben selbst erfahren, als sich selbst schöpfender Quell.

Es gelingt immer nur mehr oder weniger, ganz in diese Lebendigkeit hinein zu gehen. Es ist stets ein kreativer Akt, dem man immer nur in Aspekten genügt. Zugleich ist es - ohne im geringsten konventionell zu sein- ein moralisches Erleben, ein Empfinden, das in der völligen Hingabe zugleich von einer Vernunft und Reinheit, und von einer essentiellen Nicht- Selbstbezüglichkeit getragen wird.

Der „Logosfunken“ entzündet sich in immer neuen Anläufen, und durchglimmt das Nur- Persönliche immer wieder in einem Anfang. Dieser bedarf keines bestimmten Ortes, keiner bestimmten Stunde mehr - er leuchtet im Alltag auf und enthüllt dessen unerschöpfliche Schönheiten. Auch die Natur beginnt zu sprechen. Die „Reiche der Himmel“ sind nichts Fernes, sondern entfalten sich in den Details der Wahrnehmung. Die Kluft zwischen äußerem Dasein und innerem Leben schrumpft, und in jedem Sprung über den Abgrund wird das Glück dieses Anfangens erfahren.
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Wolken. Die Töchter von Erde, Wind und Wasser

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"‘I am the daughter of Earth and Water, And the nursling of the Sky; I pass through the pores of the ocean and shores; I change, but I cannot die“, heißt es von den Wolken, und tatsächlich sind sie das formbare Element, das Medium zwischen Schwere und Licht, das in jedem Augenblick an jedem Ort auf der Erde neue Gestalt annimmt. In der japanischen Gartenbaukunst spielen die Wolken - so erfährt man in Tan Twan Engs großartigem Roman "The Garden of Evening Mists“ - eine wichtige Rolle, da der Garten nicht nur die umgebende Landschaft, sondern - durch Wasseroberflächen- auch das Geschehen vor dem Blau des Himmels spiegelt: "Water flooded into the pond, gathering up the puddles already waiting there. As the swirls and ripples died away, a fragment of the sky was slowly recreated on earth, the clouds captured in water.“ In dieser Hinsicht ist der Garten auch ein Sinnbild des Menschen selbst, denn so wie dieser sich in seinem Leben ein wenig Zeit „leiht“, so „leiht“ sich der Garten von Himmel, Erde und Umgebung: "‘A garden borrows from the earth, the sky, and everything around it, but you borrow from time,’ I said slowly“.

Die Töchter von Erde, Wind und Wasser entspringen einem irdischen Drama, das Walther Bühler in „Nordlicht Blitz und Regenbogen“ so beschrieb: „Bald ist das blaue Lichtgewölbe ganz verschwunden und uns bedrängen an seiner Stelle dunkle, graue, wogende Wolkenmassen. Mächtig stemmen sich die Zentralkräfte der Erde dem Kosmos entgegen und bringen ihre zentripetalen Eigenschaften in dem zur Wolke kondensierten Wasserdunst und in dem fallenden, der Schwere folgenden Tropfenstrom zum Ausdruck.“ Die Strukturkräfte können dabei bis zum Hagelkorn verdichten - als bis zu einem kristallinen Festen. Daher sieht Bühler im Spiel der Wolken strukturelle Prinzipien der Erdgeschichte gespiegelt: „Die dabei zutage tretenden Verdichtungsstufen im meteorologischen Bereich wiederholen zugleich in abgekürzter Form den Werdegang der Erde durch die Jahrmillionen.“

Das Zusammenspiel zwischen Formendem, entstehender Gestalt und Entgrenzung kann aber auch auf den Menschen übertragen werden, der einerseits verbunden ist „mit dem schöpferischen Prinzip der Welt“ (Georg Kühlewind, Die Erneuerung des Heiligen Geistes, Stuttgart 1992, S. 55), andererseits selbst aber auch Gestalt (in physischer, seelischer, intellektueller Form), ist- sowohl auf Vergangenheit wie auf Zukunft ausgerichtet, auf Gewordenes wie Werdendes: „Dem entspricht eine Wandlung im Menschen, in der die Lenkung, die Orientierung seines Lebens von dem natürlichen Menschen - seinen Leibern, vom physischen bis zum Seelenleib- auf den oberen, geistigen Menschen übergeht, der aus freien Kräften um das wahre Ichzentrum besteht. Diese Kräfte haben in dem natürlichen Menschen Formen angenommen, das Geformtsein erlitten; nun wird der nous pathetikos des Aristoteles vom nous poietikos, dem poetischen, schaffenden Menschen beherrscht und aus den Händen der Schöpfermächte übernommen.“ (Kühlewind S 55f)

In der Himmelfahrt wird Christus durch eine Wolke aufgenommen, die sicherlich ebenso wenig natürlich ist wie die Wolke, mit der Jesus in der Verklärungsszene verhüllt wird. Und am Jüngsten Tag wird der Herr „auf Wolken des Himmels, mit großer Kraft und Herrlichkeit“ erwartet. Diese „Wolke“ hat also Charakteristika des Vatergottes, in die Christus sowohl eingeht, der er aber auch entspringt. Es ist, wie Kühlewind betont, kein „Aufgehen im Vater“ (Joh 1,1- 2), sondern ein Hingehen in ein Einssein und ein Erscheinen aus dem Einssein: „Die Erscheinung und das Hinschwinden des menschlich gestalteten Logoswesens in die mehr gestaltlose, ungegliederte Wolke, die den Hintergrund der Gestalt bildet, sich von ihr abhebt und sie doch wieder aufnimmt oder gebiert, ist das imaginative Bild für das Verhältnis und den Zusammenhang des Vaters und Sohnes.“ (Kühlewind, S. 36) Aus diesem Eingehen-in-das-Gestaltlose wird dann zu Pfingsten das „Brausen des Himmels wie eines gewaltigen Windes“.
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A.H. Almaas über Kühlewinds Begriff des Logos

„Das menschliche Wesen ist eine rationale Kreatur, weil menschliche Wesen an der Struktur des Logos teilhaben können. Die entwickelte und reife menschliche Seele ist eine rationale Seele, die der harmonischen Struktur des Logos entspricht.
Dies mögen wir ein grundlegendes Denken nennen, im Gegensatz zum Alltagsdenken. Das mag uns verstehen helfen, dass das Alltagsdenken eine Reflexion des Flusses des Logos ist. In anderen Worten, unser Verstand ist eine Spiegelung des Logos, indem neue Gedanken und Konzepte ähnlich dem kreativen Logos entwickelt werden.

Solches Verständnis mag uns zur Wahrnehmung führen, dass unser Denken heranreichen kann an ein objektives Denken, in dem nicht nur der Fluss des Rationalen vorherrscht, sondern ein geordneter Fluss von Einsicht.
Dies stellt eine mögliche Realisation der inneren Reise dar, wobei unser Verstand mit dem essentiellen Grund verbunden wird, und dabei weit über das Rationale hinaus, per Intuition in universelle Konzepte hinein ragt.
Dies ähnelt Gurdjieff’s Konzept des objektiven Denkens, aber auch dem Begriff des reinen Denkens bei Kühlewind, welches er als Annäherung zur Erfahrung spiritueller Realität versteht, aber auch als Realisierung der Präsenz:

"Such pure thinking, if applied to other fields, could create the possibility of thinking with mathematical precision about spiritual realities. Thereby the activity of the Spirit in man would truly begin. Awareness of the Logos could be kindled by pure thinking about the light of consciousness. Perceiving the Logos, the spirit could assume its true function: to investigate the obstacles that stand in the way of realizing consciousness-in-the-present, and to develop methods for removing these.” (George Kuhlewind, Becoming Aware of the Logos, p. 90.)“

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Übersetzung von Michael Eggert aus dem Buch „The Inner Journey Home: Soul's Realization of the Unity of Reality“ von A. H. Almaas
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Marodierende Geister

Ich zitiere, weil ich zufällig unter dem Tag „Kühlewind“ darüber stolperte, aus einem drei Jahre alten Blogbeitrag, an dem sich zeigt, wie wenig sich doch verändert hat- oder wie sehr, vielmehr, die schwärenden Wunden marodierender Geister immer weiter aufbrechen, denen die innere Mitte, die Toleranz und die geistige Kompetenz fehlen, auch wenn sie genau darauf pochen (und, im Falle der Anhänger Rudolf Steiners, stets für sie passende und genehme Textstellen in dessen Werk entdecken):

So schart eine Enddreissigerin bei Facebook 360 Anhänger um sich, die an ihren Lippen hängen, weil oder obwohl sie behauptet, die Reinkarnation Rudolf Steiners zu sein. Von den blutenden Wundmalen einer Judith von Halle und ihren visionären Eingebungen ganz zu schweigen. Wir sind heute -technologisch, medial, aber auch spirituell - noch einen Schritt tiefer gesunken als zu Kühlewinds Zeiten vor vielleicht dreissig Jahren. Heute werden vielfach nicht nur Bände mit geraunten „Geheimnissen“, Verschwörungen und geheimen Logen gefüllt, heute bekommt die Ungedecktheit eine eigene Dynamik und nimmt visionären Charakter an. Dort wo das auftritt, taumelt stets eine Gemeinschaft von Gläubigen hinterher. Offensichtlich folgt der illusionären Ungedecktheit eine Art Gärung, der immer fantastischere Erfahrungen und Behauptungen entspringen.“

Im sozialen Miteinander werden durch die Ungedecktheit, je bizarrer und Rechthaberischer sich die Protagonisten gebärden, zersetzende Tendenzen frei, die letztlich jedes Miteinander ad absurdum führen. Das innere Standhalten jedes Einzelnen, im Sinne einer spirituellen Autonomie, ist heute mehr gefragt denn je.
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Das gereinigte adventliche Denken

Georg Kühlewind schreibt in "Die Belehrung der Sinne", Stuttgart 1990, S. 53:
"Rein wird das Denken durch dreifache Reinigung: Rein von Emotionen, rein von Wahrnehmungselementen und rein von Vergangenheitselementen."

Der erste Punkt, die Reinheit von Emotionen, bedeutet keinesfalls das Ausbleiben von Gefühlen. Aber das Selbstgefühl, das Gefühlige, das, was sich in eingebildeter Devotion badet, muss in einem meditativen Setting insofern ruhen, als sich der Praktizierende daraus befreit. Der innere Abschied von rastloser Alltagsbezogenheit in einer inneren Freiheitserklärung gelingt nur allmählich und ist als Reinigungsphase zu verstehen. Kühlewind nennt das auch explizit so.

Die "Reinheit von Wahrnehmungselementen" meint nicht nur das willentliche Ausschalten äußerer Eindrücke, sondern auch den Wust der neuronalen Rückmeldungen durch das körpereigene Kommunikationssystem, in das wir mit erheblichem energetischen Aufwand verstrickt sind.
Schweigen der inneren und äußeren Wahrnehmung ermöglicht das Erwachen der damit gebundenen Kräfte, die nun frei sind und dem fokussierten Denken wie kräftige Flügelschläge in die Kühle Luft des Geistes heben. In Bezug auf meditative Methoden wie Wortmantren wird in dieser Phase die inhaltliche Bindung der Gedanken zugunsten einer rein dynamischen überschritten ("wobei mehr der Gedankengang als der informative Inhalt verfolgt wird", Kühlewind).

Der dritte Schritt der Reinigung ist gegenüber all dem bislang Erreichten fundamental grundsätzlicher. Denn nun wird die schon ausgebaute selbständige geistige Potentialität tatsächlich realisiert- tatsächlich gelebt, mit - was vielleicht abgedroschen klingt- mit jeder lebendigen Faser. Denn das Reine Denken entdeckt sich selbst - Alchemist seiner eigenen Identität-, indem es "frei wird von Vergangenheitselementen" (Kühlewind). Das Gedachte ist immer schon das, was gedacht ist. Man hat es schon gedacht. Was aber, wenn ich mich orientiere an dem, was keine Orthaftigkeit mehr kennt, was unter dem winterlichen Auge des Himmelsherrschers Jupiter steht, aber in steter Bewegung? Was selbst Bewegung ist, bewegt auch in sich entfaltender, entfachender Empfindung?

In der Weite der weißen Landschaft verschwimmen alle Konturen des Das-da, aber auch meine eigenen. Leere allein ist kein Wert an sich, solange sie sich nicht füllt mit der essentiellen, alles überstehenden Wärme meines eigenen Seins, das die Nacht erfüllt.

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M. Eggert: Die Wahrnehmung der Landschaft in der Meditation

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Natürlich habe ich es mit Goethe versucht- jahrelang. Das Nachleben der Dynamik von Pflanzen, das Wurzelnde, Blattartig- Wässrige, die Zerfaserung und Reduktion bis hin zu einem Nullpunkt, den man am besten am Blütenboden fest macht- die Metamorphose ins Blütenhaft, in einer Welt von Luft, Licht, Wiegen, Bestäuben und auch einem Ausdruck, der ein Gefühl vermittelt- das sind selbstverständliche Arten, durch die Natur zu gehen. Man ist, wenn man diese Instrumente im Konkreten anwendet, auf der Spur des Lebendigen.

Gleichzeitig vertieft sich das Mitempfinden im Erleben des Jahreslaufs. Man erlebt das Murmeln und Regen im ersten Vorfrühling, tief in der Erde, das lockende Licht, das ein ganz spezielles Element in sich trägt. Man erlebt den Übergang in wässrige Wachstumsphasen, das sich Ausbreiten in der erwärmten Luft. Im hohen Sommer zergliedern sich die Formen und nehmen eine bestimmte Gestalt an, die sich zugleich im Blühenden, Duftenden, Öligen übersteigt. Dann zerfallen die Formen schließlich, entwerden, bis die Ernte eingefahren ist. Im tiefen Winter vernimmt man das Schweigen, das kein Nichts ist, sondern ins Lauschen führen will.

Aber das Alles gibt noch keinen Schlüssel zur Landschaft. Man hat es ja dabei ja nicht mit einer konkreten Form oder Gestalt zu tun, mit der man sich im oberen Sinne meditativ auseinander setzen kann, indem man die Wandel in den Erscheinungen innerlich nachvollzieht. Man hat es auch nicht mit einer Zeit- Gestalt zu tun, mit einem Zusammenspiel von Licht, Elementen und sich wandelnden Gestaltungen. In der Landschaft haben wir eine Totalität, eine Ganzheit der Gestaltung vor uns, die wir nicht einmal mehr tastend erfahren können, solange wir von dieser Ganzheit separiert sind. Ähnlich wie es sich im Jahreslauf- Erleben verhält, weit umfänglicher als wir es es einzelnen Naturphänomenen gegenüber vollziehen können, müssen wir unseren Standpunkt aufgeben, um Teil dieser Landschaft zu werden, uns in sie hinein träumen zu können.

Denn, wie Rupert Spira in "Presence: The Art of Peace and Happiness" schreibt: "The total field of seeing is one seamless whole, without separate parts, just as the screen is one seamless whole. It is only thought that divides the screen into a multiplicity and diversity of objects— people, flowers, trees, fields, hills, the sky, birds etc."

Der Bewusstseinszustand muss sich im Naturerleben diesem komplexen "totalen Feld" der Wahrnehmung anpassen: "The sense that our body is one seamless whole comes from our own intimate and direct experience of the seamlessness and intimacy of our own essential being. The reality and wholeness of the body is, in fact, a reflection of the true and only reality of awareness, upon which the various sensations and perceptions that constitute the body have been superimposed. In other words, the body borrows its wholeness and reality from awareness."

Der Prozess der Annäherung an die Landschaft ist, wie Spira darstellt, zugleich und als Bedingung auch eine Befreiung von der Bindung an die ständige Körperwahrnehmung. Die Selbstwahrnehmung deckt das Erleben des "Ganzen" zu- die geistige Präsenz ist in diese Selbstwahrnehmung zersplittert und gebannt. Die Aufmerksamkeit, gebrochen wie sie ist, kann sich in der Folge nur einzelnen, aus dem Ganzen gefallenen Objekten gegenüber stellen. Der Körper "leiht sich" - wie Spira schreibt- seine Existenz, die ständige Vergegenwärtigung aus dieser Kraft der Präsenz und korrumpiert sie damit. In dem Augenblick, in dem diese Fixierung meditativ gelöst werden kann, erlebt man sich als Teil einer dynamischen Landschaft- sei es eine innere oder die "natürliche" unserer Umgebung. Das ist nicht zu vergleichen mit dem beklommenen atavistischen Schamanismus früherer Jahrtausende, sondern ist ein klarer und nüchterner Bewusstseinszustand, der uns in Ansätzen in emotionaler Hinsicht nicht unvertraut ist. Es gab und gibt diese gewissen Momente, die wir mit der Schönheit bestimmter Orte verbinden. Nun aber ist es, manchmal, als sei dies - diese Landschaft- mein Leib- oder als sei ich in dieser Landschaft geborgen, zuhause, aufgehoben. Manchmal scheint es, als gäbe es ein Zeichen, als entstünde etwas, was vielleicht einem Gespräch ähnlich sein könnte. Vor allem aber herrscht die Freude, die Gewissheit, das Lebensvolle.

Auch Georg Kühlewind, der individuellste und originellste Interpret zeitgenössischer Anthroposophie, der in all diesen Prozessen darinnen stand und über sie schrieb, hat sich zu Wahrnehmungsmeditationen z.B. in "Die Belehrung der Sinne. Wege zur fühlenden Wahrnehmung" geäußert. Die ungeteilte Welt haben wir, so schreibt er, als Kind ja erlebt: "Ganz am Anfang steht ein riesiges, die ganze Gefühlswelt ausfüllendes Das: Die Kinder bezeichnen es mit einer einzigen Silbe: "Ta", "Da" oder "A", d.h. mit dieser Silbe wird alles, jeder Gegenstand, jede Situation, jedes "Gefühl" bezeichnet - alles, was für den Erwachsenen ein "Das" ist. Nun bedeutet auch das früheste Erscheinen eines noch so unscharfen "Das", dass das Mitleben, Mitgehen, die Identität mit der Welt keine vollständige oder ununterbrochene mehr ist, sondern es gibt ein "Zurückbleiben", eine leise Entfernung des Bewusstseins von dem, was eben als "Das" erlebt wird." (S. 26)

Diese "Entfernung des Bewusstseins" wird in der Meditation der Landschaft teilweise und situativ wieder aufgehoben.
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Mondknoten im Lebenslauf


Mit der in anthroposophischen Kreisen so beliebten "Biografiearbeit" hatte ich es nie so recht, sondern hielt es lieber mit Georg Kühlewind, der dem Sinne nach mal äußerte "Irgend eine Krise ist schließlich immer", und dabei wölfisch grinste. Das Ganze hatte auch für mich einen Beigeschmack der Mit-Sich-Selbstbeschäftigung, mit so einem Wellness-Touch. Man kann, wenn man nur gründlich gräbt, alles Mögliche finden und Bezüge ohne Ende herstellen, wenn man nur will.

Daher ging ich auch an dem Buch von Florian Roder, "Die Mondknoten im Lebenslauf", zunächst achtlos vorbei. Ja, das ist ein richtig anthroposophisches Buch, im klassischen Sinne. Da reiht sich manche "Menschenkundliche Betrachtung" (wortwörtlich) an die andere, da herrscht eine umfassende Bildung, da wird manches Zitat aus Gedichten aneinander gereiht, da findet sich ein eingestreutes Essay über Goethe in Marienbad. Denn die vier Mondknoten mit etwa 19, 37, 56 und 74 Jahren werden mit Biografien bekannter Persönlichkeiten wie Goethe, Harrer, von Kues, von Humboldt, Scholl, Handke, Hammarskjöld, Dante u.v.a.m. gegeneinander gehalten. Astronomische Hintergründe werden sorgfältig eingebunden, ebenso wie Mythologien aus allen möglichen Kulturkreisen.

Tatsächlich ergeben sich in den sorgfältig dargestellten Lebensläufen etwas wie Rhythmen und wiederkehrende Spuren, bei den Einen mehr im Verstärken eines inneren Impulses, bei den Anderen in einem "kathartischen Charakter der Knotenauslösungen". Bei den Einen kommen mit dem 19. Jahr idealistische Motive auf, die sich vertiefen, realisieren und schließlich ganz neu gegriffen - oder bis hin zu einer sich selbst aufopfernden Hingabe gesteigert werden. Krisenhaft kann auch das auftreten. Bei den Anderen - so auch bei Goethe- kulminieren in manchen Mondknoten schwere gesundheitliche Krisen oder biografische Einschnitte wie eine Amour fou. Man kann es auch so betrachten, dass die Ideale und Vorstellungen, die bis zum 19. Lebensjahr vermittelt wurden, am folgenden Knotenpunkt selbst ergriffen sein sollten- gewissermaßen biografisch belegt und belebt. Mancher- so etwa Rossini- hat zwischen dem 18. und dem 37. Lebensjahr auch seine eigentliche Schaffensperiode, ist unglaublich produktiv, und verliert in der Folge seine Ausdruckskraft oder verlagert sie. Offensichtlich herrschen bis zum zweiten Mondknoten nicht selten Kräfte, die wie mitgebracht erscheinen- naturhaft gegeben. In den folgenden Lebensabschnitten müssen sie neu gegriffen werden, das übersprudelnde kreative Potential erscheint erschöpft. So wird die Krise um das 37. Jahr nicht selten als etwas erlebt, bei dem man auf seine Umgebung plötzlich wie durch eine Glaswand schaut, manchmal wie betäubt, manchmal ängstlich, manchmal sinnentleert gegenüber Allem, dem man bislang nachgelaufen ist. Manchmal bricht eine schwere Krankheit aus. Rudolf Steiner sagte dazu: "Im fünfunddreissigsten Jahr beginnt der Mensch segensreich die Kräfte in sich zu verarbeiten. An seiner Seele arbeitet bis dahin an dem Zeitlichen dasjenige, was er mitgebracht hatte aus früheren Verkörperungen; für das Ewige fängt der Mensch nun an, nach innen zu arbeiten. Deshalb wird alles, was wir gelernt haben, erst vom fünfunddreissigsten Jahr an reif, etwas zu werden, um es der Welt zu geben. Es ist die Zeit, wo er in sich selbst fest wird, in sich selbst Gewicht erhält." (Steinerzitat in Roder, S. 67)
Gefordert ist der Tätigkeitsquell des Ich selbst, da das Tragende, was aus der Vergangenheit stammt, nun verglommen ist. Andersherum formuliert: "Indem wir 35 Jahre alt werden, kommen wir überhaupt in der Gegenwart erst an!" (Roder, S. 67)

Während im Vergangenen das Thema häufig im inner-familiären Kreis bleibt, in der Frage nach der Umwandlung mitgebrachter und erworbener Ideale und Vorstellungen, greift die Krise um das 56. Jahr manchmal universeller- und wirft die Frage auf, was am realisierten Leben wesentlich ist. Daher finden sich in dieser Zeit häufig jähe Karriereabbrüche und Infragestellungen dessen, welche Stellung man im Leben und in der Gesellschaft eingenommen hat. Natürlich können schwere gesundheitliche Krisen hinzu kommen. Es ist, als ob der scheinbar feste Boden einer in bestimmten Bahnen verlaufenen Biografie plötzlich aufgerissen wird, und man hat als Person dem Nichts gegenüber zu bestehen. Bei Peter Handke war es ab 1996 seine ostentative, tatsächlich problematische Hinwendung zu Serbien, die ihn in der Öffentlichkeit am Pranger stehen ließ. In direkter Folge gab er erworbene Auszeichnungen zurück und trat aus der Kirche aus. Den biografischen Umschwung hatte Handke bereits zuvor in einem Roman vorher gesehen und daran seine Philosophie der Langsamkeit entwickelt- eine spirituelle Qualität des kontemplativen Schauens, der allerdings seine haarsträubenden politischen Stellungnahmen in meinen Augen diametral entgegen stehen, ungebrochen bis heute.

Nur Wenigen gelingt es, mit dem vierten Mondknoten im 74. Jahr eine neue Schaffensperiode einzuläuten. Manchen - so Roder- wird an diesem Punkt die Maske endgültig abgerissen, die sie womöglich lebenslang getragen haben, Krankheit, Depression oder Verwirrung drohen. Bei Goethe waren es schwerste Herzbeschwerden, "Massen von Krankheitsstoff (..) seit dreitausend Jahren" (S. 133) fühlte er aus sich heraus quellen. In der Erholungsphase in Marienbad verliebte er sich in eine sehr junge Frau und läutete im Gefühlsaufruhr eine neue höchst kreative Phase ein, begründete in der und durch die Krise das Entstehen seines Alterswerks. Goethe selbst sprach von "wiederholten Pubertäten" (Gespräche mit Eckermann), die er durchgemacht habe. Auch so können die Mondknoten- Krisen gedeutet werden- Wachstumsprozesse mit entsprechenden Schmerzen sind sie auf jeden Fall- oder, wie Roder sie nennt, "Tore der Selbsterkenntnis".

Auf die weiteren mythische, kosmischen und spirituellen Betrachtungen im zweiten Teil des Buches möchte ich bei anderer Gelegenheit zurück kommen.
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Die Nutzlosigkeit der Gegenwärtigkeit

Unter "Nutzlosigkeit" zitiert Kühlewind in unserem Meditationsbuch "Licht und Leere" (Verlag Freies Geistesleben) Zoketsu Norman Fisher:

"Zazen ist grundsätzlich eine nutzlose und witzlose Betätigung. Man widmet sich dem Zazen nicht, weil es irgendwie hilft oder friedvoll ist oder interessant, oder weil Buddha einem sagt, man solle es tun - wiewohl wir uns vorstellen mögen, es sei hilfreich, friedvoll oder interessant-, sondern einfach weil man sich ihm widmet. Du tust es eben, weil du es tust… Auch ist es keine Frage des Wollens oder Nicht- Wollens. Zazen geschieht um des Zazen willen. Vögel singen, Fische schwimmen, und wer sich dem Zazen widmet, übt Zazen jederzeit mit Hingabe, obwohl es keinerlei Notwendigkeit dafür gibt."

Das ist eine Haltung, die ich schon beim bloßen Lesen erholsam finde. Ich kann mir z.B. keine andere Haltung vorstellen, mit der man unbefangen, unangestrengt, durch die Natur gehen könnte, um auf sanfte Art und Weise den Dualismus im Wahrnehmen zu überwinden. Man kann sich ihr gar nicht anders annähern. "Konzentration" und "Fokussierung" müssen quasi in Fleisch und Blut übergegangen sein- durchsichtig geworden. Man konzentriert sich und fokussiert sich nicht mehr im Sinne eines Willensakts, sondern der Wille ist einfach da, ist bereit, ist ein Teil des schwingenden, unsichtbaren Leibes, der einen durchdringt. Irgendwann ist eine Spur des lichten Leibes stetig im Rücken da, schwingt mit, geht auf und zieht sich wieder zusammen. Man kann präzise sein, ohne sich dabei zu verkrampfen.
Natürlich ist das auch eine Denk- Kraft, jedoch in einem transzendierten Sinn: Der Lichtkörper ist auch der Willensleib, und man lebt darin. Nur so ist es möglich, das Gesamte der Erscheinung eines Augenblicks in der Natur mit zu leben, mit zu erleben. Nur so - aus meiner Perspektive- gelingt es gelegentlich, dass der Augenblick sprechend wird. Dann quellen aus den Erscheinungen heraus Empfindungen und Einsichten. Die Blüten, die Wolkenformen, der Wind tragen immanente Empfindungen an das innere Ohr. Das ist in der Tat sinnlos und witzlos, weil es einfach ein Mitgehen mit dem ist, was ist. Es ist voller Freude, das gewiss. Und es ist voller Hingabe, das auch.

Aber es ist meilenweit entfernt von dem, was z.B. die Erleuchtungssucher erwarten. Ich habe wirklich keine Ahnung, ob was und wann was "erleuchtet" sein mag, und es ist mir auch völlig egal. Das Wichtigste ist, real zu sein, präsent und wach. Es mag da Fortschritte oder ein Weiterkommen geben, aber der Gedanke daran würde den Willen korrumpieren und schon die Präsenz zerstören. Diese Erleuchtungs- Kategorien haben mehr etwas mit amerikanischen und asiatischen Werbestrategien zu tun als mit dem, was jetzt ist. Es ist für mich mehr das RTL- Programm als Realität.

Anders bei den wenigen Anthroposophen - etwa Mieke Mosmuller-, die offensichtlich tatsächlich Erfahrungen solcher Art macht, aber ihnen immer schwindelerregende Zuordnungsbegrifflichkeiten (Erzengel, Sophienerscheinung..) hinterher schiebt, die das Ganze anthroposophieren, glorifizieren, kontextualisieren, kategorisieren. Es schnappt dann bei ihr zu, wird reich an Begrifflichkeit und Großartigkeit, aber zugleich arm an Erfahrung, Konsequenz, Genauigkeit.

Ob Erleuchtungssucher oder Sich-Selbst-Heiligende, es schnappt fast immer die Falle zu, dass es gewaltig, wichtig, einzigartig sein muss. Verloren wird der Augenblick, die Präzision, die Tatsächlichkeit, die Unangestrengtheit. Deshalb noch einmal ein Loblied auf Fisher: "Vögel singen, Fische schwimmen, und wer sich dem Zazen widmet, übt Zazen jederzeit mit Hingabe, obwohl es keinerlei Notwendigkeit dafür gibt."
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Das Glück des Verstehens

Das Glück des Verstehens kann man erinnern- im Gegensatz zum frühen Spracherwerb. Letzterer geschieht noch unter dem Mantel der Nacht, indem wir im Schoß der Dinge ruhen und sie träumend bewegen. Die Namen der Dinge sind relativ irrelevant, wir lernen sie in unserem Sprachkorpus, aber vor allem erträumen wir uns die Funktionen der Dinge. Nur im Vergegenwärtigen der Funktion können wir die Erscheinungen, denen wir als Kind begegnen, generalisieren und auf alle möglichen und denkbaren Formen übertragen; ja wir können ganz neuartige Formen erfinden. Stellvertretend für diese Funktion, die nicht zu erklären ist (schon gar nicht einem Kind, das Sprache erst erwirbt), bilden wir zur Vereinfachung Vorstellungen, d.h. bildliche, dingliche Repräsentanzen. Ganz wesentliche Koordinaten unseres sprachlichen Verständnisses sind ja auch nicht mit Vorstellungen belegt; "Das ist ein Tisch": Das Wichtigste an diesem Satz ist nicht das gemeinte Objekt, sondern der Verweis darauf hin: "Das". Es bedeutet Dort, von dir aus gesehen, es bedeutet Ausblenden aller anderen Dinge, es konstituiert ein Ich-Es-Verhältnis, eine Beziehung, eine Relation. Man kann "Das" nicht erklären.

Das Glück des Verstehens aber schimmert später auf und ist bis zum Vorabend der Pubertät ein erinnerbares Glück. Wie sich die Funktionen von Erscheinungen plötzlich erschließen und zusammen fügen! Tatsachen, die lose beieinander lagen, enthüllen sich auf einmal in ihrem Zusammenhang. Wir fühlen uns geradewegs von Glück erfüllt, wenn wir erkennen, dass dieser Prozess weiter und weiter geht und gehen kann und soll- es ist eine Art, sich die Welt der Erscheinungen zu erschließen.

Diese Entdeckungen werden im Erwachsenenalter spärlicher- oder zumindest weniger bemerkt. In der Jugend wurden wir getragen vom Verstehen und Erschließen, waren sicher, dass diese Welt unser ist und dass wir sie verändern werden. Unser In-der-Welt-Sein gründet ja darauf, unsere seelische Integrität ist auf Verstehen und Verstandenwerden gerichtet.

Mit dem Älterwerden schleicht sich eine Routine im Erklären der Welt ein, eine Patina, manchmal sogar eine müde Mechanik und Automatismen, die womöglich auch dort Verbindungen entdecken wollen, wo bloßer Zufall vorliegt. In das Verstehen schleicht sich hier und da das Gift des Spekulativen ein, vielleicht auch der Hang zum Verabsolutieren und zur ideologischen Verhärtung. Aus der Entdeckerfreude wird womöglich ein fester Standpunkt- auch da, wo es ganz und gar auf genaues Beobachten und zurückhaltendes Urteilen ankäme. Es ist, als würde sich eine Borke bilden, eine schrundige Masse- häufig gerade bei früher glühenden Idealisten, die mit der Zeit müde geworden sind.

Die Bedeutung oder das Verstehen bleiben aber unsere täglichen, dauernden Begleiter, pragmatisch und prinzipiell. In ihnen rühren wir immer wieder an die Nachtseite unseres Seins:
"
In jeder Bewegung, in der wir an Bedeutung rühren, wechseln wir von der einen auf die andere Seite der Stille. Und in der Gegenrichtung, wenn wir eine Bedeutung zum Ausdruck bringen."
(Kühlewind, Licht und Leere, S. 79)
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Vernünftige Unvernunft

Der Schritt vom Konstruktivismus zur spirituellen Fragestellung ist nicht so weit, wie er manchmal dargestellt wird. Zunächst wird im Radikalen Konstruktivismus von einer "Kritik des naiven Realismus" ausgegangen: "Er setzt jenem einen Relativismus entgegen, der Objektivität zur Unmöglichkeit erklärt. Vor allem subjektive Beobachterpositionen erscheinen ihm wesentlich." (Quelle Wikipedia).

Der Begriff des Konstrukts kann aber auch auf die Identität des Aussagenden selbst erweitert werden. Das an der eigenen Person zu Beobachtende, selbst die Erinnerungen, Gefühle, Impulse sind keine objektiven Tatsachen; der Schritt zur spirituellen Positionierung gelingt mit der Frage an den Zeugen- an diejenige Instanz, die in der Lage ist, die Relativität und den Kontext des personalen Konstrukts, das wir „Ich“ nennen, zu erkennen. Es ist eine Instanz, die offensichtlich die gegebenen Subjekt- Objekt- Bezüge übersteigt, da sie sonst nicht das eigene Subjekt mit seinen Objektbezügen zum Objekt machen könnte.

Bei Fragestellungen dieser Art bewegen wir uns schon weit im Feld der Paradoxien. Paul Watzlawick, der verstorbene konstruktivistische Philosoph und Therapeut, sprach von einem Gefängnis, von einer Illusion der Alternativen, solange "die Lösung nämlich innerhalb der Dichotomie von z und nicht-z gesucht wird" (1): "Was nämlich sein Dilemma verewigt und es ihm unmöglich macht, die der Vernunft scheinbar widersprechende Lösung zweiter Ordnung zu sehen, ist eben gerade die blinde Annahme, dass man zwischen z und nicht-z zu wählen habe und dass kein anderer Weg aus dem Dilemma führe." (1)

Lösungen zweiter Ordnung entziehen sich dem, was aus dem Kontext der Person und ihrer sozialen Bezüge heraus als "vernünftig" gelten könnte. Watzlawick war ja ein Meister darin, Situationen auch aus dem Alltagsleben zu finden, die nur durch eine paradoxe Reaktion aus dem Teufelskreis ihrer Selbstbezüglichkeit, ihrer Zirkularität (2) in Reaktion und Gegenreaktion, zu lösen sind. Er setzte das auch als therapeutische Methode ein. Den inneren Bezug solchen Handelns sah er in Zen und im Taoismus:
"Dies ist ein uraltes, besonders in der Mystik und den ihr verwandten Geistesströmungen in verschiedenster Form immer wiederkehrendes Motiv. Im Taoismus klingt es im Begriff des wu-wei, der "absichtlichen Absichtslosigkeit" an"; oder ab in einem "Zen koan, dessen Zweck es ist, das menschliche Erleben der Wirklichkeit aus dem Käfig des Denkens in Gegensatzpaaren heraus zu jenem Quantensprung auf die nächsthöhere logische Stufe, dem satori, zu verhelfen. Zum Ausdruck des Verschwindens der Gegensatzpaare stehen unserer Sprache nur paradoxe Formulierungen offen." (1)

Watzlawick bringt ein Beispiel aus dem Zen: "Als Graf Dürckheim im Gespräch mit Altmeister Suzuki diesen "mit Bezug auf das vom Menschen immer wieder gesuchte und ihn doch ja stetig um- und durchflutende Sein fragte, ob es etwa so sei, wie der Fisch, der nach dem Wasser sucht, antwortete er mit leisem Lächeln: "Es ist noch mehr. Es ist so, wie wenn das Wasser nach dem Wasser sucht.""

Der meditative Schulungsweg verschärft die Positionierung auch in Bezug aus existentielle Fragestellungen, da in der Suchbewegung nach einem Selbst ein dualistisches Ich- Konzept nicht mehr funktionieren kann. Das bringt den Suchenden ganz ohne Zweifel an einen existentiellen Nullpunkt, an einen Punkt, an dem man vor dem Nichts steht. Dazu Kühlewind: "Jede Erhöhung der Erfahrungsebene stellt die Seele vor ein Nichts oder einen Abgrund, weil sie im nächst höheren Gebiet zunächst nicht strukturieren, das heißt unterscheiden kann." (3) Das ist das Grundproblem, an dem die meditative Bemühung ohne Zweifel häufig scheitern muss: Hier werden auch die Axiome unseres Selbstkonzepts in Frage gestellt. Wir müssen lernen, uns in der Paradoxie einzurichten.

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1) Watzlawick, Weakland, Fisch: Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels, Bern 1974, S. 113f
2) „In der Kybernetik bezeichnet man das Resultat von Rückkopplungsprozessen mit dem Begriff der Zirkularität.[1] Zirkularität beschreibt das zentrale Prinzip kybernetischen Denkens[2] oder kybernetischer Prozesse.[3]
Darin wird ein Verhalten einer systemischen Einheit beschrieben, indem die Wirkungen des eigenen Verhaltens (Outputs) rückgekoppelt werden, um das zukünftige Verhalten des Systems direkt und unmittelbar beeinflussen zu können. Zirkularität bildet hier die Grundlage für selbstorganisierende Systeme.“ Wir beziehen diesen Begriff aus der Kybernetik auf soziale Rückkopplungsprozesse, aus denen wir uns als Person konstituieren.
3) Georg Kühlewind, Meditationen über Zen-Buddhismus, Thomas von Aquin und Anthroposophie, Stuttgart 1999, S. 71
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Ich bin

Wir hatten hier im Blog eine kleine Diskussion- eine Leserin und ich - bezüglich der Bedeutung von Gegenstands- Meditationen. Ich schätze sie sehr und finde sie ausgesprochen tief gehend und weit tragend, aber sie klingen nicht danach. Was soll eine Denkübung, die einen Stuhl oder Bleistift im Fokus hat, schon bringen? Auch wenn es zunächst belanglos klingt, entdeckt man überraschend viele Aspekte- materiell und substantiell zunächst. Welche Materialien sind möglich? Welche Vorstellungen mag man bzgl. des Gegenstands bilden, was das Design und das Verhältnis der Teile betrifft? Welche benachbarten oder gegensätzlichen Begriffe gibt es in Bezug auf den Gegenstand? Was genau macht den Unterschied aus? Welche Geschichte hat der Gegenstand, welche historische Bedeutung, usw.?

Man kommt über den Thron fast unweigerlich in den sakralen Bereich hinein. Es führt einen bis in die Jungsteinzeit, in der in den Höhlen erste Spuren eines Ich-bin-Empfindens dadurch manifest wurden, dass Handabdrücke an die Wand gesprüht wurden- erste Zeichen des Selbstgefühls (weit vor der meisterhaften Ära der Höhlenmaler von Lascaux) und Zeichen des Einen, der aus der Gruppe heraus trat, weil er Repräsentant für das sakrale Geschehen war.

An dem Punkt, an dem man diese Repräsentanz, dieses Orthaftwerden, diese Fokussierung und Gerichtetheit des Blicks als solche - leer, ohne Vorstellung und Gedanken - erfasst, spürt man die Dynamik einer Geistesgeschichte, die uns zu dem machte, was wir sind. Die Gegenstände, die sich Menschen schufen, legen Zeugnis davon ab. Sie sind sprechend. Heute sind diese Gegenstände - wie etwa ein Stuhl- so alltäglich wie das Selbstempfinden, die immer weiter zunehmende Individualisierung.
An diesem Punkt des Erlebens fühlen wir, wie wir selbst geistig, seelisch und körperlich in dieser Entwicklung stehen. Wir denken, fühlen und wollen in einer konzentrierten Leere, die immer neue innere Dynamik in Gang setzt. In dieser reinen, kreativen Kraftentfaltung entdecken wir uns neu: Als Wesen jenseits der Form. Die Meditation über einen Alltagsgegenstand führt uns, konsequent fortgeführt, in die reine menschliche Potentialität.

Georg Kühlewind notiert dazu in seinem Buch "Licht und Leere" unter "Erkennendes Fühlen" (S. 68 f):

Sich selbst in das vorgestellte innere Bild vergessen - Identität mit ihm (Qualitäten, Form) oder mit der Idee des menschengemachten Gegenstands = kreativer Wille. Ich bin."
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Das- Fühlen


Dieser irritierende Begriff - Das- Fühlen- tritt in den hinterlassenen Tagebüchern Georg Kühlewinds immer wieder auf, und zwar als ein Begriff mit positiver Konnotation- so weit ich verstehe. Dieser Begriff steht bei ihm offenbar im Gegensatz zum Mich- Fühlen. Sich fühlend auf ein Anderes einzulassen, und dabei selbst emotional schweigen zu können, keine Resonanzen der Zustimmung oder Ablehnung, des ästhetischen Wohl- oder Missbehagens zu haben, ist allerdings ohne weiteres nicht möglich. In einer Wahrnehmungsmeditation - etwa gegenüber einem Naturgegenstand- wird das auf jeden Fall zum inneren Thema.

Aber es ist ein Problem des Schulungsweges insgesamt. Denn der Antrieb, so ein Unternehmen überhaupt zu starten, entspringt ja einem Gefühl, einer Sehnsucht- etwa nach Vollkommenheit. Vielleicht spielt auch ein Stich Dünkel mit hinein. Die Selbstbezüglichkeit wird einen in jedem Fall beschäftigen, denn ohne Klärung dieser emotionalen Untiefen wird man seiner Eitelkeit folgen, nicht aber objektiveren "geisteswissenschaftlichen" Motiven. Falls man die Spur aus Gründen einer weit verbreiteten Selbstverachtung folgt, der Empfindung, unvollkommen oder gar "sündig" zu sein, macht das die Sache keineswegs besser: Das Motiv bleibt im Bereich des "Mich-Fühlens". Man muss ganz sicher durch diese Phasen hindurch, in einem Gleichgewicht, das durch gute Erdung und Verankerung im Alltag und in der Verantwortung leichter zu finden oder zu halten ist.

Aber es gibt den Punkt, an dem tatsächlich eine innere Sicherheit, ein Ruhen notwendig wird; die innere Objektivität alleine macht es möglich, dass das Fühlen im Sinne des Das-Fühlens aufscheint. Es ist verblüffend, mit welcher Macht es wahrnehmbar wird. Es ist verbunden mit den Lebens- und Erkenntniskräften einer erweiterten Ebene unserer Wahrnehmung. Es erscheint, wenn wir das Mich- Fühlen eben für einen Augenblick zum Verstummen bringen können, das ständige verkrampfte Sich-Empfinden-Müssen. Der mächtige Strom nackter, klarer Gefühle ist ein Glück, in dem man sich auch fühlt, aber nicht in Selbstvergewisserung, sondern in Hingabe und Konzentration.

Kühlewind schreibt in "Licht und Leere" (S. 68):

"Ich suche nicht(s) - Suchen: Dualität. Führt zum Ort der Heilung. Man sieht von da das eigene Leben, wo man die Mission verlassen hat; ohne dass man das Nichts verliert. Aus Liebe geistige Forschung: die leere Aufmerksamkeit in die Richtung des Das-Fühlens (nicht formulierte Frage) zu bringen. Man erlebt am Anfang des Meditierens die Objekt-Sucht oder -Gier."
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Kamaloka

Kamaloka ist die Hölle, die wir uns selbst bereiten. Wir haben Gefühle, Meinungen, Auffassungen, Maximen, Standpunkte und Lebenserfahrungen einschließlich unserer kleinkindlich- neurotischen Grundstellationen zu einer virtuellen "Cloud" verbacken, die uns ununterbrochen umschwirrt- Luftschiffe in unserem privaten Kosmos, Argumentationslinien, Kampflinien, kriegerische Fronten. Wir haben diesen Panzer um unseren Lebenskern errichtet.

Wir haben selbst unsere simplen Gewohnheiten und unser Essen so ausgewählt, dass sie uns selbst bestätigen, das Selbstgefühl verstärken, uns in uns verankern sollen, denn wir sind nur ein wackliges Gerüst, ein Windhauch- wir müssen uns Stabilität verleihen. Neues und Unerwartetes, das nicht in unseren Erwartungshorizont, in unseren Erfahrungskontext passt, wird meist ausgeblendet und verdrängt. Es sind Korsette, Beinschienen und Gerüste, die uns stützen, aber nichts, was den Winden wirklich widersteht. Wir stapfen wie ein Storch, mit spitzen Füßen durch die Wirklichkeit, die uns begegnet und hungern ewig nach Bestätigung. Aber der Wind ist rau und unstet, er dreht sich fortwährend, und irgendwann wird er uns erreichen.

Das, was uns fehlt, ist unsere eigene Wirklichkeit. Irgendwann wird uns der harte Wind einholen, und wir werden nackt da stehen, unbehütet. Die Illusionen, in die wir uns wie in Pralinenpapier eingehüllt haben, werden zerstieben. Das, behauptet das Christentum, sei die Hölle. Aber es ist eine Hölle, die wir selbst errichtet haben, verteidigt und begründet.

Das, was uns selbst in unseren besseren Zeiten fehlte und nur selten aufschimmerte, wird zur einzigen Quelle, zum Einzigen, was bleibt: Die Originalität. Das in uns Quellende und im Augenblick Aufscheinende, das lebendige Licht der Erkenntnis: Das sind wir. Wir verpassen und vergeuden es, wenn wir nur auf die scheinbaren Gewissheiten bauen. Plötzlich tut sich der Boden unter den Füßen auf, und wir stehen vor der nackten Existenz: Kamaloka. Dabei gibt es jeden Tag Gelegenheiten, in jedem Augenblick eine Chance, in jeder Begegnung eine Perspektive.

In seinem nach dem Tod erschienenen Meditations- Tagebuch "Licht und Leere" notierte Georg Kühlewind:

"Reine Aufmerksamkeit = frei von jeder Formbildung. Reinigung bedeutet Reinigung der Aufmerksamkeit von Formen. Kamaloka." (S. 65)

Unsere Angst besteht darin, dass wir in der Leere nicht mehr bestehen würden, da hier nichts besteht, an dem wir festhalten können. Aber das Nicht-Festhalten läßt gerade die Quelle entspringen, den ureigenen Willen vor jeder Form. Wir sind in der Formlosigkeit zu Hause, im quellenden Strom der hingebenden, vollkommenen Aufmerksamkeit, der Hingabe. Uns hingebend entspringen wir neu und unerschöpflich.
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Michael Eggert: Epiphanie

Ich war befremdet, als ein mir bekannter Anthroposoph von seiner Begegnung mit dem Hüter der Schwelle schrieb, und, ja, was dabei heraus kam, irgend so ein imaginiertes Männlein. Das kann es doch nicht sein, dachte ich schon damals, das ist nicht der Punkt. Die Bildlein kann er sich für sein Poesiealbum aufheben, für das Drehbuch für einen Horrorfilm, für ein jesuitisches Fürbittegebet. Weg von diesen Bildereien & Kindereien. Zum Hüter der Schwelle kommt man in einem Zustand der Selbstoffenbarung, in einem Zustand, in dem man seine eigenen Reflexe überschaut, die herrschende Wetterlage mit allen meteorologischen Gegebenheiten. Man überschaut die großen Linien, in denen man sich bewegt. Das Monströse an diesem Zustand ist, dass man die eigene Konstruktion erkennt, das was man ausgelebt hat und noch immer tut, wenn auch vielleicht nicht mehr so enthusiastisch. Das zieht einem den Boden unter den Füssen weg, zumindest für eine Zeit der Unsicherheit. Wir gehen zwischenzeitlich in unserer Biografie schon mal über in einen Zustand des Pralaya, leben in einem Zwischenreich, mit einem Blick, der sich bricht an den Gegebenheiten. Denn man weiß ja zugleich, dass man nicht identisch ist mit dem, was man nun überschauen kann.

Ich bin der Zeuge meiner selbst.
Ich bin nicht identisch mit mir, nicht in jeder Hinsicht.
Ich sehe meine Einseitigkeiten, ich sehe meine Konstellationen.

Es hätte durchaus besser laufen können. Es hätte auch ganz schief gehen können. Es ist so, wie es ist. Ich bin in diesem Augenblick nicht in die Gegebenheiten verwickelt (ich bin ja im Pralaya), aber es ist und bleibt so, wie ich es geschaffen habe. Man kann natürlich die Zeit nicht zurück drehen, es gibt in diesem Sinn keine zweite Chance. Aber zugleich, in diesem losen Zwischenzustand, überwiegt doch die Hoffnung, mitsamt der Blessuren hier Gnade zu finden, eine Gnade, die einfach darin besteht, warm und lebendig auch dort zu bestehen, wo die Eierschalen des Ego abgefallen sind.

Aber nun verweigert sich mir die Nacht. Ich war mir doch sicher, diesmal würde ich ihren großen Strom finden und teilen. Ich warte schon so lange. Aber die Nacht verweigert sich. Ich kann ihren Puls spüren, ihr Strömen und Wellen, ihr unaufhörliches Schaffen. Ihre Wellen schlagen auch in meine Nacht hinein, sie füllen mich aus, ich bilde einen großen Kreis zwischen Kopf und den Handinnenflächen, ich bin ganz angefüllt von ihr. Ich spüre in mir die Quellen sprudeln, für einen Augenblick. Aber dennoch, da bleibt eine Wand. Als könnte ich das Geschehen wie durch eine Membran hören und spüren, aber selbst nicht eintreten. Hier stehe ich, ein wieder Zurückgewiesener. Ich fühle mich wie einer dieser christlichen Mystiker, obwohl ansonsten nichts dafür spricht, einer zu sein. Ich fühle mich so, weil ich mich frage, ob ich nicht genüge. Es ist die moralische Frage an sich selbst, und sofort kochen die Schwächen und Jämmerlichkeiten aus dem sonst gut behüteten Gedächtnistopf auf. Ach je, da ist sie ja, die existentielle Frage, das implementierte Kirchenchristentum. Womöglich suche ich auch nur Gründe, weil man das eben so macht. Man will zumindest einen Zusammenhang, auch wenn man sich selbst dafür auseinander nehmen muss. Ja, es ist eine Reifeprüfung. Man steht vor dem Tor, aber man kennt den Schlüssel nicht, es zu öffnen. Hinter dem Tor rauscht die Nacht, und du fühlst dich mit ihr verbunden. Du hast keine Ahnung, wie es weiter gehen könnte. Womöglich weißt du die richtige Frage nicht, du dämlicher Steinzeitparzival.

Aber wahrscheinlich geht es an diesem Punkt nicht um das Fragen, sondern um das Haften an eine Erwartung, es müsse „weiter gehen“. Es gibt hier kein „Weiter“, es gibt kein „Gehen“. Es gibt kein Davor und Danach, kein Hier und Da. Das alles sind Vorstellungen aus der Welt der Erscheinungen. Hier geht es nur darum, aus der „Verborgenheit in die Unverborgenheit“ (Georg Kühlewind) zu treten:

Das Verborgenste auf der Welt ist das menschliche Ich selbst, weil es alles andere vernimmt. Die Erfahrung des Ich-bin ist der Inbegriff der Paradoxie, sie ist eine freie Tat des Menschen. Sie entspricht der Logos- Epiphanias in Jesus oder der Epiphanias der paradiesischen Urkraft als Gral. Sie wird von Rudolf Steiner in einem entsprechend paradoxen Text beschrieben: „In der Bewusstseinsseele enthüllt sich erst die wirkliche Natur des „Ich“. Denn während sich die Seele in Empfindung und Verstand an anderes verliert, ergreift sie als Bewusstseinsseele ihre eigene Wesenheit. Daher kann dieses „Ich“ durch die Bewusstseinsseele auch nicht anders als durch eine gewisse innere Tätigkeit wahrgenommen werden. Die Vorstellungen von äußeren Gegenständen werden gebildet, so wie diese Gegenstände kommen und gehen; und diese Vorstellungen arbeiten im Verstande weiter durch ihre eigene Kraft. Soll aber das „Ich“ sich selbst wahrnehmen, so kann es nicht bloß sich hingeben; es muss durch innere Tätigkeit seine eigene Wesenheit aus den eigenen Tiefen erst herauf holen, um ein Bewusstsein davon zu haben. Mit der Wahrnehmung des „Ich“ - mit der Selbstbesinnung- beginnt eine innere Tätigkeit des „Ich“. Durch diese Tätigkeit hat die Wahrnehmung des Ich in der Bewusstseinsseele für den Menschen eine ganz andere Bedeutung als die Beobachtung alles dessen, was durch die drei Leibesglieder und durch die beiden anderen Glieder der Seele an ihn heran dringt.“

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Zitate: Georg Kühlewind, Der Gral oder was die Liebe vermag
Rudolf Steiner, die Geheimwissenschaft im Umriss
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Georg Kühlewind: Das ist das Fest

Natürlich, die Tradition gehört dazu. Und natürlich ist dies das Fest, das die Familie zusammen halten könnte - wenn es denn so klappt wie erhofft. Die Erwartungen sind erheblich, und so mancher verdrückt sich lieber in die Partymeile in der Altstadt, sobald die Gans herunter geschlungen ist. Verständlich, wenn das Ominöse dieses Fests tatsächlich erstarrt von Traditionen und Erwartungen war. Alles, was in diesem Jahr ungesagt blieb, steckt jetzt schwer in der Festtagskehle. Womöglich drückt die schwarze Hose, die man nur an diesem Tag im Jahr heraus holt, und zu eventuellen Beerdigungen. Womöglich ertappt man sich am Heiligen Abend bei dem Gedanken, dass eine letztere angenehmer wäre als das Gänsegemetzel. Aber wer weiß? Vielleicht holt Papa dieses Mal nicht wieder das Familienalbum heraus, womöglich bleibt Oma friedlich und die Schwester ist nicht wieder beleidigt, weil sie - wie immer- denkt, sie sei in Bezug auf die Geschenke benachteiligt worden. Es wäre das erste Mal, aber wer weiß?
Nun denn. Es gibt immer Hoffnung. Wenn der Baum steht und leise Rauchfahnen von sich gibt, sind doch alle zumindest für anderthalb Stunden ganz friedlich. Der Jüngste ist heimlich in sein Zimmer gegangen und guckt „Terminator“, wie jedes Jahr. Und endlich, wenn man vor dem abgegrasten Tisch und den weggeworfenen Verpackungsbergen steht, fragt man sich doch zwischendurch, ob das das Fest war, das gemeint war.

Georg Kühlewind machte in seinem Buch „Weihnachten“ (Stuttgart 1989) immerhin darauf aufmerksam, dass man auch in unseren Gegend vor dem 4. Jahrhundert die Epiphanie (6. Januar) feierte als den „Tag der Jordantaufe“. Die ausschließliche Feier der physischen Geburt Jesu kennzeichnet er mit „Die Logosidee ging verloren“. Das andere, innere Weihnachten charakterisiert er als Möglichkeit so:

Das Aufleuchten einer neuen Idee kann auf analoge Weise durch ein zweifaches Geschehen oder durch ein Verschmelzen zweier Bewegungen charakterisiert werden. Je mächtiger die Idee ist, um so mehr ist ihr Gegebeneren, ihr Nich-von-mir-Sein fühlbar, als ob sie als Gnadengeschenk „von oben“ gereicht wäre.

Sie kann uns nur erreichen, wenn eine sehr konzentrierte, aber „leere“ Aufmerksamkeit ihr entgegenkommt, die sie aufnimmt. Diese ist die meditative Aufmerksamkeit, die sich aus den Übungen der intentionalen - auf Themen gerichteten- Aufmerksamkeit metamorphosiert. Der Erwachsene muss sie sich erarbeiten; dem kleinen Kind ist sie vor dem und während des Spracherwerbs gegeben.

Daher ist die Geburt des Kindes ein Bild für die empfangende Aufmerksamkeit, die dem Wort entgegen wächst. Diese wird von der Seele des Meditierenden - Maria - geboren. Eine neue Idee erscheint:
Das ist das Fest. Und ein Fest kann es nicht geben, wenn nicht eine neue Idee erscheint.“

Und dies ist der denkbar grösste Kontrast zu dem traditionsversessenen Heiligen Abend unserer Tage. Vielleicht sollten wir es dieses Jahr einmal anders machen.
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Website der Georg- Kühlewind- Stiftung

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„Mit achtzehn Jahren begegnete ich erstmals der Anthroposophie. Ich spürte folgendes: „Interessant, aber das weiß ich schon alles, das lebt alles in mir.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zum zweiten Treffen durch die Werke Wahrheit und Wissenschaft und Goethes Weltanschauung von Rudolf Steiner. Im folgenden wirkten in Hamburg die Vorträge über Das Johannes-Evangelium auf mich. Zehn Jahre lang las ich ein Buch nach dem anderen. Dann spürte ich, dass dies völlig vergeblich ist: ich komme auf dem Weg der inneren Arbeit (Übungen) nicht weiter, es war, als würde das bisher angesammelte Wissen mich überwuchten – und es war wirklich so!

An diesen Punkt angekommen habe ich mit der vollkommenen Anthroposophie beinahe abgerechnet, als ich einen wichtigen Traum hatte und mir ein Buch von Rudolf Steiner einfiel, dass ich bis zu jenem Zeitpunkt nicht verstanden hatte – Die Philosophie der Freiheit. So begann ich dieses Werk bzw. andere erkenntnistheoretische Bücher von Steiner zu studieren. Ich wollte diesen Büchern „eine letzte Chance“ geben. Ich wollte sie streng in sich selber verstehen, ohne daneben andere esoterische Werke zu lesen. Ungefähr ein halbes Jahr später wusste ich, welche Richtung ich wählen muss. Ich sah die Fehler und Missverständnisse (die ich als Verstehen gedacht habe) die ich beging. Ich bin darauf gekommen, dass die Stufe des wahren Verständnisses nicht die Stufe ist, die auch in anderen Wissenschaften erreicht wird, sondern wenigstens diejenige eines lebendigen, erfahrbaren Denkens; nicht die Stufe des Gedachten, sondern der Prozess des Denkens selbst. Von diesem Moment an (ungefähr 1958) trat ich auf den Weg der inneren Schulung. Im Jahre 1969 traf ich den italienischen anthroposophischen Denker Massimo Scaligero. In Wirklichkeit fand das richtige und bedeutungsvolle Treffen nicht persönlich statt, sondern durch seine Bücher nach einem persönlichen Treffen. Aus dem Treffen entwickelte sich eine tiefe und inspirierende Freundschaft, obwohl wir uns in mehreren Fragen nicht einig waren. Jedoch in den Fragen des inneren Weges und der Erkenntnis waren wir uns vollkommen einig.“-

so schreibt Georg Kühlewind in seiner Lebensbeschreibung. Man findet diese Notizen ebenso wie Vorträge (auch in Audio- und Videoformat) auf der Internetseite der Georg Kühlewind- Stiftung, auch in deutscher Sprache. Beim ständigen Link darauf in unserer Seitenleiste muss man jeweils auf das gewünschte Sprachformat umstellen, da das Original natürlich ungarisch vorliegt.
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Michael Eggert: Paradoxien an der Schwelle oder: Der Gral kommt, wenn man ihn nicht will

Nicht nur in Zen- Geschichten drücken sich die Paradoxien an der Schwelle zur geistigen Welt aus, sondern auch in dem biografischen Umständen, die Joseph Beuys in dem Interview weiter unten drastisch schildert: Wie er mehrfach und in steigendem Maß in seinem Leben an einen Nullpunkt heran geführt worden war, an einen Punkt des reinen Nichts, an dem ihn nichts mehr an Leben kettete. Aber gerade aus diesen Nullpunkten heraus entwickelt sich geistige Kompetenz, die eben weniger in dem besteht, was man vermag, als darin, wie viel Raum man zu geben vermag. Der Geist realisiert sich nicht in der Fülle des Könnens, Wollens und Habens, sondern in der Leere des Nullpunkts, an den man sich nicht nur heran arbeiten muss, sondern den man auch halten und vor allem aushalten muss. Niemand könnte das besser schildern als Beuys selbst.

Was er nicht - oder nicht so deutlich- erwähnt, ist, dass dieses Prinzip des paradoxen „wollenden Nichtwollens“ nicht nur in biografischem Sinne gilt, sondern für jede echte meditative Situation. Man kann für eine gelingende Meditation immer nur übend den Boden bereiten. Es gibt einen Punkt, an dem man eine Art innerer Bühne errichtet hat, dort, im Schwellenland, und wartet. Wenn der kühle Wind *dort* entspringt, ist man gut beraten, den Auftrieb zu nutzen und aktiv zu navigieren: Man ergreift den sich umstülpenden Willen, eine Art Kraft, die man nicht selbst erschafft, sondern die man zulässt. Wir kennen das Prinzip, auch wenn die gewählten Begriffe vielleicht befremdlich wirken sollten, tatsächlich sehr gut. Denn nur so gelingt und entspringt ein Gespräch zwischen Menschen: Indem man einander Raum gibt. Wer das nicht vermag und stets nur sich selbst aus-drückt, ist einsam zwischen Menschen, aber auch in Bezug auf das meditative Geschehen.

Wer mag, muss nicht nach Japan schauen, um Zen- Philosophie zu entdecken. Es reicht ein Blick ins neue Testament (Matthäus 19, 24, Markus 10, 25), wo sich der berühmte, aber falsche Satz vom Kamel findet, das eher durch das Nadelöhr passt als dass der Reiche ins Reich Gottes käme. Übrigens soll es sich um einen Übersetzungsfehler* handeln. Es geht wohl in Wahrheit um ein Schiffstau, das eher durch ein Nadelöhr passt. „Zen“ ist die Textstelle dennoch auch in prosaischer, aber korrekter Übersetzung, denn es handelt sich in all den Bildern um eine Zustandsbeschreibung des inneren Lebens an der Schwelle: Unsere „Reichtümer“ sind alles das, was wir mitgebracht haben, Begabungen, Formungen, individuelle Fähigkeiten. Das Nadelöhr ist der oben beschriebene Nullpunkt. Erst das, dem wir Raum geben, damit es entspringen möge, passt durch das Nadelöhr.

Aber wir können natürlich auch ins Mittelalter schauen- etwa zur Parzival- Legende, um diese Paradoxie der Schwelle wieder zu finden. Dazu zitieren wir aus einem Buch von Georg Kühlewind**:
Festlich gestimmt, von Freude und Liebe erfüllt sind alle - außer Parzifal. Er empfindet Doppelte Trauer, die ihm die Freude verwehrt und ihn in dem Entschluss bestärkt, erst den Gral wieder finden und dann Amfortas heilen zu wollen. So zeiht er sich von Freunden und Feiernden zurück, denkt über seine Lage nach und fasst den weiteren Entschluss, seine Suche, sein Streben nach dem Gral aufzugeben. Er resigniert, was ihn aber nicht dazu bringt, nach Hause, zu seiner Frau, in seine Königreiche zurückzukehren- das hätte ihm jederzeit offen gestanden.

„Da ich entbehre, was die Glücklichen besitzen - ich meine die Liebe, die die manches traurige Herz wieder froh macht-, da ich also keinen Anteil an diesem Glück habe, kümmert mich nicht, was mir geschieht. Gott will nicht, dass ich glücklich bin. Könnte ich oder die Frau, nach der ich heiss verlange, unsere Liebe durch Wankelmut zerstören, dann könnte ich vielleicht eine andre lieben. Doch die Liebe zu ihr hat jeden Gedanken an andre Liebe und das Glück, das diese schenken könnte, in mir ausgelöscht, ohne mir Trost und Glück zu schenken. Ich bin tief in Trauer versunken. Möge das Glück allen Freude schenken, die nach wahrer Freude verlangen! Gott gebe allen hier nur Freude! Ich aber will den Kreis der Glücklichen verlassen.***“
Die gezielte Suche nach dem Gral wird aufgegeben, Parzifal stellt sich dem Schicksal anheim. Das ist der entscheidende Augenblick, die entscheidende Wendung auf seinem Weg.
Denn nun kommt der Gral zu ihm.
__________

*http://www.uebersetzerportal.de/nachrichten/n-archiv/2003/2003-08/2003-08-18.htm
**Georg Kühlend, Der Gral oder Was die Liebe vermag, Stuttgart 1997, S. 35 ff
***Wolfram von Eschenbach, Parifal, Stuttgart 1981
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Kreisläufe

„Der Kreislauf der Liebe ist: es werde, damit es sei.
Der Kreislauf des Lichtes ist: dass es sich selbst erfahre.
Der Kreislauf der Vergangenheit ist: es ist, weil es ist.“

(Georg Kühlewind, Das Gewahrwerden des Logos, 1979, S. 120)

Liebe Schriftgelehrten, Besserwisser, Gelehrten und Angsthasen: Das etwas ist, weil es ist, bleibt eben auf der Ebene der Vergangenheit verhaftet. Da hat es sein gutes Recht. Darauf kann es bestehen. Da ist es sicher.
Alles weitere führt in ein tastendes Bemühen, was einem ein Ringen um Worte abverlangt, was einen als ganze Person involviert, was einen „Positionen“ und Sicherheiten kostet statt sie zu geben.
Aber von da ab rührt man - vielleicht- an das, was ist und was werden will. Es hat keine Gestalt außer der, die wir in der Bemühung erringen. Manches wird flüchtig bleiben.
Und dennoch: Es ist schön, am Lebendigen zu rühren und sich in ihm wieder zu finden.
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Die Macht und der Zweifel

„Selbstbewusstseinsseele“ nannte Georg Kühlewind den dominanten Aspekt menschlicher Binnenkultur- eine janusköpfige innere Struktur. Der Zwiespalt entsteht dadurch, dass der bewusste Zeitgenosse ohne weiteres auf sich selbst- auf das „Gewordene“ in ihm- seine Gestimmtheiten, seine Determinationen, seine seelischen Strukturen schauen kann. Psychologie, Soziologie, Hirnforschung und Medizin tragen dazu bei, dass der Blick schärfer und unbestechlicher wird. Was aber nicht immer bemerkt wird, ist, dass sich dabei eine unabhängige Instanz, der „innere Zeuge“ heraus bildet - eben der, der der Schauende ist. Die objektive Instanz in uns besteht nur in der Gegenwärtigkeit, im Akt des Schauens. Es ist ein nicht greifbares Ich, das nur in Tätigkeit, in Aktivität, in innerer Souveränität präsent ist- man kann es nicht umreissen, nicht beschreiben, nicht definieren. Genau diese Gegenwärtigkeit, die Zeugenschaft, ist das Tor zum spirituellen Erleben. Der Zeuge ist das sich selbst vergegenwärtigende Geistige im Menschen.

Gleichzeitig bestehen archaische seelische Strukturen im Menschen fort. Die von Rudolf Steiner so genannte Empfindungsseele ist noch gänzlich ungebrochen. Hier erlebt sich der Mensch noch in einer Naivität des Nicht- Hinterfragbaren. Der Despot, der in seinen Augen das natürliche Recht darauf hat, sich auszuleben und keinen Widerspruch duldet, ist so ein Typus. Er sieht sich als Mittelpunkt der Welt- zumindest als der Mittelpunkt seiner eigenen kleinen Umwelt. Ob er nun lediglich Familien oder ganze Landstriche terrorisiert, bleibt sekundär. Sein Recht auf die Rolle wird nicht hinterfragt und schon gar nicht in Zweifel gezogen. Dieser Despot wird eher seine kleine Welt in den Abgrund reissen als zulassen, dass seine Rolle unterminiert wird.

Die Verstandesseele ist eine weitere archaische Positionierung. Diese Struktur macht sich aus Vernunftgründen das untertan, was ihr zur Verfügung steht. Sie wird getrieben vom Machbaren. Andererseits braucht diese Struktur den Erfolg, den Fortschritt, die Überwindung als Lebenselixier. Sie lebt nicht fraglos aus sich selbst heraus, sondern lehnt sich stets an etwas an. Dass dabei ganze Lebensräume zerstört werden, interessiert die Anhänger des Machbaren nicht. Natürlich entspringen dieser seelischen Struktur auch andere Aspekte; sie fühlt sich auch in kulturellen Erzeugnissen, sie geht im Sprachklang auf und kann sich an der eigenen Intelligenz delektieren. Sie braucht etwas, an das sie anstösst; sie erlebt sich daran. Die von ihr verfolgte Struktur hat daher eine existentielle Dimension; sie ist getrieben von der Selbstverwirklichung. Unter diesen Maximen lauert ein unbestimmtes Grauen, ein Nichts, das nicht hinnehmbar ist.

Die Selbstbewusstseinsseele dagegen hat, nach all den Zweifeln, der Selbsthinterfragung, der Fragmentierung, der existentialistischen Krise, der Hinterfragung der sozialen, gesellschaftlichen und geschlechtlichen Rollen, das Zeug dazu, ohne an etwas anzulehnen, ohne Zweckdienlichkeit und Despotie, aus sich heraus zu bestehen. Denn der „Zeuge“ ist der Beginn geistiger Autonomie- eine Chance und Möglichkeit. Er kann aus der Rolle des Betrachters heraus treten und lebendig, flexibel und ohne Ängste vor Neuem, frei von Rollen und Definitionen sozial und gesellschaftlich gestalten. Er tut dies in Gelassenheit und mit Umsicht. Er kann die Intentionen Anderer wahrnehmen und berücksichtigen, denn sein Lebenselixier ist die empathische Grundhaltung. Daher ist die Zeit der Selbstbewusstseinsseele eine Zeit des Umbruchs. Alte Werte verdämmern und verschwinden- aber zugleich beginnt die Möglichkeit der Gestaltung aus innerer Verantwortung heraus.

Alle genannten Strukturen existieren nebeneinander im zeitgenössischen Individuum, in der globalisierten und medienorientierten Weltkultur zunehmend unabhängig von Status, Geschlecht und nationaler Zugehörigkeit. Zugleich entstehen dabei Ängste und Gegenbewegungen, die völlig archaische Strukturen wieder an die Oberfläche spülen. Die Despoten greifen weltweit wieder nach den Rudern- aber auch in uns selbst. Autonomie ist nichts Gegebenes, weder im individuellen noch im gesellschaftlichen Rahmen.
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Der günstige Wind

„Worte schützen das Denken vor dem Verfliessen“, schreibt Georg Kühlewind („Gesunden im Licht“, S. 88), Worte konstituieren aber auch die Persönlichkeit, da immer noch gilt, dass die Worte, die wir über ein Thema bilden, dieses erst zu unserem Eigentum machen. Man merkt das natürlich, wenn man jungen Schülern das sachliche Verfassen von Aufsätzen zum Thema Naturkunde nahebringt. Funktionieren kann das am Anfang nur, wenn man die zu behandelnde Thematik begeisternd und mit nachvollziehbaren Bezügen aufzieht. In der dritten Klasse verhandelt man noch die Anzahl der Sätze. In der vierten kommt es darauf nicht mehr an. Zu Recht haben die Schüler das Gefühl, dass sie sich eine Thematik aneignen, wenn sie treffende Sätze mit eigenen Formulierungen dazu finden. Wenn es klappt, ist es eine begeisternde Entdeckung: „Wenn ich schreibe“, sagte mir eine Schülerin emphatisch, „dann sehe ich, was ich schaffe. Das macht mich glücklich.“ Das optimistische Selbstgefühl, sich die Welt sprachlich zu eigen machen zu können, ist in der Tat eine Kernkompetenz- vor allem, wenn es auch noch gelingt, dies sprachlich treffend in Vorträge umsetzen zu können. Ich als Lehrer fühle mich vor allem dann beschwingt, wenn dieser Funke bei Migranten überspringt. Es macht dann auch nichts, wenn es an der einen oder anderen Stelle grammatisch noch hakt.

Es ist ein weiter Weg bis dahin, wenn man auf das Kleinkind schaut, das sich in einen Sprachkörper integriert- keinesfalls nur nachahmend. Denn mit den Begriffen für die Objekte der Wahrnehmung erwirbt das kleine Kind die grundlegende, nicht nur an den wahrnehmbaren Phänomenen klebende Bedeutung eines Objekts. Sonst könnte es diesen Begriff nicht auf zahllose mögliche sinnliche Varianten übertragen. Auch ein Baumstamm kann ein „Stuhl“ sein. Das Kind erlebt noch die grundlegende Sprachintention mit- etwas, was dem Erwachsenen gar nicht mehr bewusst ist, da er die Phänomene gern mit einer einzigen bequemen Vorstellung, einem Bild, verknüpft. Beim Erwachsenen gerinnen die Phänomene zu einem bildhaften Symbol. Noch schwerer sind Beziehungen zu erfassen, die sich nicht an konkreten Sachverhalten festmachen, sondern variable und relative Bedeutungen haben wie „nach“, „neben“, „dahinter“ und „und“. „Und“ kann Dinge verknüpfen oder gegeneinander stellen, sie aufreihen oder trennen. Solche Begriffe sind vom Kontext abhängig, man kann sie daher nicht erklären- die möglichen Varianten denkbarer Verknüpfungen sind endlos. Was uns solche Schwierigkeiten zu erklären bereiten kann, beherrscht ein Fünfjähriger ganz selbstverständlich, eigenständig und häufig sogar sprachschöpferisch.

Im Idealfall finden wir nicht nur zur Sprache und durch die Sprache zur Innensicht der Wirklichkeit, sondern in ihr auch uns selbst. Ich bin heute über eine Formulierung in einer Buchkritik von Daniel Haas („Auf der Fährte des Helden, FAZ, 27.11.2010, Seite L 3) gestolpert. Darin ist davon die Rede, dass die Protagonistin in einem stummen Partner „jenen Mann erkennen“ wird, „der ihre Sprache spricht, jenes besondere Idiom, das sich aus den feinsten Partikeln unseres Innersten bildet und das sich im entscheidenden Moment lautlos ausdrückt.“ Es ist nun einmal so, dass wir selten die gleiche Sprache sprechen, zumindest wenn es um das Lautlose geht. In manchen Beziehungen braucht es endlose Anläufe, um zu einer grundlegenden Verständigung zu kommen. Und manchmal - selten- geschieht es uns, dass es fast ohne Laut zwischen zwei Menschen funktioniert. Es bedarf keiner umständlichen Erklärungen. Das Glück, im gleichen Duktus zu schwingen, muss keine romantische Gelegenheit sein; man erlebt es auch in nüchternen Arbeitsbeziehungen, über alle äußeren Grenzen und Beschränkungen hinweg. Man sollte immer etwas daraus machen, so wie Segler den günstigen Wind nutzen.
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Die ungedeckten Worte

Die wunderbare schöne neue Welt kommt heute im Reiseblatt der FAZ (Nr 191, Seite R1) daher als ein Bericht über Abu Dhabi. Auch hier werden virtuelle, aber dennoch real zu bereisende Urlaubsfantasien wahr, und zwar in einem riesigen Freizeitpark von 200000 Quadratmetern- alles unter einer roten Zeltplane und klimatisiert. Momentan wird gerade gebaut: „Wir besehen uns die Menschen, die über, unter, links und rechts von uns an der Arbeit sind. Sie bilden lange Ketten und reichen sich Materialien an. Sie entstauben und streichen. Sie sitzen auf künstlichen Ahornbäumen und montieren Zweige.“

Aber montierte Ahornzweige gibt es natürlich nicht nur in Golfstaaten mit bizarrem Reichtum, nicht nur in Hollywood- Blockbustern und Spielhallen. So etwas bringen in übertragenem Sinne auch Anthroposophen zustande, die sich pseudo- okkultistisch mit ungedeckten Worten umgeben. So formulierte Georg Kühlewind jedenfalls in seinem kaum verklausulierten Zorn:

Über die Erfahrungen eines Geistesforschers zu sprechen, wenn man sie nicht selbst vollziehen kann, ist nur in dem Sinne berechtigt, dass man sie als den Bericht eines Geistesforschers auffasst, nicht aber sich so auf sie beruft, als wären sie für mich Wirklichkeit. Die ungedeckten Worte, das Reden über Nicht- Erfahrenes, die Verstandeskombinationen von Erfahrungselementen, die keine eigenen Erfahrungen sind, all dies bildet eine isolierende Schicht von unrichtigen Vorstellungen, denen die Wahrnehmungsseite fehlt, die durch Vorstellungselemente aus der Sinnes- oder Vergangenheitswelt ersetzt wird, eine isolierende Schicht, die den so Sprechenden und meistens seine Zuhörer immer mehr von der Realität trennt: von der Realität der Gegenwärtigkeit, des Geistes, von der äußeren und inneren Realität.
Der Missbrauch des Wortes führt zu einem Illusionismus, der das hervorstechende Merkmal hat, das, was nur als Illusion gegeben ist, zu behaupten, wodurch wiederum die Illusion verdeckt und ihre Verwirklichung verhindert wird. Das gilt für die Beteuerung des „esoterischen“ Charakters, der „Wichtigkeit“, der „Weltbedeutung“ usw. Gäbe es das alles, würde man es nicht beteuern müssen. Die Beteuerung ist gerade das Zeichen für die Irrealität der Behauptung
.“ (Kühlewind, Die Diener des Logos, 1981, S. 92)

Derlei Illusionismus begegnet einem in der Szene auch heute noch auf Schritt und Tritt- in den Sonntagsansprachen der diversen Breviere, aber auch in Büchern anerkannter Repräsentanten. Die neuen Medien tragen ihren Anteil dazu bei, dass die frohe Kunde des ungedeckten Worts sich quer durchs Internet verbreitet und durchaus wesentlich mehr Anhänger findet als nüchterne Recherchen. So schart eine Enddreissigerin bei Facebook 360 Anhänger um sich, die an ihren Lippen hängen, weil oder obwohl sie behauptet, die Reinkarnation Rudolf Steiners zu sein. Von den blutenden Wundmalen einer Judith von Halle und ihren visionären Eingebungen ganz zu schweigen. Wir sind heute -technologisch, medial, aber auch spirituell - noch einen Schritt tiefer gesunken als zu Kühlewinds Zeiten vor vielleicht dreissig Jahren. Heute werden vielfach nicht nur Bände mit geraunten „Geheimnissen“, Verschwörungen und geheimen Logen gefüllt, heute bekommt die Ungedecktheit eine eigene Dynamik und nimmt visionären Charakter an. Dort wo das auftritt, taumelt stets eine Gemeinschaft von Gläubigen hinterher. Offensichtlich folgt der illusionären Ungedecktheit eine Art Gärung, der immer fantastischere Erfahrungen und Behauptungen entspringen.
Abu Dhabi ist überall.
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