Haselberger | EgoBlog | Die Egoisten
Haselberger

Piero Cammerinesi: Vorurteil und Freies Denken Überlegungen zu Judith von Halle

Vor kurzem hat Michael auf einen längeren Artikel Piero Cammerinesis aufmerksam gemacht.
Ich habe diesen langen englischen Aufsatz mit großem Interesse gelesen. Obwohl er nicht mehr ganz neu ist (er stammt vom 21. Juni 2011), scheint er mir aktueller denn je zu sein.
Ich bin nicht sicher, ob ich in allen Dingen zu demselben Ergebnis kommen würde wie der Autor, aber sowohl seine Gedanken als auch die auszugsweise wiedergegebene Rede Judith von Halles, mit der er seinen Artikel beschließt, sind es meiner Ansicht nach wert, von unvoreingenommenen (und erst recht von voreingenommenen ;-)) Menschen gelesen zu werden.
Um diese Gedankengänge auch solchen deutschsprachigen Lesern zugänglich zu machen, denen es schwerfällt, längere englische Aufsätze zu lesen, habe ich mir die Mühe gemacht, den Artikel zu übersetzen. Während mir die Steiner-Zitate im deutschen Originalwortlaut zur Verfügung standen, mußte ich die zitierten Stellen aus Judith von Halles Vortrag aus dem Englischen rück-übersetzen – ich bitte also, zu berücksichtigen, daß es sich dabei nicht mehr um wörtliche Originalzitate handelt.

Ingrid Haselberger

Download

Ich hatte gerade mit einer Dissertation über Friedrich Nietzsche und Rudolf Steiner meinen Abschluß in Philosophie gemacht und ein Forschungsstipendium an der Universität in Freiburg/Breisgau, Deutschland, erhalten.
Professor S., mit dem ich zusammenarbeiten sollte, ein sehr bedeutender Professor, empfing mich mit großer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft in seinem Büro. Während unseres Gespräches aber sagte er mir, daß er meine Arbeit zwar sehr schätze, aber nicht begreifen könne, warum ich über einen solchen mystischen – das war das Wort, das er gebrauchte – Autor wie Rudolf Steiner arbeiten wollte. Ich fragte ihn, was er von Steiner gelesen hatte, um zu einer solchen Ansicht zu kommen. Er antwortete sehr ausweichend, konnte sich nicht an die Titel erinnern und gab mir zu verstehen, daß er nicht sehr viele Bücher von Rudolf Steiner gelesen hatte; es war vollkommen klar, daß er nur die Ansichten anderer wiederholte. Ich war bestürzt über seine Antwort und empfahl ihm, die „Philosophie der Freiheit“ zu lesen, ein durch und durch philosophisches Buch, das ihm sofort gezeigt haben würde, wie weit sein Vorurteil von der Wahrheit entfernt war.
Einen noch größeren Eindruck machte es mir, als ich Jahre später erfuhr, daß dieser Lehrer, Professor S., inzwischen ein führendes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft geworden war! Das Schicksal hatte neue Wege genommen und vorgefaßte Meinungen und Vorurteile mit der Gewalt eines Tsunami hinweggefegt.
Nun – das genau ist es, was ich meine, wenn ich von vorgefaßter Meinung („pre-conception“) spreche.

* * *

»Der Aufbau einer Gemeinschaft ist eine Michaelische Aufgabe, und wenn wir sie nicht ausführen können, dann ist es unsere Pflicht als Mitglieder der Esoterischen Schule, in uns selbst zu blicken und uns zu fragen, warum es uns nicht gelingt.
Die jetzige Erdenrückkehr der verschiedenen Persönlichkeiten, die als Repräsentanten unterschiedlicher Strömungen damals gemeinsam mit Rudolf Steiner die Begründung der Anthroposophischen Bewegung erlebt haben, sollte nicht länger zu Konflikten führen, sondern zur Erfüllung.
Das ist nicht mehr das Zeitalter des Kampfes zwischen Platonikern und Aristotelikern, sondern in der heutigen Zeit sollte der tiefe Gehalt ans Licht kommen, der diese Strömungen durchdringt: Anthroposophie, das Christusereignis.
«
[...]
Es sei daher wichtig, daß die Menschen Rudolf Steiners Forderung sehr ernst nehmen – wenigstens jetzt, wenn es schon damals nicht gelungen sei - , auf die wichtigen Beziehungen innerhalb der Gesellschaft zu blicken und anfangen, sich zu fragen, weshalb die anderen eine andere Ansicht haben. Warum geschieht das? »Nun, weil wir Menschen sind, weil mein Nachbar das linke Bein ist und ich das rechte. Nun begreife ich. Er ist nicht von irgendetwas besessen („compelled by anything“), er sieht nur alles in anderer Weise, aber es ist dieselbe Sache. Das ist der Impuls, auf den ich mich beziehe, davon rede ich
[...]
»Wir müssen uns fragen, welche Kräfte sich zeigen in den Initiativen der Gesellschaft. Arbeiten sie im Sinne der Dreigliederung, also für Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben und Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben? Wenn das der Fall ist, sprechen wir von christlichen Initiativen. Wenn nicht, dann sicherlich nicht. Wir haben die Mittel, das zu unterschieden, wenn es auch sicherlich schwierig ist
Comments