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Christian Clement

Der radikale Wandel in Rudolf Steiners Werk - zu Christian Clements „Kritischer Ausgabe"

frommann
Die SKA 7 (Kritische Ausgabe ausgewählter Schriften Rudolf Steiners*) thematisiert Meditation und anthroposophische Erkenntnisschulung im Sinne einer aktiven Auseinandersetzung des modernen Menschen angesichts einer globalisierten Welt, aber auch einer sich stark ändernden Selbstwahrnehmung des Menschen der Neuzeit. Von beiden Seiten erscheint der moderne Mensch bedroht von Leere und, wie Rudolf Steiner es nannte, dem Erleben der „Ohnmacht“:

"»Ich bleibe mit meiner Fassungskraft hinter dem, was ich eigentlich anstrebe, zurück; ich empfinde meine Ohnmacht gegenüber meinem Streben. – Es ist dieses Erleben ein sehr wichtiges [...] denn dieses Ohnmachtsgefühl ist nichts anderes als das Empfinden der Krankheit [...] Dann, wenn man genügend kräftig diese Ohnmacht empfindet, dann kommt der Umschlag [...] Suchen Sie in sich, und Sie werden finden die Ohnmacht. Suchen Sie, und Sie werden finden, nachdem Sie die Ohnmacht gefunden haben, die Erlösung der Ohnmacht, die Auferstehung der Seele zum Geist« (GA 182, 180 f.).“ (1) Christian Clement äußert in diesem Zusammenhang die Ansicht, dass die so benannte Ohnmacht (übrigens nennt Steiner im Heilpädagogischen Kurs als Ursache für Depression aufgestaute Gefühle) inmitten der „Krise der Moderne“ mit der heute so genannten Depression im Zusammenhang steht: "Was das Individuum als »Depression«, was die Menschheit als »Krise der Moderne« erlebt, ist nach Steiner Ausdruck jener inneren Entwicklungskräfte, die den Menschen aus den Tiefen seines Wesens heraus von seinen früheren instinkthaften Bindungen an Natur und Gesellschaft emanzipieren und ihn gewaltsam zum Erlebnis seiner inneren Freiheit drängen.“ (2)

Der Schulungsweg Steiners soll - analog zur psycho-therapeutischen Selbstbewusstmachung - als notwendiges Instrument der inneren Stärkung, Fokussierung und Emanzipation des modernen Menschen dienlich sein können, wenn er recht verstanden wird: "Die Herausforderung der anthroposophischen Erkenntnisschulung an den Menschen der Gegenwart ist somit im Grunde nicht die: Ob der Einzelne die beschriebene innere Entwicklung will oder nicht; sondern vielmehr die: Ob er diese faktisch sich bereits vollziehende Entwicklung bewusst in die eigene Hand nehmen will oder es dem allgemeinen Evolutionsgeschehen, der »Natur« oder der »Gesellschaft« überlässt, diese Wandlung an ihm zu vollziehen.“ (3)

Derjenige, der selbstbewusst, analytisch und engagiert mit dieser Erkenntnisschulung beschäftigt ist, wird auch dem Lehrer Steiner selbst radikale Wandlungen und Entwicklungsschritte zugestehen -und nicht annehmen, Steiner sei quasi als Menschheitslehrer fertig gebacken zur Welt (und zur Reife) gekommen. Dies kann man nirgends besser erkennen als in den Änderungen, die Rudolf Steiner selbst im Laufe stetig neuer Auflagen an seinen Schriften zur Erkenntnisschulung vorgenommen hat. Diese gehen, wie Christian Clement beweist, über die formale Änderung vom theosophischen zum anthroposophischen Lehrer weit hinaus. Clement nennt diese Veränderung "Vom Einweihungsritus zum individuellen Schulungsweg“ (4). 1904 sieht („Das Christentum als mystische Tatsache“) die Einweihung - als Ziel der Erkenntnisschulung - nach Steiner "der Form des antiken Mysterienkults (bzw. der steinerschen Rekonstruktion desselben) noch sehr ähnlich“, wird in geheimen „Tempeln“ vollzogen und entstammt einer „Geheimüberlieferung“. In „Wie erlangt man..“ verfolgt Clement von Auflage zu Auflage, wie "zunehmend die Konzeption eines modernen Schulungswegs, der von jedem individuell und überall, ohne Einbindung in institutionelle oder personelle Bindungen praktiziert werden kann“ (5), in den Neuformulierungen Steiners zutage tritt. Das von Steiner skizzierte Lehrer- Schüler- Verhältnis ändert sich vollständig: "Der Schüler »begibt« sich nicht mehr in eine »Geheimschule«, sondern »lässt sich ein« auf die Schulung (WE, 107). Aus der »Aufnahme« in eine Schule wird der »Antritt« der Schulung (WE, 96) und die »Geheimlehrer« heißen nun »Berater«, »Lehrer des geistigen Lebens«, »Kenner der Geheimwissenschaft« oder »geistig Geschulte«, die statt strenger »Forderungen« und »Anweisungen« jetzt »Ratschläge« und »Empfehlungen«“ (6) geben. "Der reduzierten Rolle des Lehrers in der geistigen Schulung entspricht eine zunehmende Betonung der Autonomie des Schülers.“ (7)

Im Grunde hat sich in Steiners Arbeiten im Laufe der Jahre das gesamte Konzept einer „Geheimwissenschaft“ und eines klüngelnden Mysterienwesens restlos überlebt: "Hatte Steiner zuvor stets betont, dass bestimmte esoterische Vorstellungen geheim gehalten werden müssten, so verschiebt sich das traditionelle Schweigegebot der alten Mysterien immer mehr in Richtung des Gedankens, dass das Esoterische sich selbst vor unberufenen Augen und Ohren schützt.“ (8) Damit ändert sich auch der elitäre „Wissensvorsprung“ der „Eingeweihten“: "Zudem wird der exzeptionelle und elitäre Charakter der Einweihung entschärft, indem das frühere Ziel des Eingeweihten, zu einem »Führer des Menschengeschlechts« zu werden, soweit herabgestuft wird, dass er nunmehr zur Befreiung der Menschheit nur noch »beizutragen« habe (WE, 219).“ (9)

Insgesamt sieht Christian Clement in den Textveränderungen Anzeichen einer "Deinstitutionalisierung der »Einweihung« zum »Schulungsweg« und ihre Entkopplung von Lehrer, Institution und Ritus“ (10). Dieser lange Weg einer völligen Neuorientierung Steiners in Bezug auf die Rollen von Lehrer und Schüler, Ziel und Organisation der Schulung - und damit verbundenen Methoden- kann man sich gar nicht radikal genug vorstellen. Steiner hat sich keineswegs nur von theosophischen Vorstellungen getrennt, sondern vom gesamten traditionellen Konzept der „Einweihung“. Er ist Stück für Stück mit seinen Adaptionen in die Moderne gerückt und hat damit den aufgeklärten, autonomen, sich selbst infrage stellenden und im sozialen Zusammenhang lebenden Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung genommen: "Aus der alten Idee einer Initiation unter Anleitung eines spirituellen Führers wird so nach und nach ein Weg der Selbsteinweihung des gut informierten und daher weitgehend autonomen Schülers.“ (11)

Parallel dazu ist Rudolf Steiner dazu übergegangen, dem naiven Realismus des Lesers entgegen zu wirken und den bildhaften Charakter der Hinweise in den esoterischen Schriften heraus zu stellen- die selbst gewonnene Erkenntnis soll schließlich nicht dem Glauben an wortwörtlich vorgestellte geistige Wesen zum Opfer fallen. Als ein Beispiel mögen die „geistigen Wahrnehmungsorgane“ dienen, deren exakte Lage im Körperschema nicht mehr als feste Tatsache hingestellt wird; in „Wie erlangt man..“ heißt es stattdessen in späteren Auflagen, solche Organe könnten geistig wahrgenommen werden, wobei die Drehbewegung dieser Organe "als bildhafte Ausdrucksweise zu verstehen und nicht wörtlich zu nehmen“ (12) sei: "Insgesamt herrscht die Tendenz, sämtliche Beschreibungen übersinnlicher Phänomene als uneigentlich und bildhaft auszuweisen und stets davor zu warnen, sich von der Konkretheit und Bildlichkeit nicht dazu verführen zu lassen, die beschriebenen seelisch-geistigen Erlebnisse im naiven Sinne als Objekte oder Dinge misszuverstehen.“ (13)

In Bezug auf die vermittelten Übungen selbst fällt in den Textveränderungen auf, dass sich "die Tendenz (zeige), Übungsbeschreibungen, die zuvor in relativ normativer Weise dargestellt worden waren, nunmehr als bloße Beispiele zu verstehen“: "Offensichtlich will Steiner den eigenen Meditations- Anweisungen den autoritativen Charakter nehmen und den generellen Charakter bestimmter Techniken betonen, die dann der Übende gemäß seiner persönlichen Präferenzen individuell gestalten kann.“ (14)

Besonders stark sind Steiners Eingriffe in den Text in der 8. Auflage von „Wie erlangt man..“ zu konstatieren. Aber sie gehen alle weiter in die bislang von Clement skizzierte Richtung des sich selbst bemühenden, eigenverantwortlichen Zeitgenossen: "Zentral ist nicht mehr, dass er von einem autorisierten Lehrer unterwiesen wird, sondern dass er in der rechten Weise bestrebt ist.“ Weiterhin überarbeitet Steiner seinen Text und insbesondere die Begriffe, die "einen Institutionscharakter der Einweihung implizieren und die 1914 stehen geblieben waren“; sie "werden jetzt durch solche ersetzt, die den Prozesscharakter sowie die Flexibilität und Freiheit in der individuellen Verwirklichung des Schulungsweges betonen.“ (15)

So bildet Rudolf Steiner in den durch die Forschungsarbeit Christian Clements dargestellten Text- Veränderungen eine Neuorientierung spiritueller Schulung ab, wobei Steiner erst nach und nach, wie es Zeit, Einsicht und Umstände erlaubten, seine früheren Texte einer Revision unterzog. Sein dabei sichtbar werdendes Ziel war es, ein "Konzept eines allgemeinen, sicheren und von Lehrerautorität unabhängigen Schulungsweges“(16) zu entwickeln. Er hat dabei seine frühere Einstellung zum Thema „Einweihung“ sehr weitgehend revidiert.

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*Steiner, Rudolf: Schriften. Kritische Ausgabe (SKA). Band 7: Schriften zur Erkenntnisschulung
Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? – Die Stufen der höheren Erkenntnis. Samt einem Anhang mit Materialien aus Rudolf Steiners erkenntnisschulischer und erkenntniskultischer Arbeit. Herausgegeben und kommentiert von Christian Clement. Mit einem Vorwort von Gerhard Wehr. 2014. CXXX, 498 S. 17,4 x 25 cm. Ln.

Leseprobe

1 Zitiert nach: Christian Clement, SKA 7, lxxxix, „Schulungsweg und Psychotherapie“, Anmerkung 137
2 CC, SKA 7, Einleitung, XC
3 dito
4 CC, SKA 7, Einleitung, CXII
5 dito
6 dito
7 dito
8 CC, SKA 7, Einleitung, CXIII
9 CC, SKA 7, Einleitung, CXIII f
10 CC, SKA 7, Einleitung, CXIV
11 dito
12 CC, SKA 7, Einleitung, CXV
13 dito
14 CC, SKA 7, Einleitung, CXVII
15 CC, SKA 7, Einleitung, CXIX
16 CC, SKA 7, Einleitung, CXX
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