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Der moderne Antichrist. Solowjow und eine aktuelle Erzählung von Ted Chiang

Wladimir Solowjews „Eine kleine Erzählung vom Antichrist“ ist, mehr als hundert Jahre nach ihrem Erscheinen, schon deshalb von einiger Aktualität, weil Solowjew doch in jedem Fall schon dies vorhergesehen hat: „Im einundzwanzigsten Jahrhundert war Europa zu einer Union von mehr oder weniger demokratischen Staaten geworden: den Vereinigten Staaten von Europa.“ Das „mehr oder weniger“ ist vielleicht bedenkenswert. Gemindert wird der Wert des Buchs sicherlich durch die Ressentiments Solowjews gegen das „Mongolische“ - durch die implizierte Annahme, der individuelle Geist würde sich nicht in jedem Winkel der Welt - gegen Widerstände und in Widersprüchen- durchsetzen. Der Unabhängigste aller Geister allerdings ist der, um den es Solowjew eigentlich geht, um den, der das Konzept von Nietzsches Übermenschen nicht nur propagandistisch, elitär, rassistisch oder im Sinne des Nationalsozialismus menschenverachtend realisiert, sondern persönlich: "In jener Zeit trat unter diesen Gläubigen ein bedeutender Mann auf – viele hielten ihn für einen Übermenschen –, der weder einen primitiven Geist besaß, noch auch freilich dem Herzen nach ein Kind war. Obgleich er erst dreiunddreißig Jahre zählte, war er durch seinen Genius schon als Denker, Schriftsteller und Sozialreformer berühmt. Trotzdem er um seine große Begabung wußte, unterwarf er sich aus Überzeugung den Geboten des Geistes. So ließ ihn sein klarer Verstand stets auch die Wahrheit des Glaubens erkennen, des Glaubens an das Gute, an Gottes Dasein und an die Offenbarung des Messias. Er glaubte an dies alles, aber er liebte nur sich selbst. Er glaubte an Gott, doch im Abgrund seines Herzens gab er sich selbst unwillkürlich und ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, vor Gott den Vorzug.

Die Selbstbezüglichkeit und Egomanie dieses fiktiven Übermenschen setzt ihn an die Stelle des Sohnes Gottes: "Diese Selbstliebe war aber weder ein instinktiver Drang, noch eine sinnlose Anmaßung. Denn seine außerordentlichen Gaben, seine Schönheit, sein vornehmes Wesen schienen zusammen mit zahlreichen Beweisen von Enthaltsamkeit, Uneigennützigkeit und Wohltätigkeit genügend die ungeheure Selbstliebe zu rechtfertigen, die den Charakter dieses großen Spiritualisten, Asketen und Menschenfreundes bestimmte. Wer hätte ihn anklagen dürfen, dass er in der Fülle dieser Gottesgaben ein sichtbares Zeichen der Auserwählung von oben her erblickte und sich als den Zweiten nach Gott, als den in seiner Art einzigen Sohn Gottes ansah? Mit einem Wort, er hielt sich für Jenen, der in Wahrheit Christus allein ist.“

Der Antichrist, „der große Mann des einundzwanzigsten Jahrhunderts“, der der Menschheit den Frieden bringen will, stürzt mit 30 Jahren in eine innere Krise, in deren Verlauf er in seiner quasi- göttlichen Selbstüberschätzung die Auferstehung Christi leugnen muss. In dieser inneren Auseinandersetzung wird er an einen Abgrund geführt, in den er geistig stürzt, aber aufgefangen wird: „Er fühlt eine Erschütterung wie von einem elektrischen Schlage, und eine geheimnisvolle Kraft wirft ihn zurück. Für einen Augenblick verliert er das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kommt, liegt er wenige Schritte vor dem Abgrund auf den Knien. Vor ihm erstrahlt wie durch Nebel in phosphorischem Licht ein Gesicht. Zwei Augen bohren sich mit unerträglichem und schneidendem Glanz in seine Seele. Erstarrt unter diesem hypnotischen Blick hört er eine Stimme, ohne erraten zu können, ob sie aus seinem Innern oder von außen her kommt. Es ist eine seltsame Stimme, dumpf und dennoch klar, aber seelenlos wie schwingendes Metall.“ Man kann von einem Initiationsvorgang sprechen, der hier angesprochen wird, der den kommenden Antichristen auf spezifische Art vergeistigt, und, aus der Phase der Bewusstlosigkeit heraus, ihn das Buch schreiben lässt, was ihn zum globalen Herrscher werden lässt: „Offener Weg zum Weltfrieden und allgemeinen Wohlstand.

Nun mag man über solche Initiationsschilderungen erinnert werden an Hitler, der nach einer Gasvergiftung im ersten Weltkrieg beschlossen hatte, Politiker zu werden. Man kann aber auch ganz aktuelle Bücher ansehen wie Ted Chiangs Erzählungsband "Stories of Your Life and Others“, der gerade auch auf Deutsch erschienen ist- mit dem Titel „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“.

In der zweiten Erzählung des Buches geht es um einen erwachsenen Mann, der nach einem Unfall - er war faktisch ertrunken- über eine Woche hirntot im Wachkoma liegt. Er wird durch ein neues Medikament - „Vitamin K“- behandelt, das es möglich macht, bei scheinbar irreversiblen Nervenschäden eine Remission zu erzwingen. Je umfassender die vorliegenden Schäden sind, desto weitreichender und unabsehbarer die Folgen. Dem Hirntod folgt im Fall des Helden eine ins Übermenschliche reichende Hyperintelligenz. Da sich aus militärische Psychologen und Dienste für ihn zu interessieren beginnen, entkommt er, manipuliert durch seine gewonnenen Programmierfähigkeiten die Datenbanken, spekuliert an den Weltbörsen und besorgt sich weitere Dosen des inzwischen konfiszierten Medikaments.

Chiang schildert im Verlauf der Erzählung eine Art intellektueller Initiation, die den Vorgang so von innen beleuchtet, wie Solowjow die Folgen der Karriere seines Antichristen von außen verfolgte. So beginnt der moderne Antichrist Kontrolle über die endogenen Prozesse des Körpers zu entwickeln und entfaltet Fähigkeiten imaginativer Art, indem er Vorgänge und komplexe Zusammenhänge in „gestalts“ wahrnimmt: "Control over my body continues to grow. By now I could walk on hot coals or stick needles in my arm, if I were so inclined. However, my interest in Eastern meditation is limited to its application to physical control; no meditative trance I can attain is nearly as desirable to me as my mental state when I assemble gestalts out of elemental data.“

Der spezifische Weg der ahrimanischen Initiation lässt ihn die inneren menschlichen Bindungen, die sozialen und moralischen Voraussetzungen überwinden, indem er Kontrolle über alle Empfindungen gewinnt: "Of course, I actually experience far fewer emotions than I could; my development is limited by the intelligence of those around me, and the scant intercourse I permit myself with them. I'm reminded of the Confucian concept of ren: inadequately conveyed by “benevolence,” that quality which is quintessentially human, which can only be cultivated through interaction with others, and which a solitary person cannot manifest. It's one of many such qualities. And here am I, with people, people everywhere, yet not a one to interact with. I'm only a fraction of what a complete individual with my intelligence could be.“

Er beginnt eigene sprachliche Systeme zu gestalten und macht sich das Internet als Ganzes zu eigen, indem er in „Ideogrammen“ zu denken beginnt, die jeweils Tausende von Gedanken beinhalten: "My new language is taking shape. It is gestalt oriented, rendering it beautifully suited for thought, but impractical for writing or speech. It wouldn't be transcribed in the form of words arranged linearly, but as a giant ideogram, to be absorbed as a whole. Such an ideogram could convey, more deliberately than a picture, what a thousand words cannot.

So gewinnt der neue Antichrist Gewalt über die gesamte Gestalt seines Denkens, und damit auch über das Bewusstsein von sich selbst, über sein Konstrukt als Person: "I understand the mechanism of my own thinking. I know precisely how I know, and my understanding is recursive. I understand the infinite regress of this self-knowing, not by proceeding step by step endlessly, but by apprehending the limit. The nature of recursive cognition is clear to me. A new meaning of the term “self-aware.““ Eine Initiation findet statt, in der Realität, Kommunikation und Ich Formen mentaler Gestalten für ihn sind: "What I can do is perceive the gestalts; I see the mental structures forming, interacting.“ Das rationale Wirklichkeits- und Selbstkonzept wird für ihn zu einer Ausgeburt seelischer Bedürfnisse aus der frühen Kindheit, die er nun beherrscht: "All that I once knew theoretically about my mind, I now see detailed explicitly. The undercurrents of sex, aggression, and self-preservation, translated by the conditioning of my childhood, clash with and are sometimes disguised as rational thought.“
Die bestimmte „Persönlichkeit“ ist daher nur eine mögliche Form unter vielen, die er anzunehmen nun in der Lage ist: "Much of what is conventionally described as “personality” is at my discretion; the higher-level aspects of my psyche define who I am now. I can send my mind into a variety of mental or emotional states, yet remain ever aware of the state and able to restore my original condition.“

Damit wird es ihm möglich, jede nur denkbare Fähigkeit - ob musikalisch, intellektuell oder handwerklich- in kürzester Zeit zu erwerben, da er die Bindungen an ein bestimmtes Ich- Konzept überwunden und Kontrolle über die Strukturen des Lernens gewonnen hat: "Skills that normally require thousands of repetitions to develop, I can learn in two or three. I find a video with a shot of a pianist's hands playing, and before long I can duplicate his finger movements without a keyboard in front of me.“ Das beruht auch darauf, dass er die biologische Funktionen der Neurotransmitter in seinem Gehirn zu beherrschen gelernt hat: "I have somatic awareness of kidney function, nutrient absorption, glandular secretions. I am even conscious of the role that neurotransmitters play in my thoughts.“ Aber nun wird ihm der Schlüssel zum Zugang der Materie aller Natur und des Kosmos gegeben, der sich aus der Erkenntnis der Prozesse im eigenen Körper ergibt: "I'm closing in on the ultimate gestalt: the context in which all knowledge fits and is illuminated, a mandala, the music of the spheres, kosmos.“ Er erfährt eine Art Erleuchtung: "I seek enlightenment, not spiritual but rational.“

Die völlige Kontrolle über alle seelischen, intellektuellen und somatischen Funktionen lässt den Antichristen, dem seine Mitmenschen lediglich als Marionetten erscheinen, nun auch beliebige Macht über diese gewinnen. Er kann vollkommen manipulieren, bis hin zu dem Punkt, aus ihnen nach seinem Willen „Freunde“ zu machen. Sein ungebremster Wusch nach Macht wird letztlich nur durch einen zweiten „Initiierten“ gestört, der aber im Unterschied zu ihm gewillt ist, zum Herrscher der Welt, zum großen Friedensstifter im Sinne von Solowjow zu werden.

Natürlich sind die beiden Bücher schwer zu vergleichen, doch letztlich verweist Ted Chiang durch die Wendung am Ende der Erzählung selbst auf Solowjow. Chiangs Schilderungen des inneren Werdegangs seines Antichristen sind in der Tat bemerkenswert- vor allem bemerkenswert realistisch. Dass eine solche Erzählung als Science-Fiction bezeichnet wird, ist kaum zu verstehen, aber sicherlich macht es Schwierigkeiten, ein geeignetes Genre dafür zu benennen. Man findet viele Bezüge für den spezifischen inneren Prozess des Helden Chiangs, sowohl in gefährlichen zeitgenössischen Sekten und Organisationen als auch in rosenkreuzerischen, christlichen Schulungen. Der Grat ist schmal, kaum wahrnehmbar, aber die sich entwickelnden Unterschiede könnten größer nicht sein. Auch das macht die Lektüre der Erzählung heute so empfehlenswert.
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Das Gesicht

Wie schon im Beitrag „Spiegelwesen“ angesprochen, geht es mir beim Thema Gesicht primär um unsere gespiegelte Existenz, um die emotionale Bestätigung durch den Anderen.

Jonathan Cole, der an der Universität Southampton lehrt, hat seinem nun auch schon etwas älteren Buch „Über das Gesicht. Naturgeschichte des Gesichts und unnatürliche Geschichte derer, die es verloren haben“, ein Zitat des Philosophen Maurice Merleau-Ponty voran gestellt, das das ganze Thema und Dilemma beleuchtet:

„Ich lebe im Gesichtsausdruck des anderen und fühle, wie er in meinem lebt.“

Diese ständige Feedback- Schleife konstituiert uns nicht nur ganz wesentlich; sie ist auch nicht selten - durch verschiedenste Behinderungen, Krankheiten und Unfallfolgen - unterbrochen. Die Reaktionen derer, die empfinden, dass das ihnen zustehende Feedback ausbleibt, sind selten selbst affektiv; meist wird beim „Verweigerer“ unwillkürlich eine Form von Demenz oder anderer geistiger Beeinträchtigung angenommen. Das geht, wie Cole bestätigt, auch Fachleuten und Ärzten so: „Die Ärzte hatten sie nicht deshalb für schwachsinnig gehalten, weil sie nicht reagieren konnte- sie hatte ja Körpersprache eingesetzt und angeboten, ihre Antworten aufzuschreiben-, sondern weil wir erwartet hatten, einen Großteil der Antwort in ihrem Gesicht zu finden. Ohne seine Mimik hatten wir durch dieses einfach hindurchgesehen und das Fehlen als Demenz gedeutet. Ohne Gesicht war ihre Person so gut wie nicht vorhanden. Ihre Krankheit hatte eine Naht zwischen Gesicht und Selbst aufgetrennt, deren Existenz ich nicht geahnt hatte.“

Die Dame, die in dieser Fallbesprechung thematisiert wurde, hatte einen leichten Schlaganfall gehabt, den sie eigentlich nicht bemerkt hatte. Auffällig war auch nicht ihre zunehmende, verstörende soziale Isolation, sondern ihr rapider Gewichtsverlust, da auch der Schluckreflex in Mitleidenschaft gezogen worden war. Die Dame war bald nur noch von ihrer Familie umgeben. Sie konnte auch nicht mehr sprechen und tippte eventuell notwendige Antworten auf ein technisches Hilfsmittel. Sie tippte: „Ich kann keine Miene verziehen“. Da sie kaum noch Reaktionen anderer Menschen erlebte, hatte sie das Gefühl, „ihres Charakters und ihrer Persönlichkeit beraubt“ zu sein; sie wünschte sich zu sterben. Sie erhielt kaum noch emotionales Feedback aus der Interaktion mit Anderen und hatte zunehmend das Empfinden, nicht mehr zu existieren. „Das Gespräch war zwar nicht unmöglich geworden, aber nur wenige Menschen nahmen sich Zeit dafür. Ohne das Feedback und die Bestätigung durch die Mimik gab es kaum noch Nähe und Anteilnahme. Der Verlust der mimischen Reaktionsfähigkeit hatte sie im Kern ihres Wesens beschädigt.“ Sie machte sich Sorgen, wie sie nach dem Tod aussehen würde. Sie wünschte sich nun dringlich, sterben zu können, und wog immer weniger. Nach einem weiteren Schlaganfall starb sie tatsächlich.

Wir können ein Gesicht nicht ohne Reaktion nehmen, „wie es ist“- starr oder bizarr, schön oder entstellt. Wir können uns auf Eigenheiten der Mimik einstellen oder auch auf tatsächliche emotionale Störungen. Einem Gesicht, das einer Maske gleicht, können wir nur schwer ohne innere Abwehr begegnen- wir nehmen ein Gesicht immer als einen Spiegel, hinter dem man glaubt, „Stimmung und Persönlichkeit ausfindig zu machen.“

Das „Schweigen“ eines Gesichts ist für uns, die wir Spiegelwesen sind, fast unerträglich.
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Michael Eggert: Hochstapelei

Sünden, sagte mir der Philosoph mit der glatten Haut im inzwischen vorgerückten Alter (so alt wie ich jetzt, in etwa), seien die verpassten Gelegenheiten. Die Situationen, meinte er, in denen man nicht gegenwärtig war und es doch, wie eigentlich immer, hätte sein sollen. Wir träumen uns durchs Leben.

Sünden, dachte ich (der auch in jungen Jahren keine faltenfreie Haut gehabt hatte), meine Sünden sind die guten Ratschläge. Neulich habe ich X zum Beispiel geraten, sich nicht in seinem Roman und in der Aufarbeitung seiner näheren Vergangenheit zu verfangen. Was habe ich da nur gesagt? Es war nicht nur ein blöder Spruch ins Leere, es war noch viel dümmer: Ich selbst schlug mich schließlich gerade extensiv mit meinen spezifischen Vergangenheiten herum und war darin verwickelt wie ein junger Hund in einem übergroßen Wollknäuel. Weich, nein, dergleichen fühlt sich nie angenehm an.

Sünden, dachte ich, sind es, die eigenen Kübel von Unrat über Andere auszuschütten und das mit dem Zahnpastalächeln des Besserwissenden zu garnieren.

Sünde ist unser ewiges Jungsein, und diese chronische Hochstapelei.

Martin Amis schreibt: „Ich duckte mich innerlich davor weg - so wenig begriff ich. Ich war fast fünfundzwanzig, aber wie jung war ich da noch, wie furchtbar jung. Und wie lange das dauert, die Jugend, diese Zeit ständiger Hochstapelei, wenn man so tun muß, als verstehe man alles, während man in Wahrheit überhaupt nichts versteht. Man hat überhaupt keinen Begriff von Zeit.“

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(Amis, Die Hauptsachen, München Wien 2005, S. 67)
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Michael Eggert: Nach der Erleuchtung Wäsche waschen

Jack Kornfields Buch „Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen“ (hier das englischsprachige Original) ist schon deshalb so sympathisch, weil es ehrlich ist. Es bringt den ganzen elenden Erleuchtungs- Hype auf den Boden zurück und fragt quer durch alle möglichen Bewegungen - von Sufis über Himalaya-Gurus bis hin zu christlichen Nonnen- diese danach ab, wie es den Menschen nach und mit etwas wie „Erleuchtung“ (die meisten würden sich schämen, es so zu nennen) denn erging. Zahllose Anekdoten aus all diesen Milieus erheitern manchmal, kommen manchmal besinnlich daher und beleuchten das Buch jedenfalls so sehr, dass es auch mit 350 Seiten sehr gut zu lesen ist. Wenn Kornfeld selbst einer „Richtung“ zuzuordnen ist, dann jeweils einer, die es konkret und alltäglich meint- so etwa wie in folgender Anekdote:
„Als ein Zen- Schüler zu seinem Meister sagte: „Nun fehlen mir nur noch ein paar Details“, rief der Meister aus: „Aber es gibt nur Details.“ (S. 231)

Kornfeld geht es um Achtsamkeit, um „Gegenwärtigkeit“, aber eben auch um die Wahrnehmung und Akzeptanz der eigenen Schattenseiten: „Ja, ein reifes Herz weiß um die Dimension des Egoismus und der Sünde. Aber es ist sich auch der umfassenderen Wirklichkeit des Menschseins bewusst, der ursprünglichen Einheit und grundlegenden Güte, die unsere göttliche Natur, unsere Buddha- Natur ist.“ (S. 206). Illusionärer Perfektionismus oder vorgetäuschte Vollkommenheit werden hier nicht gesucht, denn „das Bewusstsein, das man auf einem Gebiet entwickelt hat, überträgt sich nicht auf andere Lebensbereiche.“ (S. 199) Das führt zu den Widersprüchen, die man überall - auch an spirituellen Orten- erleben muss: „Meditationsmeister, die sich mit außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen auskennen, können auf emotionalem, zwischenmenschlichem Gebiet Schwierigkeiten haben. Fromme, sich für Gott aufopfernde Nonnen oder Mönche können eine problematische, ja selbst Kaputte Beziehung zu ihrer Familie- oder zu ihrem eigenen Körper haben. Und Yogis und Gurus, die über eine unglaubliche Körperbeherrschung verfügen und ihre Atmung und Gedanken unter Kontrolle haben, können blind übernommene Überzeugungen und Meinungen vertreten, die sich negativ auf ihre Anhänger auswirken. Die meisten Mönche, Nonnen, Meditationsmeister und spirituellen Schüler entdecken nach einiger Zeit Lebensbereiche, denen sie bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben. Für viele Lehrer hat die spirituelle Ausbildung selbst zur Vernachlässigung oder Verdrängung ihrer grundlegenden menschlichen Bedürfnisse geführt.“ (S. 199)

Kornfeld hat keinerlei Hemmungen, über die Alltagsprobleme hoch angesehener Yogis zu berichten, wenn auch häufig anonym, die plötzlich trotz aller Erfahrungen in eine existentielle Krise geraten und sich selbst völlig in Frage stellen. Vielen geht es offenbar gerade nach lang anhaltenden und weit gehenden Retreats so. Kaum zurück gekehrt, brechen alte Wunden mit Wucht wieder auf oder es besteht völlige Verwirrung darüber, „wie man seine Spiritualität mit dem beruflichen Alltag verbinden soll.“ (S. 158) Er verbindet das mit netten Geschichten wie das von dem Kloster auf einem Berggipfel, das den „schönsten Buddha in ganz Korea“ anpreist, aber nur einen leeren Altar mit weitem Blick in die Umgebung bietet: „Als er näher herantrat, entdeckte er eine Inschrift auf dem Altar: „Wenn du hier keinen Buddha siehst, geh hinunter und übe noch ein wenig.“

Aber neben diesen eher amüsanten Exkursen bearbeitet Kornfeld auch unangenehme Züge wie den spirituellen Ehrgeiz. Dazu die Geschichte von dem Mönch, der den Meister fragte, wie lange er bis zur Erleuchtung denn bräuchte: Zehn Jahre, ist die antwortet. Und wenn er sich besonders bemühen würde? Dann würde es zwanzig Jahre dauern. Der Adept murrt und beklagt die mangelnde Fairenss. „Wieso doppelt so lang?“. In seinem Fall, antwortet der Meister, würde es dann wohl eher dreissig Jahre dauern.

Wenig glanzvoll erscheinen auch die zahlreichen Geschichten, in denen gerade in Schüler- Lehrer- Verhältnissen Zustände eintreten können und eingetreten sind, in denen es um sexuelle und finanzielle Ausbeutung ging. Das eine oder andere Mal plaudert Kornfield aus dem Nähkästchen und verrät Namen. Bei vielen tibetischen Lamas hat der Missbrauch auch von Kindern sogar Tradition. Kornfield geht aber nicht so weit, das System von Klosterleben, Guruismus, jahrelangem Rückzug in Frage zu stellen. Die Abhängigkeitsverhältnisse in vielen klassischen spirituellen Bewegungen führen offensichtlich häufig zu schwer wiegendem Missbrauch. Kornfield sieht diese Probleme und meldet durchaus Reformbedarf an. Die Systemfrage stellt er aber nicht.
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Dieses Leben das wir haben

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Lionel Shrivers Buch „Dieses Leben, das wir haben“ ist eine Zumutung für den Leser- eine Zumutung der bestmöglichen Art.

Shep, der Ehemann in diesem Buch, ist ein moderner Hiob. Seine Frau Glynis, mit ihrer unausstehlichen, allzu offenen Art, hat die Diagnose Krebs gerade dann erhalten, als Shep, auf die Fünfzig zugehend, sich endlich entschieden hat, sein bisheriges Leben aufzugeben und auszuwandern. Shep wollte nun seinen lang gehegten Traum verwirklichen. Aber- so zeigt sich- ein Träumer ist er nicht. Er stellt sich dem, was nötig ist. Das ist keinesfalls nur die letztlich tödliche Krankheit seiner Frau, die angesichts der Diagnose auf Rache an allen sinnt, die sie überleben werden. Sheps Vater wird zugleich pflegebedürftig, ein Freundin ist schwer erkrankt, die Schwester erweist sich als extrem egozentrisch, der beste Freund ist ein Bankrotteur, der die merkwürdigsten Dinge unternimmt, um sich und seine Ehe zu ruinieren. Und auch die Freunde, das ganze soziale Netzwerk und Umfeld schrumpft:

„“Eine Zeitlang“, sagte Shep, als die Besuche immer weniger wurden, hat sie noch relativ viele E-Mails bekommen. Wir drücken dir die Daumen, wir denken an dich, solche Sachen. Ich persönlich halte das Internet für ein Medium für Feiglinge. Aber diese Zweizeiler waren immer noch besser als gar nichts.“

Shep wächst angesichts der niederschmetternden Umstände. Er begleitet all diese Menschen, die da mit ihm verbunden sind- selbst als es ihn finanziell ruiniert, als die hoch bezahlten Therapeuten sich als Scharlatane erweisen, die nicht nur um Geld, sondern auch um Lebensqualität betrügen. Trotz des nahenden Todes, der Unausweichlichkeiten und Nackenschläge gelingt es Shep am Ende, dem Leben ein radikale Wende zu geben.

In diesem Buch wird sicher nichts beschönigt. Für Jeden, der Ehrlichkeit zu schätzen weiss und den Fragen des Lebens und Sterbens nicht ausweichen mag, wird dieses Buch ein Gewinn sein.
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Wer mehr davon erfahren möchte, sollte die Rezension von Felicitas von Lovenberg lesen.
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Arno Geigers Buch "Der alte König in seinem Exil"

Arno Geigers Buch „Der alte König in seinem Exil“ ist schon deshalb ein Phänomen, weil sonst kaum je ein Buch mit dem Thema Alzheimer bis in die Top Ten des deutschen Buchhandels vorgerückt ist. Da es das Schicksal des Vaters von Arno Geiger betrifft, handelt es sich auch um biografischer Material, vielleicht aber auch um ein Sachbuch? Einigen Kritikern macht die Einteilung Schwierigkeiten, andere sind berührt und überaus angetan, die Leser aber kaufen.

Arno Geiger bringt es fertig, liebevoll, aber kühl betrachtend, warmherzig und analysierend zugleich zu schreiben. Er blendet sich nie aus, auch nicht in seinem (allzu verständlichen) Versagen, jahrelang die Demenz nicht erkannt zu haben. Zu dieser Zeit wurde der Vater zu einem Sonderling, vor allem nachdem seine Frau ihn verlassen hatte. Dass er litt und sich zunehmend verwirrte, wurde erst nach und nach deutlich. Die Alzheimererkrankung schritt dann langsam weit über ein Jahrzehnt voran, bis hin zu Zuständen, in denen der Vater selbst einen Baum nicht mehr als solchen erkannte. Er sah ihn, aber hatte dafür keinen Begriff, keinerlei Vorstellung, was für ein Ding das war. Zwischendurch gab es immer wieder helle Augenblicke, in denen der Vater sich nicht nur in Selbstkenntnis seines Zustandes äußerte, sondern dies auch in ungewollt poetischer, ja imaginativer Art äußerte. Diese Momente berührten den Dichter Arno Geiger, und er protokollierte sie mit. Mit der Entdeckung dieser Poesie hat Geiger die Alzheimer- Erkrankung gewissermaßen geadelt, hat ihr und seinem Vater die Würde zurück gegeben. Inmitten dieser Verwüstung gedeihen die schönen und weisen Worte- manchmal gerade aus der Not geboren, auf den „richtigen“ Begriff zu kommen. Der Vater begründet eine Art Bildsprache, in der er seinen Zustand auch umschreibt und definiert.

An diesem Buch stimmt einfach alles- es ist mitfühlend und beglückend, nie larmoyant, nie „klinisch“, nie bloß tröstlich. Dennoch erlebt man den Zerfall sehr deutlich mit. Aber, so lehrt das Buch, es ist eben nicht nur Zerfall. Es ist, selbst in den späten Aufenthalten im Pflegeheim, nie so, dass die Person, die da die Kontinuität ihres Bewusstseins verliert, doch ganz verloren wäre. Inmitten des Zerbröckelns der Person besteht ein Charakter fort, der sich nur noch ab und zu aus dem Dickicht der Demenz erheben und sich äußern kann. Es ist nicht nur die Geschichte eines Untergangs, sondern auch eine des Bestehens.

Deshalb und weil es so un-ambitioniert, so scheinbar anstrengungslos geschrieben ist, muss man das Buch mögen. Auch dann, wenn es gegen Ende etwas verflacht. Die Stringenz des Erzählens dieser Biografie und dieser Beziehung verebbt etwas- es wird fragmentarischer, stichwortartiger- so, wie das Leben des Vaters auch monotoner zu werden scheint.

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Als Gegenpol und Kontrast sei hier noch einmal auf das Buch von Judith von Halle zu diesem Thema in diesem Blog verwiesen.
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"Rudolf Steiner und die Anfänge der Theosophie"

Robin Schmidts neues Buch „Rudolf Steiner und die Anfänge der Theosophie“ setzt sich mit dem personellen, geistigen und organisatorischen Umfeld der Theosophie des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts auseinander, aus dem sich Rudolf Steiners Anthroposophie entwickelt hat. Auch die Ursprünge der theosophischen Bewegungen - die in Abgrenzung zu in der Mitte des 19. Jahrhunderts verbreiteten spiritistischen Bewegungen entstanden sind- werden detailliert betrachtet. Obwohl man zu diesem Thema einiges gelesen hat und eine Reihe von Fakten bekannt sind, ist die sachliche und gradlinige Darstellung Schmidts erhellend. Anthroposophen blicken gern mit einer gewissen Herablassung auf die theosophische Phase herab. Schmidt dagegen unterlässt solche Bewertungen. Schließlich stellt Anthroposophie ihrerseits zwar eine Abgrenzung von den theosophischen Quellen dar, andererseits waren die persönlichen Bezüge Rudolf Steiners zu einigen Theosophen tief greifend:
„Man darf die Kontakte und den Austausch in diesem Kreis in ihrer Auswirkung für Rudolf Steiner daher nicht zu gering einschätzen; er spricht von einem „freundschaftlichen und intimen Verkehr“, der für ihn biografische und spirituelle Relevanz hatte. Möglicherweise waren das für ihn überhaupt die ersten freundschaftlichen und herzlichen Beziehungen mit Gleichaltrigen, bei denen er sich heimisch und verstanden fühlen konnte“. (S. 101)
Zu diesem interessanten, warmherzigen Kreis gehörte sein Freund Eckstein, aber auch die Frauenrechtlerin Rosa Mayreder und deren Freundin Marie Lang. Die Begegnungen mit dem umtriebigen, geistig beweglichen und höchst aktiven Friedrich Eckstein gehörte nach Steiners Worten zu den „allerwichtigsten meines Daseins“. Er schrieb Eckstein später, „dass ich Ihnen unbegrenzt zu danken habe“. Ähnlich warmherzig schrieb er an Marie Lang, in deren Haus Steiner viele Beziehungen knüpfen konnte. Zu dieser Zeit- 1890- war Steiners Haltung zur Theosophie noch überaus kritisch. Mayreder schrieb, er habe sie ihr gegenüber als „Schwachgeistigkeit“ bezeichnet, die sogar „Gefahren für die geistige Entwicklung“ mit sich bringen könne. Damit waren wohl bestimmte mystische Strömungen um Franz Hartmann gemeint, die nach Steiners Worten „meiner Geistesrichtung völlig entgegengesetzt“ waren.
Dieser ganze Freundeskreis von Architekten, Schriftstellern und Komponisten war offensichtlich wohltuend für Steiner. Er hatte auch nichts dagegen, ab und zu in Kreise „unterzutauchen“ (eine Formulierung in einem Brief von 1891), in denen „recht flott über Yogi, Fakire und indische Philosophie gesprochen“ wurde. Er hatte eben ein verständliches Faible für eine offene Boheme, auch wenn er selbst schon innerlich beschäftigt war - „zwar nicht in mystischer, wohl aber in logisch- ideeller Weise“- mit seinen Arbeiten zur „Philosophie der Freiheit“. Auch 1894 bezeichnet er sich in einem Brief an Eduard von Hartmann als „Feind aller Mystik“.
Dass er wenig später nun ausgerechnet Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft wurde, erscheint vor diesem Hintergrund einigermaßen rätselhaft. Die Schritte dorthin stellt Schmidt dar. Das Spannungsfeld, in das Steiner damit eintrat- voller Intrigen, ständiger Streitigkeiten, Abspaltungen und obskurer Behauptungen- hatte von Anfang an innerhalb der Theosophischen Gesellschaft bestanden. Auch die Auseinandersetzungen zwischen eher „christlichen“ und eher „buddhistischen“ Richtungen bestanden sehr früh.
Schmidt arbeitet das „kulturgeschichtliche Umfeld“ (Buchumschlag) der theosophischen Bewegung heraus, und zwar auf spannende Art und Weise. Es ist einfach auch ein sehr gut geschriebenes Buch, das man ungern weglegt.
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