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Albert Steffen

Wieder aufgelegt: Der dritte Band von "Wer war Ita Wegman"

ita
Die letzte, zweite Auflage stammt aus dem Jahre 2000. Nun ist dieser dritte Teil der Aufarbeitung von Zeylmans van Emmichoven „Wer war Ida Wegmann. 1924 bis 1943. Kämpfe und Konflikte. Band 3“ im Verlag am Goetheanum wieder erschienen. Der 1935 betriebene, intrigante und schändliche Herauswurf von Ita Wegman und großer Teile der Anthroposophischen Gesellschaft ist eine der großen Wunden dieser Bewegung. Es war eine sehr persönliche, aber auch intern- politische Abrechnung der Persönlichkeiten, die nach dem Tod Rudolf Steiners um Einfluss rangen. Im Vorwort warnte der Herausgeber der Dokumente von Emmichoven schon: „Manche dieser Texte sind verfänglich genug, sie können einem die ganze Freude an der Anthroposophie verderben. Sie wirken wie seelisches Gift.“ So wirkt das in der Tat, denn es hat etwas von stalinistischen Prozessen. Die Dokumentation kam spät- erste Auflage 1992-, was nicht nur am Desinteresse an der Aufarbeitung lag, sondern auch daran, dass Wegman selbst sich nie gewehrt hat gegen die Beschlüsse, die zu ihrem Ausschluss führten.

Die Vorwürfe lauteten im Überblick: „Opposition in Bezug auf das Zusammenwirken im Vorstand, Obstruktion und Unaufrichtigkeit, Unterstützung „widerrechtlich gegründeter Anthroposophischer Arbeitsgemeinschaften in Deutschland“, Verletzung der Würde der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft“, „offener Kampf“ durch Widerspruch gegen die Vorstandsmitglieder (Marie Steiner, Albert Steffen, Günther Wachsmuth), „langjährige Enttäuschung des Vertrauens der Mitgliedschaft.“ (S. 31) Eine zynische Deutung gab insbesondere Albert Steffen, nämlich dass die, die ihn nicht als Vorsitzenden anerkennen wollten, sich damit selbst aus der Gesellschaft ausschlössen: „Entweder betrachten Sie mich ausgeschlossen als Vorsitzenden, oder Sie betrachten eben dasjenige, was damals geschehen ist, als einen Selbstausschluss jener Persönlichkeiten.“ (Öffentlich im Nachrichtenblatt, 12.5.1935) Warum diese enorme Zuspitzung? Der Prozess dieses Konfliktes kann im Buch über zehn Jahre nach dem Tod Steiners durch die vorliegenden Briefe Wegmans verfolgt werden. Die ganz persönliche Note kam durch Marie Steiners von Anfang an vorherrschende „Abscheu gegen Wegman“ und durch die Annahme, Wegman und ihre Leute planten ein „geheimes Machtzentrum“ oder einen „Übervorstand“. (S. 80) Aus Briefen Wegmans geht auch ihre persönliche Betroffenheit darüber hervor, dass Marie Steiner den Eindruck aufbrachte, „als ob es eine Unterlassung meinerseits war, dass Frau Dr. Steiner nicht rechtzeitig benachrichtigt worden war von der Verschlimmerung des Zustandes Dr. Steiners am Vortage seines Todes.“ (S. 120) Wegman war die abhandelnde Ärztin gewesen, Marie Steiner auf Reisen. Man sieht dabei, in welchem Maß ganz persönliche Ebenen zwischen zwei Frauen, die Rudolf Steiner nahe standen, hier ausgetragen wurde.

Sicherlich fühlte sich die willensstarke Wegman als Vertreterin des Michaelsimpulses und der Weihnachtstagung- als eine Speerspitze der selbständigen esoterischen Bewegung innerhalb der Bewegung. Sie sah auch die politischen Gefahren im nationalsozialistischen Deutschland und wollte eine dezentrale anthroposophische Bewegung dort anregen- auch um die Mitglieder zu schützen: „..konnte ich das Erlebnis haben, dass in dem politischen Zustand, in dem Deutschland sich jetzt befindet, eine einheitliche Landesgesellschaft doch nicht dem Wesen der anthroposophischen Bewegung in Deutschland entspricht ...“ Sie sah in Deutschland 1931 schon „freie Menschengruppierungen, die sich verbinden mit sachlicher Arbeit, die dann auch wieder ausüben sollten die Toleranz einander gegenüber“ (Brief 10.7.1931 S. 102ff) als geeignetere Organisationsform. Das widersprach insbesondere Albert Steffens zentralistischer Vorstellung von seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender, wodurch die oben aufgeführten Vorwürfe gegenüber Wegman resultierten. Zudem äußerte Wachsmuth Sympathie gegenüber den Nationalsozialisten, und Steffen schrieb -„Eure Exzellenz“ an Hitler persönlich.

Die Mischung zwischen persönlicher Eifersucht und Machtansprüchen bereiteten den Boden für die Ausschlüsse, die dann 1935 kulminierten. Ein ganzer Teil gerade selbständig arbeitender und denkender Mitglieder verschwand aus den Gremien, aus den Vorständen, oder ganz aus der Bewegung. Ludwig von Polzer-Hoditz berichtete (Brief von Wegman, S. 121) noch während der Auseinandersetzungen darüber, was man auch als Vorwegnahme der Folgen der „Säuberungen“ sehen könnte: „Todesstille in Deutschland“.
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Kronzeuge Albert Steffen?

Wie sehr ich es begrüsse, dass Bodo von Plato stellvertretend für den Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft auf der diesjährigen Generalversammlung der deutschen Gesellschaft eine Art Paradigmenwechsel in Bezug auf die Aufarbeitung der anthroposophischen Bewegung zum Nationalsozialismus eingeleitet hat, habe ich schon im egoistenblog erläutert. Von Plato hatte übrigens nicht vor, eine innere Verwandtschaft zwischen Anthroposophie und Nationalsozialismus zu behaupten, sondern nur angemerkt, dass teleologische Vorstellungen im Sinne einer Entwicklung des Individuums und der Menschheit auch pervertiert werden können. Bei NNA, der anthroposophischen Nachrichtenagentur, liest sich das so: „Auf dem Podium diskutierten u.a. Bodo von Plato vom Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach und der Historiker Uwe Werner. Von Plato vertrat dabei die These, dass es so etwas wie eine „anthropologische Disposition“ gebe, die zur besonderen Wirkung des Faschismus auf die Menschen in Mitteleuropa beigetragen habe. Diese Disposition basiere auf „einer tiefen Sehnsucht nach dem, was wir verloren haben“ und verlange nach einem mystischen Verstehen der Gegenwart. Sie sei auch in der Anthroposophie zu erkennen, wobei jedoch diese als Gegenbild des Nationalsozialismus und im Wesen damit unverwandt zu sehen sei.

So weit, so gut. Dass allerdings im selben Bericht und auf derselben Versammlung auch Albert Steffen zum Kronzeugen des Widerstandes gegen Nationalsozialismus stilisiert wurde, stieß mir doch etwas auf: „Hatten Anthroposophen die Situation durchschaut? Erwähnt wurde der Zeitzeuge Albert Steffen, der früh das Geschehen erkannt und es in seinen Dramen künstlerisch verarbeitet habe.“ Das erinnerte mich an einen fünf Jahre alten Beitrag hier bei den Egoisten, in dem dieses Thema behandelt worden war: (Albert Steffen becirct Hitler“) „Immer wieder peinlich: Die Briefe des Vorstands der Anthroposophischen Gesellschaft aus den Jahren 1933- 1935 vor und nach der Auflösung der deutschen Sektion und Einordnung als "staatsfeindlich". Steffen, von Sievers und Wachsmuth beschwören Hitler in einem Brief an "ew. Excellenz", diese "Aufloesung gütigst" rückgängig machen zu wollen und versichern den Diktator "unserer ausgezeichnetesten Hochachtung". Dass zugleich versichert wird, dass die Anthroposophische Gesellschaft nicht "zu irgend welchen freimaurerischen, jüdischen, pazifistischen Kreisen irgend welche Beziehungen oder auch nur Berührungspunkte" gehabt habe, geht aber deutlich über eine reine Anbiederung hinaus.
Wachsmuths an anderem Ort (Ekstrabladet, Kopenhagen, 6.6.1933) geäußerte Sympathie und "Bewunderung" ("es soll kein Geheimnis sein, daß wir mit Sympathie auf das schauen, was z. Zt. in Deutschland geschieht") lässt vermuten, dass es sich nicht nur um strategische Positionierungen der Anthroposophen gehandelt haben kann. Der Höhepunkt ist vielleicht ein Brief Albert Steffens an die Gauleitungen im Deutschen Reich (20.5.1933), in dem selbst Rudolf Steiner persönlich instrumentalisiert wird: Denn Steiner sei "aus katholischer Konfession hervorgegangen und rein arischer Abstammung". Selbst der Totenschein von Steiners Vater wird zitiert, da darin bestätigt wird, es sei "vollkommen ausgeschlossen, daß irgendwie eine jüdische Abstammung möglich ist". Irgendwie.


Mag sein, dass Steffen die nationalsozialistische Katastrophe in Dramen verarbeitet hat. Als Vorstandsvorsitzender hat er offensichtlich eine anbiedernde Haltung eingenommen.
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