Verlust, Verdauung und sprachliche Überlagerung | EgoBlog | Die Egoisten

Verlust, Verdauung und sprachliche Überlagerung

Die einstige Erfahrung ist keine Erfahrung mehr, nachdem sie es einmal gewesen ist. Sie ist kontextualisiert, tausendmal durchdacht, an einen Ort in meinem privaten Kosmos abgestellt, sprachlich durchdrungen und „verarbeitet“. Das betrifft natürlich alle Erinnerungen. Vielleicht stechen einige besonders tragische oder freudige Elemente heraus. Es kann ja ein Trauma sein, eine bestimmte Erfahrung wieder und wieder machen zu müssen, so wie sie war. Ja, es sind gerade die traumatischen Erlebnisse, die so da stehen blieben, unverdaut, unverdaulich. Es steht einem vor Augen. Bei anderen Erfahrungen bin ich nicht so sicher, schon weil ich öfter daran gedacht habe. Jedes Mal habe ich sprachlich daran gedacht, ich habe es in Worte gefasst. Ich habe es so oft gedreht und gewendet, bis ich nicht mehr wusste, wie viel davon ist meine Kontextualisierung, wie viel davon sind meine Worte, wie viel davon ist so, wie es war. Das Verdaulichmachen bedeutet auch, es zu interpretieren. In der Erinnerung bleibt ein Konstrukt, ein Produkt der Bemühungen, das so weit weg ist von der Erfahrung, wie - sagen wir - ein Apfel von dem, was im Darm davon übrig geblieben ist.

Dies gilt um so mehr für frühe „geistige“ Erfahrungen, die sich mit etwas Glück gerade in der ersten Lebenshälfte einstellen, wie Geschenke- etwas Unverdientes. Kann Bemühung auf „Verdiensten“ beruhen, die Bemühung, durch ein Nadelöhr zu klettern? Ja, weil immer ganz persönliche Wandlungen damit verbunden sind. Wir befinden uns hier als moralische Wesen auf einem moralischen Feld.

Aber erinnern kann man diese Erfahrungen kaum, sie bleiben an sich nebelhaft, und dazu hat man sie so oft durchdacht, dass sie sich untrennbar mit dem Denken über sie verbunden haben. Sie sind teils Konstrukt, vielleicht sogar eine Legende im inneren Kontext, aber teils bleiben sie auch schlechthin ungreifbar, vage. Man kommt mit dem eigenen Gegenwartsdenken nicht richtig an die Unmittelbarkeit der Erfahrung heran. Man müsste sich erst wieder auf das Niveau geistiger Intimität heben können, um dem frühen Erlebnis zu entsprechen. Das aber ist oft gar nicht möglich. Die frühen Geschenke sind Wegmarken, die unsere Fähigkeiten übersteigen. Sie weisen auf eine Möglichkeit der Erfahrung und des Denkens hin. Das Gefühl dagegen ist sich ganz sicher. Es gibt ein helles Fühlen, das nicht selbstbezüglich ist, sondern wie ein moralisches Schneckenhorn fungiert: Man tastet den moralischen Geschmack einer Erfahrung. Das Gefühl sagt: Ja, das ist wahr. Aber erinnern kann ich es nicht.
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