„Anthroposophische Spiritualität“. Zu einem Buch Jens Heisterkamps | EgoBlog | Die Egoisten

„Anthroposophische Spiritualität“. Zu einem Buch Jens Heisterkamps

Ganz in dunklem Blau, mit kräftigen Spuren eines komplementären Orange, das den Rahmen einer sich öffnenden Tür umrandet- so präsentiert Jens Heisterkamp sein Büchlein mit dem Titel „Anthroposophische Spiritualität“*. Nicht nur die Untertitel, sondern vor allem der Autor selbst geben die Gewähr, dass es sich keinesfalls um eines der zahllosen anthroposophischen Schriften mit großem Anspruch und wenig Originalität handelt, sondern vielmehr um eine Positionsbestimmung, in die Erfahrung, Umsicht, Zeitgenossenschaft, ein selbständiger sprachlicher Duktus und Mut zum persönlichen Statement einfliessen.

Heisterkamps Betrachtung umfasst fünf Abschnitte, die durchaus auch in sich abgeschlossen bestehen könnten. Zunächst widmet er sich einer prägnanten Betrachtung von Rudolf Steiners Denkentwicklung, die Heisterkamp auf knappe Art und Weise in ihren Umbrüchen charakterisiert. Er verzichtet dabei fast vollständig auf das typische anthroposophische Vokabular, sondern beschränkt sich auf knappe Zitate mit einer modernen Interpretation: „Im Bemerken der Tatsache, dass die Geistigkeit der Welt in das menschliche Innere nicht nur hineinragt, sondern in ihm sogar neu zu Bewusstsein kommt, geht Steiner der Sinn des Menschseins auf. Dabei meint er mit seiner platonisch anmutenden Rede von der „Ideenwelt“ nicht das intellektuelle Denken des Verstandes, dessen kombinatorisches Vor-sich-hin-Laufen ja jede spirituelle Entwicklung hemmt, sondern die bewusst gemachte Anwesenheit des Einen spirituellen Urgrundes, der in Form einer Denk-Spur durch unser Bewusstsein zieht - mit den Merkmalen tiefer Verbundenheit ausgestattet und jederzeit dazu in der Lage, uns denkend über unsere Begrenztheit in ein tieferes Verstehen hinauszuführen.“ (S.19) In Vergleichen zu Denkern wie Heidegger und der Zen- Philosophie versucht Heisterkamp, den Logosbegriff Steiners („der Welt und Mensch übergreift“) ebenso zu charakterisieren wie dessen Vorstellung von Freiheit („Die Erfahrung an der All- Einheit im Bewusstsein ist ja eine Erfahrung von Freiheit: Freiheit im Sinne einer prinzipiellen Unbegrenztheit und Ungetrenntheit, der „Aufgehobenheit“ des Individuellen im All- Einen…“). Besonderes Gewicht in der Darstellung - im Sinne einer inneren Metamorphose- erhält Steiners zeitweiliges Aufgehen im mystischen Rahmen der Theosophie, aber auch seine Emanzipation gegenüber der „östlichen Weisheit“ durch Steiners Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft. Der eigentliche spezifische spirituelle Schulungsweg Steiners findet sich fragmentiert in seinem gesamten Vortragswerk verteilt. Um eine „rezeptartige Übernahme“ der vielen vorgetragenen „Forschungsergebnisse“ Steiners kann es für den modernen Leser nicht gehen, zumal manches „inzwischen zeitlich überholt“ (S. 37) erscheint- manchmal auch in dem Sinne, dass die „Aussagen Steiners“ z.B. über Menschen mit anderer Hautfarbe „diskriminierenden Charakter“ haben.

Im zweiten Teil versucht Heisterkamp, Steiners Grundansatz, eine „Spiritualität vom Denken her“ zu entwickeln, seine „Mystik des Denkens“ sprachlich zu fassen und damit Motive für eine „moderne, aufgeklärte Spiritualität“ (S.39) heraus zu arbeiten. Das Nachdenken über das Denken im Sinne Steiners führt eben nicht nur zur postmodernen Position, im Denken „lediglich ein subjektives Konzept“ zu sehen, sondern auch zur „zentralen Eigenschaft des Denkens: Seine Universalität und seine Allgemeingültigkeit.“ (S. 45) Die „mystische“ Erfahrung des Denkens führt in den Worten Heisterkamps zu der Erfahrung: „Nicht ich denke die Gedanken, sondern ich bewege mich denkend in einem in sich selbst begründeten (organischen) Weben des Denkens..“. (S. 47) Die „Schlüsselerfahrung“ moderner Spiritualität mündet schließlich in der Fähigkeit, „Bewusstsein als Bewusstsein selbst“ zu erfassen - in der Leere eines fokussierten Denkens, das sich aber nicht mehr in seinen Inhalten verliert. Damit ist auch die Erfahrung verbunden, dass das Denken uns erst als Subjekt konstituiert. Der anthroposophische Weg führt zur Ursprünglichkeit eines reinen Bewusstseins, ohne sich dabei in einer „Selbstauslöschung“ aufzugeben. Die dualistische Weltsicht wird in dieser meditativen Denkaktivität nach und nach überwunden, indem die „Denktätigkeit“ (S. 57) selbst erfahrbar wird. Dies ermöglicht es, etwas „zuvor nicht Vorhandenes in die Welt zu bringen“ (S. 60) und somit unabhängig, kreativ, auch sozial schöpferisch tätig zu werden. Die Evolution der Dinge und Wesen bis hin zur Selbstgewahrwerdung wird in dieser Sicht durch eine „Involution“ des Geistes in die Materie ergänzt. Heisterkamp ist an diesem Punkt der Betrachtung bemüht, die widersprüchlichen Signale zwischen Individualismus, Kultur, reaktionären Tendenzen und ungehemmter Freizügigkeit als zeitgenössische Wegmarken verständlich zu machen und zugleich existentielle Grundbedingungen des Menschen zu erfassen: Menschen sind „grundsätzlich unfertig und unbestimmt“ (S. 69). Das schließt Probleme, Hemmnisse, Schmerzen und die „vielleicht auch dunklen Seiten“ (S. 73) des Individuums mit ein. Das „Evolutionäre“ bedeutet für Heisterkamp an diesem Punkt weniger, individuell nach „Erleuchtung und höherer Erkenntnis“ zu verlangen, als im Sinne Steiners „das Erwachen am anderen Menschen“ zu suchen- und damit praktisch und konkret tätig zu werden. Das „Interesse am anderen“, an einer „Zukunft dieses Menschen“ ist das Credo dieser Spiritualität, die ihr Potential in einer „neuen Achtsamkeit für Gemeinschaftsbildungen“ gewinnt. Hier sieht Heisterkamp auch die gemeinsame Schnittmenge mit anderen spirituellen Richtungen, die er im dritten Teil des Buches („Stufen der Entwicklung“) weiter ausführt.

Die Vertiefung der Grundmotive einer so angedeuteten evolutionären Bewusstseinsentwicklung führt Heisterkamp zur Darstellung kosmischer und menschlicher Entwicklung im Sinne von Bewusstseinsstufen, die sich zwar entfalten, aber zugleich in den „transformativen (freien) Möglichkeiten, Bewusstsein zu entwickeln“ (S. 89) auch, da es sich keinesfalls um einen linearen Prozess handelt, „Brüche und Abstürze“ frei legen- das 20. Jahrhundert war von diesen Abgründen geprägt. Totalitarismus und Terror sind die Schattenseiten dieser Evolution des Bewusstseins, das, in anthroposophischer Terminologie zum „Berührt- Werden vom Geist“ im Sinne der Entfaltung des Geistselbstes führen kann. Heisterkamp spricht an dieser Stelle von einer Einverleibung des Geistes, oder, in Worten Andrew Cohens, vom „Authentischen Selbst“.

Die eigentliche meditative Arbeit daran stellt Heisterkamp im vierten Teil („„Schulungsweg“: Spirituelle Transformation durch Weltbegegnung“) - wiederum in einer spezifischer werdenden Darstellung- vor. Auf der einen Seite steht eine Umwandlung des „intellektuell- emotionalen Apparat(es)“ (S. 101), auf der anderen eine zunehmende Verankerung im Sinne einer zu entdeckenden Ruhe („sein Lebensschiff einen sicheren, festen Gang zu führen“- nach Steiner). Die Darstellung der meditativen Schritte führen Heisterkamp auch zu einer Darstellung der Entfaltung der Chakren.

Im letzten, recht kurzen Abschnitt wagt Heisterkamp einen Ausblick auf die weitere Entfaltung der Anthroposophie im 21. Jahrhundert. Die „exklusiven Lehrinhalte“, die ritualisierten Arbeitsformen und die relative Abgeschiedenheit der anthroposophischen Bewegung sollten in seinen Augen überwunden werden zugunsten einer umfassenden Dialogbereitschaft auch mit anderen spirituellen Strömungen. Dabei geht es nicht um Vermischung und Verwässerung der Impulse, sondern um ein „Sondieren und Fruchtbar- Machen von geistigen Schnittmengen“ (S. 123). Die Zeiten haben sich natürlich seit Steiners Lebens- und Wirkenszeit verändert - heute findet sich die anthroposophische Bewegung wieder in einer Ära der „globalisierten Spiritualität und Religiosität“ (S. 125). Dazu gehört für Heisterkamp einerseits das Besinnen auf die „philosophisch- gedanklichen Grundlagen der Anthroposophie“ (S. 127), andererseits das Überdenken mancher (häufig lediglich als Phrase benutzten) anthroposophischen Maximen wie z.B. dem viel beschworenen „Christus- Impuls“.

Das zentrale Anliegen Heisterkamps, was die Anthroposophische Gesellschaft im 21. Jahrhundert betrifft, ist aber die Notwendigkeit eines fortlaufenden und sich vertiefenden Dialoges - eben das, was er auch als zentrales spirituelles Motiv für das Individuum heraus gearbeitet hat. Das Büchlein ist dafür selbst ein Beispiel, da es - ohne den Ballast anthroposophischer Nomenklatur - zentrale anthroposophische Anliegen und Bestrebungen darstellt und damit „Einsteigern“, aber auch Anhängern anderer spiritueller Bewegungen näher bringen kann.

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*Jens Heisterkamp, „Anthroposophische Spiritualität. Denken, Meditation und geistige Erfahrung bei Rudolf Steiner. Eine Einführung“, Frankfurt/ Main 2014
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