Von der Fruchtbarkeitsgöttin bis zur Sophia | EgoBlog | Die Egoisten

Von der Fruchtbarkeitsgöttin bis zur Sophia

malta
Natürlich denkt man, wenn man in der Ritman- Bibliothek* über die Rosenkreuzer liest, nicht an die mittelalterliche Verehrung der Göttin Natura, sondern auch an Artemis, Demeter, aber auch an die in einem anderen Beitrag** ausgeführte alteuropäische Kultur ab 6000 bC, die eine durch zahlreiche Figurinen dokumentierte Natur- Göttin verehrte. Die in der Donau- Region verortbare grundlegende Kultur, in der der sesshaft werdende Mensch die Natur (vor allem Getreide und Nutzvieh) ja auch kultivierte und damit die Grundlagen für die späteren Hochkulturen schuf, stand, wie die weltweit auftretenden Figurinen zeigen, keineswegs isoliert da. Das Phänomen tauchte als kultureller, religiöser und technologischer Fortschritt - einschließlich erster symbolischer Grapheme und Schriftsysteme- rund um den Globus verteilt auf, wenn auch stets gefährdet, zeitlich versetzt, und immer wieder überrollt durch archaische Impulse, wie sie etwa von wandernden Reitervölkern ausgingen: "Einerseits entdeckt man in den Zeiträumen zwischen 6000 und 3000 bC herausragende Kunsterzeugnisse, die vielfach an noch wesentlich ältere (oft in Höhlen hinterbliebene) künstlerische Traditionen anknüpfen, andererseits ist die Parallelität der Ausdrucksformen in weit entfernten Kulturkreisen verblüffend.“***

Ein besonderer Entwicklungsschritt der alteuropäischen Kultur lag auch in dem Übergang von einer atavistisch-schamanistische Naturverehrung zu einem symbolisch- religiösen Kult, bei dem in der Gestalt der weiblichen Gottheit die Sonne, die sich in Fruchtbarkeit, Korn und Erde widerspiegelte, verehrt wurde. Die Megalith- Kultur mit ihrer astronomischen Orientierung und der direkten Verehrung der Sonne folgte erst einige Tausend Jahre später.

Auswirkungen hatte die Verehrung der Natura bis hin zu den Rosenkreuzern*: „..many readers, like the authors of the Rosicrucian Manifestoes, were disappointed in the Lutheran and Calvinist reformations, the Catholic Counter-reformation, being deeply convinced that Christianity should be about living a true Christian life, in daily practice. The Rosicrucian Manifestoes also advocated actual practice and innovative research into nature as part of an authentic exploration of nature as the work of God – the Fama fraternitatis explicitly referred for that reason to the ‘Vocabulario’ of Theophrastus Paracelsus of Hohenheim. Physicians who valued experimental experience above the authority of Aristotle or Galen, were also among the enthusiastic readers of the Rosicrucian Manifestoes.“

Aber natürlich gab es bis dieser christlich- rosenkreuzerischen Naturbeziehung Übergänge- etwa in den klassischen Mysterien Griechenlands. Rudolf Steiner hat die Göttin Artemis, in der sich das Vorbild der mittelalterlichen Natura zeigt, sprechen**** lassen:

..Ich bin der Keim und der Quell deiner sichtbaren Welt,
Ich bin die Summe des Lichtes, in dem du seelisch lebest,
Ich bin des Raumes Beherrscherin,
Ich bin der Zeitenzyklen Erzeugerin,
Mir gehorchen Feuer, Luft, Licht, Wasser und Erde.
Empfinde mich als alles Stoffes unstofflichen Ursprung…


Denn, wie Rudolf Steiner betonte, es reicht nicht, wieder und wieder von „Geist“ zu sprechen, sondern „es ist da nötig, dass wir uns der wahrhaftig geistigen Beziehungen bewusst werden, die wir zu den Dingen um uns herum haben.“ (GA 223, S. 111) Diese „Beziehungen“ zu den Naturreichen wurden, wie er an anderer Stelle sagt (GA 126, S. 60, „Okkulte Geschichte“), so vordringlich in den griechischen Mysterien gepflegt. Nur dadurch war es möglich, „jene Empfindungen, jene Impulse“ zu erregen, die „geeignet waren, von Grund auf allen Egoismus auszurotten aus der Seele.“ Damit ist kein moralistischer Standpunkt gepredigt, sondern die Möglichkeit gemeint, sich geistig- seelisch das „Allgemein- Menschliche und Kosmische“ anzueignen- also aus dem Verhaftetsein an das Ego heraus zu finden. Nur so konnte und kann „aus den höheren Welten das wahrhafte Mitgefühl für alles Lebendige und alles Seiende“ (dito) herunter getragen werden.

Die Verbindung besteht heute in einer solchen Vertiefung des Denkens, dass das Bewusstsein sich in den Strukturen des Lebendigen - im inneren Lebensquell- erhalten kann, ohne einzuschlafen oder herab gedämmt zu werden. Denn im Quellenden entspringt das Leben und das Bewusstsein- das eine Mal geronnen in Gestalt und Natur, das andere Mal als Bewusstsein frei, sich selbst zu erkennen. Aber Selbsterkenntnis ist in dieser Hinsicht Naturerkenntnis zugleich. So wie in den Mysterien von Ephesos gelehrt wurde, „ist damit ein Schulungsweg gemeint, welcher das verborgene Wirken des schaffenden Gottes, des Logos auf Erden zu ergründen versuchte.“ *****

Der Name und die Gestalt des Logos, der Natur und Geist gemein ist, wechselte - von der archaischen Fruchtbarkeitgöttin bis hin zur Natura- Sophia, hat aber die Kultur- und Mysteriengeschichte der Menschheit von Anfang bis heute begleitet.
______________



*http://www.ritmanlibrary.com/collection/rosicrucians/
**http://www.egoisten.de/files/goettinnen.html
***http://egoistenblog.blogspot.de/2013/09/unbekannte-kulturen-herausragende-kunst.html
****Rudolf Steiner, GA 264, S. 227
*****Zeylmans van Emmichoven, wer war Ita Wegmann Band 2, S. 103
Bildquelle: Pinterest, aus Malta, ca 3200 bC
blog comments powered by Disqus