Sister Sue und das verzweigte Ich | EgoBlog | Die Egoisten

Sister Sue und das verzweigte Ich

Natürlich kann es an einen Punkt kommen, an dem das alles zu einem Ende kommt. Es fühlt sich an wie ein Scherbenhaufen, und es handelt sich unverkennbar um Steinchen aus der eigenen Biografie. Es kann bis zu einem Punkt kommen, an dem man das alles, was man da aufgefahren, was man geleistet, aber auch in idealisierter Art und Weise vor das eigene Auge gestellt hat, auf einmal klar und unverkennbar im Raum steht. Man hat sich so weit entfaltet, so weit ausgebreitet:

"Sister Sue she's short and stout
She didn't grow up, she grew out
" (1)

Manchmal sehe ich einen vielleicht erfolgreichen Menschen an und kann nicht anders denken, als wie anstrengend es sein muss, dauernd Derjenige zu sein- nicht nur im Laufe der Entfaltung bis zum Stadium dieses Menschen, sondern aktuell und in jedem wachen Augenblick. Es kostet uns alle unendliche Energien, dieses Stadium, diese Persona aufrecht zu erhalten, über Jahre, Jahrzehnte, ein Leben hindurch. Es ist de facto aufzehrend. Wenn es nur gelänge, einen Augenblick lang all diese verschwendeten Energien zu bündeln und ohne Absichten und Wünsche, ohne Inhalte und Vorstellungen einfach im Raum stehen zu lassen, wüssten wir, was Meditation bedeuten kann. Wir sind einfach zu absorbiert vom Anspruch, Derjenige zu sein, um zu bemerken, über welches Potential wir eigentlich verfügen: Ganz direkt, ohne ein vermittelndes leibliches Medium präsent zu sein.

Am Ende ist es vielleicht so, dass einem nichts bleibt, was man so Bleibendes zu nennen gewohnt war: "Du bist sehr verzweigt, und nur die grössten Drohungen können dich zusammen fassen.“ (2)

Dieses ist es, das besteht: Der klare Blick, die aufrechte Gestalt (selbst wenn es eng wird), die Haltung und mit alledem: die geistige Authentizität, die keinerlei Spiegelung, Brechung oder gar gedankliche Fassung benötigt. Es ist dieser Blick, in dem man sich offenbart, nicht nur nach Außen, sondern auch dann, wenn man nach Innen, auf sich selbst schaut.

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1) Randy Newman in "My old Kentucky Home".
2) Elias Canetti, Die Fliegenpein. Aufzeichnungen, S. 49
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