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Schulungsweg, Kunst und "Psychotherapie"

Der Schulungsweg ist zweifellos eine spezifische Art von „Psychotherapie“. Denn dass wir *bedürftig* im Sinne von „unfertig“ sind - alle - wird schnell offensichtlich, wenn man sich damit beschäftigt. Man muss sich seine Zwiebelschalen einfach deshalb vor Augen führen, weil man sonst nicht frei wird. Aber die Perspektive ist doch eine besondere, denn eigentlich betrachtet man die Schalen von sich als der, der davon schon ein Stück weit frei ist. Die Perspektive ist nicht der des Wühlens in seelischen Katakomben, sondern die eines Beleuchtens von außen- ein Außen, zu dem ich als *Zeuge* seelischer Prozesse geworden bin. Es ergibt sich, wenn man tatsächlich zu radikaler Ehrlichkeit bereit ist, eine anarchische Energie, sich dem zu stellen, was man eigentlich nicht zu wissen wünschte. Man kann auf diese Weise von den eigenen Manierismen frei werden, aber es gibt auch die Möglichkeit des Scheiterns. Dass der Zeuge korrumpiert wird, dass er unterliegt, dass ein seelisch- geistiger Sog sich durchsetzt. Man fährt auf dem Floss des Seelengewässers und hört die eigenen Sirenentöne, die Schalmeien des Ego. Und man sollte nicht glauben, dass man mit einer Überfahrt jemals fertig wäre. Es gibt viele Meere zu befahren.

Der Schulungsweg als spezifische Variante einer „Psychotherapie“ ist dies - das Befahren des Seelenmeeres- in einem rudimentären Sinne des Sich-Stellens. Man weiss, man braucht diese Ehrlichkeit, diese Klarheit sich selbst gegenüber, um sich an die Schwelle des Nur-Persönlichen schieben zu können. Hier, wenn man den letzten Grenzposten überwunden hat, weht der harte Bergwind die Dinge fort, die wir an Schalen abgeworfen haben. Erst an diesem Punkt ist die Gegenwärtigkeit so greifbar, dass das Nur-Persönliche abfällt. Man überwindet es nicht, sondern es wird irrelevant. Es erweist sich als die Maske einer Selbstinszenierung, die man in der Not und aus Not geschaffen hat.

Man kann also den Schulungsweg als „Wiederherstellungsversuch“, als Versuch, eine zerbrochene Ganzheit wieder her zu stellen, sehen. Aber es gibt zahlreiche andere mögliche Metaphern. Nehmen wir Schulungsweg und künstlerische Entwicklung- der Versuch, einen Stil zu entwickeln, eine Handschrift, eine eigene Grammatik der Darstellung, ohne in Manierismen, auf zu vertraute eigene Muster zu verfallen. Es besteht immer die Gefahr, in Vertrautem zu versacken. Man muss sich als Künstler neu erfinden können, ohne sich in Beliebigkeit zu verlieren. Man benötigt Präzision und Technik, darf sie aber nicht gewähren lassen. Insgesamt geht es auch um einen Reifeprozess, ohne wie ein Fallobst in dem zu versacken, um das man kreist. Es gibt in der Kunst Neigungen, denen man nicht wirklich entkommen kann. Aber man muss gegen sie angehen, weil sie einen zu früh festlegen. Es ist mehr als nur „Geschmack“; es hat eine physische Komponente. Aber es schafft auch einen Ausgangs-, einen Fixpunkt.
Will man öffentlich werden, kommen andere Zwänge hinzu; der Markt möchte den Künstler, der „wiedererkennbar“ ist. Das verstärkt die Neigung, im gegebenen Rahmen eine Modalität des Ausdrucks zu finden. Aber man kommt damit schnell in ein Muster hinein, das man nicht mehr los wird.

All das gilt auch für den Schulungsweg, der zweifellos vor allem ein kreativer Entwicklungsprozess ist. Der Schulungsweg beginnt ebenso wie der künstlerische Prozess dann, wenn man die reine Übungsphase überwunden hat, in der auch Vorbilder eine zentrale Rolle spielen. Vorbilder, Gegenbilder, Nachbilder. Gehversuche auf unsicherem Terrain. Muster, die sich heraus bilden, die fördern und zugleich bannen. Scheinbar unentrinnbare Fallen, in die man immer wieder hinein läuft. Dann Augenblicke des freien, reinen Schaffens. Augenblicke des beliebigen Versuchens, des trost- und nutzlosen Ringens nach Neuorientierung. Dann wieder Phasen, in denen man produktiv ist und sich getragen fühlt. In denen man aus dem Meer der Möglichkeiten zielsicher und stark heraus greift, was sich entwickeln will. Im Umgang mit diesen kreativen Wachstumsprozessen muss man zulassen, dass man immer wieder neu anfängt, immer wieder auch Anfänger ist- auch nach Jahrzehnten. Dies gilt jedenfalls für das innere Gefühl. Technisch gesehen, von der Erfahrung und vom Auftreten her gewinnt man aber hinzu. Professionalisierung entwickelt sich, ohne gewollt zu sein- ein Nebenprodukt des Übenden.

Die „Kunst“ ist weniger ein „Sich-Stellen“ als ein ständiger Perspektivewechsel in einem Prozess der Professionalisierung; eine dauernde Neuerfindung in der Art des Aus- und Eindrucks, ohne beliebig zu werden. Man wird damit nicht fertig. Die Grenzposten, an denen man stagniert, schafft man sich aber auch immer wieder neu. Der kreative Prozess bleibt ein Rudimentäres, dem man immer wieder etwas entringt, aber das nie einen Abschluss finden kann. Es bleiben Wegmarken, die man geschaffen hat. Künstlerische Arbeiten so wie Augenblicke reiner Präsenz.
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