Die Reiche der Himmel | EgoBlog | Die Egoisten

Die Reiche der Himmel

Der Weg bringt es mit sich, dass in einer glücklichen Phase des Lebens, in der wie in einem vom Schicksal vorgenommenen Arrangement alles stimmt, vernehmbar wird, worauf es - abseits der kollektiven Vorstellungen - bei innerem Wachstum ankommt; keine nur persönliche Erfahrung, sondern etwas, was das Menschsein an sich unvermittelt berührt. Solche Arrangements sind nichts, was wir selbst aus eigener Kraft anstellen könnten, und sie finden eher in der ersten Hälfte des Lebens statt; wenn überhaupt. So wird man dabei zum Beispiel an einen bestimmten, inspirierenden Ort geführt, an dem einen etwas anweht- vielleicht geschwächt von einer leichten Grippe, etwas irritiert, aber zugleich aufmerksam und sehnsüchtig. Und plötzlich entrollt sich der Schleier, und man findet sich in einem innigen Dialog mit einem inneren Gegenüber, der in dieser typischen Nüchternheit der geistigen Erfahrung die kühle Mystik der Gegenwärtigkeit enthüllt.

Es gehört dazu, dass man um den Moment weiß, aber zugleich die Inhalte der Erfahrung nur in den äußeren Umrissen ins Gegenwartsbewusstsein mitnehmen kann; das Vergessen ist nicht zu verhindern. Und es gehört dazu, dass die Führung in solche Erfahrungen sich nicht in derselben Form wiederholt. Das Bemühen darum mag Jahre und Jahrzehnte dauern, aber nie wird die mystische Erfahrung in dieser Form wieder auffindbar sein. Der geheime Garten entzieht sich schon deshalb, damit man die innere Aktivität aufs Äußerste anspannt, die Bemühung forciert- vielleicht nur um zu bemerken, dass eben dieses Wollen verhindert, dass es geschehen kann. Der Wille ist nicht rein- er ist durchsetzt von bloßem Begehren. Das Wollen muss transparent werden, immer mehr und mehr, und es wird nichts mehr geschenkt.

Aber selbst, wenn die Taufe schließlich Tatsache wird, wenn der stille Dialog zu etwas wird, was seelisch Fuß fasst, wird man konfrontiert mit allen Aspekten des eigenen „Schwachmenschlichen“:

Nun sind die Reiche der Himmel wirklich nahe herbeigekommen, von der anderen Seite her, in der sie früher nicht aufgesucht werden konnten. Im Schwachmenschlichen sind sie anwesend, unter der Asche des Alltags, der Gewohnheiten lebt eine kleine Glut des Anfanges. Sie auflodern zu lassen heißt, mit dem neuen Heiligen Geist begnadet zu werden.“ (Georg Kühlewind, Die Erneuerung des Heiligen Geistes, S. 13)

Der versteckte „Lebenskeim“, der nun nicht nur in der arrangierten Einzelerfahrung, sondern in einem zarten, aber kontinuierlichen Strom im Inneren präsent wird, hat nichts Ausgedachtes, Gewolltes oder Gefühliges. Es ist ganz buchstäblich die Erfahrung des inneren keimenden Lebens, und hat somit Charakteristika einer Auferstehung des geistigen Lebens- ein reales österliches Geschehen. Auch dieses Fußfassen geistiger Präsenz geht durch Verschattungen und Krisen; es ist kein Eigentum, kein Anrecht, kein Teil des Ego; deshalb sind schmerzhafte Erfahrungen damit unausweichlich. Die Präsenz wird nicht mehr geschenkt, tritt auch nicht mehr unvermittelt, vereinzelt und blitzartig auf, sondern wird nach und nach innerer Kern des seelischen Gefüges - inmitten der Individualität mit ihren Eigenheiten. Die Präsenz hat dadurch immer ein persönliches Gepräge, ist aber selbst nicht aus der Persönlichkeit geboren, ist kein „Geschöpf“, sondern wird als das Leben selbst erfahren, als sich selbst schöpfender Quell.

Es gelingt immer nur mehr oder weniger, ganz in diese Lebendigkeit hinein zu gehen. Es ist stets ein kreativer Akt, dem man immer nur in Aspekten genügt. Zugleich ist es - ohne im geringsten konventionell zu sein- ein moralisches Erleben, ein Empfinden, das in der völligen Hingabe zugleich von einer Vernunft und Reinheit, und von einer essentiellen Nicht- Selbstbezüglichkeit getragen wird.

Der „Logosfunken“ entzündet sich in immer neuen Anläufen, und durchglimmt das Nur- Persönliche immer wieder in einem Anfang. Dieser bedarf keines bestimmten Ortes, keiner bestimmten Stunde mehr - er leuchtet im Alltag auf und enthüllt dessen unerschöpfliche Schönheiten. Auch die Natur beginnt zu sprechen. Die „Reiche der Himmel“ sind nichts Fernes, sondern entfalten sich in den Details der Wahrnehmung. Die Kluft zwischen äußerem Dasein und innerem Leben schrumpft, und in jedem Sprung über den Abgrund wird das Glück dieses Anfangens erfahren.
blog comments powered by Disqus