Spirituelle Raubzüge oder organisches Wachstum | EgoBlog | Die Egoisten

Spirituelle Raubzüge oder organisches Wachstum


A.H. Almaas ist in vieler Hinsicht ein interessanter Mittler zwischen den geistigen Welten und Kulturen. Er beweist das - z.B. in „Essenz", Arbor Verlag 1997-, nicht nur durch den Einbezug islamischer, hinduistischer und buddhistischer Literatur, nicht nur durch die Einbettung in Entwicklungspsychologie und Psychoanalyse, sondern auch durch eine profunde praktische Kenntnis meditativer Richtungen.

Sein zentraler Begriff der Essenz ist, nicht nur durch dieses Buch belegt, ein Hinweis auf eine menschliche Grunderfahrung, die zum Kernpunkt transzendenter Selbsterfahrung führen möchte. Die Realisierung dieser Entelechie- Erfahrung ist ein fortdauernder Prozess, der, wie er in einem öffentlichen Gespräch äußerte, möglicherweise nicht in einem einzelnen Leben abzuhandeln sein kann. In „Essenz" warnt er vor kurz gegriffenen Freisetzungen von Energien auf der Chakren- und Kundalini- Ebene, wie sie durch manche fernöstliche Methoden offenbar möglich sind, da dies eine „süchtig machende Qualität der Chakren-Dimension" (S. 42) hervor ruft, die sich für Leute eignen mag, die eben schlechthin „nach hohen Erregungsniveaus süchtig sind". Menschen, die den Kick suchen, übertragen diese Haltung auch auf spirituelle Suche, weil sie sich andere Erfahrungen nicht vorstellen können.
Diese Erleuchtungs- Erfahrungen - kaum vorstellbar ohne Anlehnung an einen abhängig machenden Guru - öffnen zwar die Tore des Herz- Chakras, wenn es gut geht, aber eben auf eine sensationelle Art, in der es „schön, bunt und faszinierend" zugeht. Der „Wächter" der Kundalini-Schlange wird gleichsam überwältigt, „überwunden und beseitigt", der Hüter der Schwelle ausgetrickst.

Aber das hat den Preis (neben den damit verbundenen inneren und äußeren Abhängigkeiten), dass der auf hohem energetischen Niveau voran Getriebene gebannt wird und bleibt von der Intensität der Erfahrungen „am Tor zum Universum":
"Das Tor ist zwar offen, aber das Tor ist nicht das essentielle Universum."

Der andere Weg sieht eine allmähliche Entwicklung fern von jeder treibenden Dynamik vor. Auch auf diesem Weg kann man, aber eher als Nebeneffekt, "in die tiefere und feinstofflichere Präsenz im Herzen" (S. 43) schauen. Die Chakra- Ebene ist aber nicht das Ziel, sondern ein Ergebnis zunehmender Reife. Fokussierung und kontrollierte, eigenständige Entwicklung führen zu einer allmählichen Enthüllung der existentiellen Essenz im Menschen, so dass „die Erfahrung des sich öffnenden Herzens Wirkung eines Kontaktes mit Essenz im Herzen ist."
Nur so kann man den "essentiellen Bereich in seiner Reinheit" erfahren, ohne die „verdünnende Gegenwart von Emotionen".
Nur auf diese Art erfährt man das Herz- Zentrum ohne „Erregung, Glanz und Drama“ in seiner wirklichen Natur, die zutiefst „mit der Erfahrung des Mitgefühls verbunden" (S. 44) ist. Man ist inmitten einer „sehr klaren, friedlichen und stillen Leere", jenseits gedanklicher oder emotionaler Inhalte. Dann kann inmitten der Leere die Gegenwart „einer sehr feinen und feinstofflichen Präsenz“ aufscheinen, verbunden mit der Qualität einer "liebevollen Güte". Hier lebt etwas, was verglichen werden kann mit einem „Gefühl von Wärme, Zartheit und jungfräulicher Frische", mit einem „Leuchten". Diese Art des Erwachens in der zurückhaltenden, gereiften Stille ist diametral verschieden von den mit hoher Frequenz erzeugten Erleuchtungs- Raubzügen, die Almaas als "Entladungsprozess“ bezeichnet, der letztlich illusionär bleibt und Wege eher verstellt als notwendige Reifung vermittelt.

Letztlich bleibt die Frage, ob man sich blenden lässt von herbei gerufenen illusionären und fragmentarischen Methoden, die allerdings sensationelle Effekte zeitigen.
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