Ich kam mit Herrn Prokofieff nur bis Seite 21 | EgoBlog | Die Egoisten

Ich kam mit Herrn Prokofieff nur bis Seite 21

Im neuen Jahr wollte ich mich benehmen. Wirklich, es sollte still und beschaulich sein, so wie sich Anthroposophen lehrreiches Beisammensein und soziales Wirken, Studium der „Geisteswissenschaft“ usw meist vorstellen: Konfliktfrei und duldsam, leise und zurück haltend, und wenn einem das Fell über die Ohren gezogen wird, dann verbucht man das gefälligst als Lehrstunden fürs Karma. Aber in meinem Fall, leider, sehen die karmischen Perspektiven nicht gut aus.

Ich lese ja, um mein bisheriges Urteil eventuell zu revidieren, immerhin bestimmte Autoren, die ich besonders hohl, blöd oder nichtssagend fand, regelmäßig neu. Etwas heraus picken, ein Buch, einen Aufsatz und sich selbst auf Wohlwollend- Neutral stellen. So zumindest die gute Absicht. Und so nahm ich mir Sergej O. Prokofieffs "Die okkulte Bedeutung des Verzeihens" - ein bemerkenswertes Thema - wieder vor. Und siehe, schon auf Seite 21 liege ich da wie ein gestrandeter Wal. Hätte sich Prokofieff bislang darauf beschränkt, kunstvoll Zeile für Zeile des Vaterunsers mit den anthroposophischen Vorstellungen von sieben Kulturepochen zu verflechten (was hübsch anzusehen ist, aber auch beliebig wirkt), so geht es dort, wo ich bislang gestrandet bin, um das Eingemachte, nämlich um Christus, dem Herr Prokofieff offenbar irgendwie nahe steht:

"So ist (...) der Hauptunterschied zwischen den "Knechten" des Christus und seinen "Freunden", daß erstere auch heute noch von den ihnen von außen gegebenen "Gesetzen" und "Geboten" geleitet werden, während für die zweiten vor allem ihr Wissen davon charakteristisch ist, was der Christus in jeder Epoche der Erdenentwicklung von uns erwartet, und das bedeutet heute, in der gegenwärtigen fünften nachatlantischen Kulturepoche." („Wissen“ im Original kursiv gesetzt)

Woher, zum Teufel, weiß Herr Prokofieff davon, was Christus denkt, fühlt oder gar "von uns erwartet"? Christus, der, der nicht ganz zufällig am Kreuz gestorben ist, ist nun nicht gerade der Prototyp dessen, der irgend etwas erwartet. Er ist kein Feldherr, der zum letzten Gefecht aufruft, kein Rächer und kein Richter. Ganz im Gegenteil. Er ist die Verwirklichung der Barmherzigkeit, selbst gegenüber geisteswissenschaftlichen Überfliegern. Er erwartet nichts, das macht ihn gerade aus. Also von wem Herr Prokofieff da eigentlich spricht, weiß ich leider nicht. Es ist aber wohl nicht Der, den ich meine.

Und dann weiter im Text. Ja ja, die Knechte sind immer die Anderen. Die Nullitäten. Die aus der Evolution Fallenden. Wir, wir sind die Freunde des Herrn, wir stehen ihm nahe, und vor allem, meint Herr Prokofieff, wegen unseres kursiv geschriebenen „Wissens".
Wissen? Im Sinne von enzyklopädischem Okkultismus? Im Sammelbottich der frömmelnden Gelehrsamkeit? Wie viele evangelische Pastoren haben sich schon vorgemacht, dass Wissen (und Predigen) einen in dem Himmel bringt? Wie viele brave Anthroposophen lesen Steiner en gros, um durch das krampfhafte Steiner- Lesen irgendwie an dessen Genie zu partizipieren? Jeder einfache buddhistische Pilger würde sich ausschütten vor Lachen. Dieses exquisite angebliche oder tatsächliche "Wissen" ist doch eine Anmaßung, eine sich selbst fühlende und alles Greifbare verzehrende Larve. Die behauptete Nähe - im Sinne einer Gleichberechtigung im Verhältnis zu Christus- genießt die schöne Wärme, die sie selbst erzeugt. Nein, ich denke nicht, dass man durch Wissen allein Freunde gewinnt. Ich denke auch nicht, dass man durch angehäuftes esoterische Informationen irgendeine innere Wandlung erfährt- eher im Gegenteil. Das schlichte kombinatorische Denken, das Herr Prokofieff bis Seite 21 praktiziert, genügt sich zwar selbst, gefällt sich und beklatscht sich. Es ist, mit anderen Worten, eine Seuche. Man möchte Christus vor dem Zugriff dieser Art von "Wissenden" am liebsten in Schutz nehmen, vor diesem strohdürrem Zeug. Aber gut, es ist, da Herr Prokofieff im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft vorsteht, ja nicht etwas Exotisches, was er vertritt. Es ist eine offizielle Nullität.

Und wir, wir werden mutig sein. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber irgendwann werden wir es wagen und weiter lesen, über Seite 21 hinaus.
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