Das Pfingsterleben in der Belebung des Geistselbst | EgoBlog | Die Egoisten

Das Pfingsterleben in der Belebung des Geistselbst

Man kann sich der anthroposophischen Begrifflichkeit leider nur mit Mühen, einigem Studium und dem Versuch der aktiven inneren Nachvollziehbarkeit annähern. Im Zentrum mancher langwieriger Überlegungen steht vermutlich der Fachbegriff Bewusstseinsseele, der eben das typische und reife Bewusstsein der Menschheit heute über alle Grenzen hinweg beschreiben will. Er charakterisiert einen Zustand der Möglichkeit, von sich selbst weitgehend abzusehen und das eigene Leben sehr weitgehend analytisch anzusehen- alles, was an einem selbst Vergangenheitscharakter hat oder mechanisiert ist.
Dazu gehören biografische Abläufe, emotionale Gestimmtheiten, Bedürftigkeit, Anhaftungen, Neigungen, suchtartige Mechanismen, gedankliche Reflexe, typische Reaktionsmuster, Ängste usw. Die Verästelungen eines gesamten Ich- Konstruktes können einerseits nahezu objektiv mit psychologischem Rüstzeug betrachtet werden, ohne sie allerdings im Einzelnen auch beeinflussen und ändern zu können. Denn dieses Ich wird korrumpiert nicht nur durch die Wucht der emotionalen Reflexe, sondern auch durch die Mechanik der - ein weiterer Fachbegriff - Verstandesseele, die, in ihrer rationalen Ausprägung, stets den Vorteil in den Gegebenheiten sucht, stets im Dienst der Egoität einen Weg aus den ungelösten Dilemmata anstrebt. Daran muss nichts Falsches sein. Nur zu häufig führen die Leitung durch den Egoismus in einer globalisierten und vernetzten Gesellschaft zu allenfalls kurzfristigen Lösungen.

Gleichzeitig ist in der Qualität des Zeugen- des aktiven Betrachters der Bewusstseinsseele, der das Da- Seiende aktiv anschaut - eine Instanz vorhanden, die auch die raffiniertesten Winkelzüge der Egoität (die sich so häufig in Gutmenschentum kleidet) anschauen kann, die, wenn sie sich ihrer selbst gewahr wird, eine Position innehaben kann, die von einem rein menschlichen, über- individuellen Standpunkt aus auf das innere und äußere Drama zu schauen in der Lage ist. Wird diese Präsenz meditativ gestärkt - über das bloße Moralisieren, Besserwisser oder die Selbstverurteilung hinaus- entstehen zumindest zeitweilig innere Freiräume. Die gedankliche Vertiefung - etwa über die Arbeit an den Chakras- führt zu einer inneren Beweglichkeit, die durch die ausgehaltene Leere hindurch zur geistigen Empfänglichkeit führt, zu einer vollkommen befreiten Offenheit. An dieser Stelle kann das Geistselbst als eine Kraft im Menschen erwachen als geistige Präsenz ohne Verwicklung in die Mechanismen und Scheingefechte der Egoität. Es wird erfahren als reiner Wille - oder als eine gedankliche und emotionale Klarheit, die sich als Kraft auslebt- eine Präsenz, die zugleich über dieses eine irdische Leben hinaus verweist, ein Verstehen, das sich nicht als kurze gedankliche Intuition präsentiert, sondern bestehen bleibt.
In diesem Zusammenhang ist eine sonst rätselhaft bleibende Bemerkung Rudolf Steiners verständlich wie "Die Bewusstseinsseele ist mit der Verstandesseele selbstverständlich innerlich immer vermischt, aber das Geistselbst ist mit der Bewusstseinsseele verbunden nicht vermischt.“*

Das Geistselbst ist als aus sich selbst bestehende geistige Entität nicht korrumpiert, nicht mit den Winkelzügen der Egoität „vermischt“.

An diesem Punkt kann man verschiedene Wege der Betrachtung anschließen. Eine Spur der Betrachtung verfolgt die zunehmende Verselbstständigung und Veräusserlichung alles dessen, was mechanisch am menschlichen Intellekt und an der Emotionalität geworden ist und weiter wird- denn all dies ist zum digitalisierten Inhalt geworden. Das Wissen, Erinnerungen, emotionale Reflexe wandern in einer elektronischen Spiegelwelt aus dem menschlichen Inneren heraus in ein Netz und in Medien, die sich seinerseits verselbständigen und immer weiter entwickeln. Die Auswirkungen des digitalen Doppelgängers ziehen in jeden Winkel des Alltags hinein. Entscheidungen, die wie gedankliche Intuitionen, wie Verstehen aussehen, werden durch pure elektronische Rechenkraft simuliert. Der von sich selbst entkleidete Mensch wird immer mehr auf die Frage geworfen, was an ihm originär menschlich ist. Er, der noch immer im eigenen Drama gefangen ist, kann nur sein Verstehen vertiefen, muss sich seiner selbst als nicht- mechanisiertes Geistselbst bewusst werden, um nicht in den elektronischen Spiegelwelten als passiv bespaßtes Reaktionswesen unter zu gehen.

Eine andere Spur führt nach Rudolf Steiner auf die Entwicklung, die mit dem Pfingstgeschehen zusammen hängt. Denn es gibt in dem Drama, das zugleich die Geburt des autonomen Geistselbst hervor bringen kann, eine Parallelität zum Geschehen auf Golgatha. Die Verleiblichung des Christus in Jesus hatte eine Art kosmischer Vorbildfunktion für das heute im Menschen stattfindende Drama- das Christus- Wesen war ein kosmisches Geistselbst: "Es ist die Voraussetzung , daß man weiß, wie in der allgemeinen Menschheit das Geistselbst, Manas in die Bewusstseinsseele hineinkommt, um zu verstehen wie die Christus-Natur als ein besonderes kosmisches Geistselbst, Manas in die Bewusstseinsseelennatur des Jesus von Nazareth hineinkam. (..) Man kann das, was er sich als einen Begriff ausbildete, so fassen, wie wenn man heute sagte: Es findet keine Vermischung statt (..) zwischen dem Christus, entsprechend dem Manas, und dem Jesus, entsprechend der Bewußtseinsseele und allem, was an niederen Wesensgliedern dazugehört, keine Vermischung, sondern nur eine Verbindung.“* Diese Reinheit der Einweihung ist das Urbild für das, was heute auf menschlicher Ebene in der Erlangung der wirklich menschlichen Würde in der Selbstgewahrwerdung als Geistselbst möglich ist.
Das Christusgeschehen seinerseits hatte Ähnlichkeit mit dem menschlichen Drama, ohnmächtig auf sich als Egoität zu schauen, denn das göttliche Ich ging durch eben dieses Drama selbst hindurch im "Augenblick der höchsten göttlichen Ohnmacht, um jenen Impuls zu gebären, den wir dann als den Christus-Impuls in der weiteren Evolution der Menschheit kennen.“**

Die Erfahrung des Geistselbst heute hat aber noch eine andere, bislang nicht genannte Dimension. Das innere meditative Leben, das auch mit der Imagination des menschlichen Ideals einher geht, erlaubt ja nicht nur den nüchternen und befreiten Blick auf die eigene Gebrochenheit, sondern auch den auf das Mühen und Ringen der Mitmenschen. Die eigenen Rechtfertigungswälle, der andauernde Reflex, das Ego zu stabilisieren und zu verteidigen, bestehen nicht mehr. So ist man in der Lage der Jünger Christi zu Pfingsten: "Dennoch trat der Zeitpunkt ein, wo es den Aposteln so vorkam, als ob sie eine lange, tagelang dauernde Zeit verlebt hätten wie in einem traumerfüllten Schlafe, aus dem sie nun mit diesem Pfingstereignis erwachten. Schon dieses Erwachen fühlten sie, wie wenn aus dem Weltenall niedergestiegen wäre auf sie etwas, was man nur nennen könnte die Substanz der allwaltenden Liebe. Und den anderen Menschen, die sie beobachten konnten, wie sie nun sprachen, kamen sie ganz fremdartig vor. Jetzt kamen sie den Leuten wie verwandelt vor: wie Menschen, die in der Tat erlangt hatten eine ganz neue Verfassung, eine ganz neue Stimmung der Seele, wie Menschen, die alle Engigkeit des Lebens, alle Eigensüchtigkeit des Lebens verloren hatten, die ein unendlich weites Herz, eine umfassende Toleranz im Inneren gewonnen hatten, ein tiefes Herzensverständnis für alles, was menschlich auf der Erde ist, die sich so ausdrücken konnten, daß jeder, der da war, sie verstand. Man empfand gleichsam, daß sie in eines jeden Herz und Seele schauen konnten und aus dem tiefsten Inneren heraus Geheimnisse der Seele errieten, so daß sie einen jeden trösten konnten, dasjenige sagen konnten, was er gerade brauchte.“***



*Rudolf Steiner, 165, Seite 212f
**Rudolf Steiner, 148, Seite 54
***Rudolf Steiner, 148, Seite 23ff
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