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Paul Valéry: Das Denken jenseits der Sprachkonvention

„Aber schauen wir ein bisschen näher zu; schauen wir in uns selber. Sobald unser Denken dazu neigt, in die Tiefe zu gehen, das heißt seinem Gegenstand näher zu kommen, in dem Bestreben, auf die Dinge selber einzuwirken (sofern es sich auf Dinge richtet) und nicht mehr bloß auf irgendwelche Zeichen, die nur eine oberflächliche Vorstellung von Sachen vermitteln, sobald wir dieses Denken leben, spüren wir, wie es sich von jeder Sprachkonvention ablöst. Wie dicht auch die Sprache mit unserer lebenden Anwesenheit verwoben sein mag, wie dicht beieinander ihre Treffchancen liegen mögen, wie geschult unser sprachliches Vermögen sein mag, wie fertig in der Bedienung dieses vorliegenden Systems und wie rasch zur Stelle: so können wir es doch durch einen Willensakt, durch eine Art Vergrößerung oder eine Art Beschleunigung der Dauer von unserem in Bereitschaft liegenden geistigen Leben abhalten. Wir fühlen, dass uns die Worte mangeln, und wir sind uns bewusst, dass kein Grund dafür spricht, dass welche da sind, um uns zu antworten... das heißt: um für uns einzutreten, denn die Macht der Worte (und daraus entspringt ihr Nutzen) besteht darin, dass sie uns wieder in die Nachbarschaft schon erlebter Zustände bringen, dass sie die Wiederholung regulieren oder stiften - wie aber, wenn wir auf einmal in jenes geistige Leben einmünden, das sich nie wiederholt? Vielleicht heißt eben dies tief denken, was nicht soviel heißt wie: nützlicher, exakter, vollständiger denken als gewöhnlich; sondern was heißt: ins Weite denken, so weitab wie möglich vom Automatismus des Wortes denken. Dann erleben wir, dass Wortschatz und Grammatik fremdartige Gaben sind: res inter alios actas ([Dinge inmitten anderer Handlungen, Anm.]). Wir werden auf unmittelbare Weise gewahr, dass die Sprache, wie organisch und unentbehrlich sie auch sein mag, in der Welt des Denkens nichts ausrichten kann, wo nichts seine transitive Natur gefangen nimmt. Unser Bewusstsein erkennt in ihr etwas, das von uns unterschieden ist. Unsere Strenge und unsere Leidenschaft stellen uns zu ihr in Gegensatz.

Und doch haben die Philosophen den Versuch unternommen, ihre Sprache auf ihr tiefinneres Leben zu beziehen, - sie neu einzuteilen, sie je nach den Erfordernissen ihrer einsamen Erfahrung leidlich zu vervollständigen, um aus ihr ein noch subtileres, noch sichereres Mittel sowohl des Erkennens als auch des Wiedererkennens ihrer Erkenntnis zu machen. Man könnte sich unter der Philosophie die Haltung, die Erwartung, die Nötigung vorstellen, vermittels derer ein Mensch manchmal in die Lage kommt, sein Leben zu denken oder sein Denken zu leben, in einer Art Gleichwertigkeit, oder einem reversiblen Zustand, zwischen dem Sein und dem Erkennen, sodass bei dem Bestreben, jeden konventionellen Ausdruck fern zu halten, sich ein Vorgefühl einstellt, wie etwas sich ordnet und zu erhellen beginnt: eine Zusammenfügung, um vieles kostbarer als alle anderen, aus jenem Wirklichen, das dieser Mensch in sich selber aufsteigen fühlt, und jenem, dessen bereiter Empfänger er ist.“

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Paul Valéry, „Leonardo da Vinci“
(Mit Dank an Ingrid)
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