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Die "öffentliche Meinung"

Rudolf Steiner hat sich 1913 - also im propagandistischen Vorfeld eines Weltkrieges - keineswegs überraschend gegen eine "öffentliche Meinung" schlechthin gewandt und sie als Hindernis auf dem Weg zu jeglicher Individuation bezeichnet- es sei "das Uniformierende" der öffentlichen Meinung, was das eigentliche Problem darstelle. Er sagt z.B. "Daher muss die Entwickelung immer mehr und mehr in das Innere eingreifen; so dass der Mensch in der Zukunft viel mehr einer öffentlichen Meinung gegenüberstehen wird, aber sein Inneres wird stärker geworden sein." (GA 141, u.a. s.S. 131)

Was ist aber "das Innere" im hier gemeinten Sinn? Es ist die Instanz in uns, die sich allen Meinungen und Impulse entziehen, quasi über ihnen wie ein Raubvogel kreisend schweben kann, und dann gerade aus den Gegensätzen heraus, aus Widersprüchen und widrigen inneren Antrieben und äußeren Hemmnissen intuitiv entscheidet. Wir sind so korrupt, so schnell zu faszinieren, dass "das Innere" und damit jede Freiheit des Denkens erst heraus zu bilden ist. Natürlich gibt es einen sozialen Druck, der von vielen Peergroups ausgeht, denen man angehört. Es bildet sich ein Ton, eine bestimmte Art von Vokabular z.B. je nach Beruf, Status und sozialer Herkunft aus, selbstverständlich. Wenn sie so nah an uns heran rückt - und sei es durch die eigenen Kinder, die Medienkompetenz und soziale Bindungen in ganz neuen Formen ausbilden wollen- ist es schwer, der "öffentlichen Meinung" zu widerstehen.

Nun waren und sind die Medien -Bücher, Zeitschriften, Fernsehen und das, was man mal als Radio kannte, geschweige denn vom Wissens- und Kommunikationsmedium Internet - Steiner nur zum Teil bekannt gewesen. Die mediale Welt kennt neuerdings ständig neue Erscheinungsformen- sie erfinden sich praktisch ständig neu. Medienkompetenz- d.h. der kritische Umgang mit Informationen - ist in der Fülle der Meldungen jeder Art längst zur schulischen Kernkompetenz geworden.

Die Medienlandschaft wird einerseits - wie etwa durch die US- Administration zur Begründung des Irak- Krieges- durch gezielte Lügen und Gerüchte ständig manipuliert, andererseits ist das freie Internet nicht nur für Diktatoren, korrupte Politiker und scheinbar allmächtige Weltkonzerne zum Schrecken geworden. Durch die zugleich globalere und individuellere Informationsverbreitung wird der einen "öffentlichen Meinung" das Genick gebrochen- unvermittelt schlägt aus der individualisierten Öffentlichkeit ein Echo zurück, das schwer kalkulierbar ist.

Aber in der Vielfalt der Meinungen, in dem vielstimmigen Chor, zu dem die "öffentliche Meinung" geworden ist, gilt es, sich zu integrieren, eine Form der Online- Identität zu finden. In der Zukunft wird sich die Teilhabe an der vollen Vielfalt des Individuums zum globalen Grundrecht entwickeln. Schon heute gehört es in Deutschland -als DSL- Anschluss - zum Standard der sozialen Grundleistungen wie Strom und Wasser. Wir können uns eine Nische suchen und uns davor verstecken- oder aber Mitgestalten, in welcher Form auch immer, an dieser virtuellen sozialen Plastik.

So weit man der Vielfalt der Meinungen folgen mag, braucht es auch Phasen weniger der Erholung als des ruhigen Überschauens. Es gibt einen Punkt, an dem das Subjekt sich im Strom des Verstehens selbst ergreift als das Verstehen selbst. Hier, im Inneren, das durch die Stille in einen Strom von Kraft mündet, im kristallenen, unkörperlichen Licht, erfrischen sich die Bildner, Ordner und Entscheider. Hier, in der klaren Höhe des ruhigen Vogelflugs, kommen die Meinungen wieder auf uns zu, wie Orte, die man betreten, anschauen und wieder verlassen kann; auch die eigenen Meinungen. Von hier aus kehrt man, innerlich gerüstet, in den Kanon der Meinungen zurück. Man überblickt sie wie eine Landschaft. Man ahnt, wie man sich einen Weg bahnen könnte. "Das Innere" ist "stärker geworden."
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