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Die Nutzlosigkeit der Gegenwärtigkeit

Unter "Nutzlosigkeit" zitiert Kühlewind in unserem Meditationsbuch "Licht und Leere" (Verlag Freies Geistesleben) Zoketsu Norman Fisher:

"Zazen ist grundsätzlich eine nutzlose und witzlose Betätigung. Man widmet sich dem Zazen nicht, weil es irgendwie hilft oder friedvoll ist oder interessant, oder weil Buddha einem sagt, man solle es tun - wiewohl wir uns vorstellen mögen, es sei hilfreich, friedvoll oder interessant-, sondern einfach weil man sich ihm widmet. Du tust es eben, weil du es tust… Auch ist es keine Frage des Wollens oder Nicht- Wollens. Zazen geschieht um des Zazen willen. Vögel singen, Fische schwimmen, und wer sich dem Zazen widmet, übt Zazen jederzeit mit Hingabe, obwohl es keinerlei Notwendigkeit dafür gibt."

Das ist eine Haltung, die ich schon beim bloßen Lesen erholsam finde. Ich kann mir z.B. keine andere Haltung vorstellen, mit der man unbefangen, unangestrengt, durch die Natur gehen könnte, um auf sanfte Art und Weise den Dualismus im Wahrnehmen zu überwinden. Man kann sich ihr gar nicht anders annähern. "Konzentration" und "Fokussierung" müssen quasi in Fleisch und Blut übergegangen sein- durchsichtig geworden. Man konzentriert sich und fokussiert sich nicht mehr im Sinne eines Willensakts, sondern der Wille ist einfach da, ist bereit, ist ein Teil des schwingenden, unsichtbaren Leibes, der einen durchdringt. Irgendwann ist eine Spur des lichten Leibes stetig im Rücken da, schwingt mit, geht auf und zieht sich wieder zusammen. Man kann präzise sein, ohne sich dabei zu verkrampfen.
Natürlich ist das auch eine Denk- Kraft, jedoch in einem transzendierten Sinn: Der Lichtkörper ist auch der Willensleib, und man lebt darin. Nur so ist es möglich, das Gesamte der Erscheinung eines Augenblicks in der Natur mit zu leben, mit zu erleben. Nur so - aus meiner Perspektive- gelingt es gelegentlich, dass der Augenblick sprechend wird. Dann quellen aus den Erscheinungen heraus Empfindungen und Einsichten. Die Blüten, die Wolkenformen, der Wind tragen immanente Empfindungen an das innere Ohr. Das ist in der Tat sinnlos und witzlos, weil es einfach ein Mitgehen mit dem ist, was ist. Es ist voller Freude, das gewiss. Und es ist voller Hingabe, das auch.

Aber es ist meilenweit entfernt von dem, was z.B. die Erleuchtungssucher erwarten. Ich habe wirklich keine Ahnung, ob was und wann was "erleuchtet" sein mag, und es ist mir auch völlig egal. Das Wichtigste ist, real zu sein, präsent und wach. Es mag da Fortschritte oder ein Weiterkommen geben, aber der Gedanke daran würde den Willen korrumpieren und schon die Präsenz zerstören. Diese Erleuchtungs- Kategorien haben mehr etwas mit amerikanischen und asiatischen Werbestrategien zu tun als mit dem, was jetzt ist. Es ist für mich mehr das RTL- Programm als Realität.

Anders bei den wenigen Anthroposophen - etwa Mieke Mosmuller-, die offensichtlich tatsächlich Erfahrungen solcher Art macht, aber ihnen immer schwindelerregende Zuordnungsbegrifflichkeiten (Erzengel, Sophienerscheinung..) hinterher schiebt, die das Ganze anthroposophieren, glorifizieren, kontextualisieren, kategorisieren. Es schnappt dann bei ihr zu, wird reich an Begrifflichkeit und Großartigkeit, aber zugleich arm an Erfahrung, Konsequenz, Genauigkeit.

Ob Erleuchtungssucher oder Sich-Selbst-Heiligende, es schnappt fast immer die Falle zu, dass es gewaltig, wichtig, einzigartig sein muss. Verloren wird der Augenblick, die Präzision, die Tatsächlichkeit, die Unangestrengtheit. Deshalb noch einmal ein Loblied auf Fisher: "Vögel singen, Fische schwimmen, und wer sich dem Zazen widmet, übt Zazen jederzeit mit Hingabe, obwohl es keinerlei Notwendigkeit dafür gibt."
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