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Nogaret und die Vernichtung der Templer

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Krück von Poturzyn hatte schon in einem 1963 im Verlag Freies Geistesleben erschienen Buches („Der Prozess gegen die Templer“), auf die Persönlichkeit Nogarets aufmerksam gemacht, der hoch gebildete, als Vorgriff auf spätere Jahrhunderte gefürchtete Jurist Philipps IV. („des Schönen“), der selbst ermordeten Katharereltern entstammte, und in seinem durchdringenden Hass auch gern persönlich folterte, mordete und intrigierte. Man darf vermuten, dass diese hoch gebildeten Mitarbeiter Philipps, mit denen er dem französischen Staat, seinen Finanzen, juristischen und bildungspolitischen Institutionen Formen gab, die als Modell für „Staatsapparate“ schlechthin bis in die neueste Zeitgeschichte erhielten blieben, eine ähnliche Verfrühung in die kulturelle Entwicklung brachten wie 700 Jahre zuvor die Akademie von Gondishapur. Nogaret war bereits vor der damals einmaligen konzertierten Aktion zur Vernichtung des Templerordens von Anfang an für Philipps Machenschaften prädestiniert:

Zu Papst Bonifaz wurde schließlich der ehemalige Professor der Rechtskunde, Wilhelm Nogaret, geschickt, weil der Papst in demselben Dom zu Anagni, wo einst Friedrich Barbarossa und der Zweite Friedrich gebannt worden waren, den französischen König absetzen und den Franzosen einen Deutschen zum König geben wollte. Nogaret war ein seltsamer Mensch, der Sohn von Katharer- Eltern, ein hagerer Mann mit kühnem, furchterregendem Gesicht; dem fanatischen Eifer um seinen König schien ein abgrundtiefer Kirchenhass zugrunde zu liegen. Nogaret drang in des Papstes Schlafzimmer ein, misshandelte den alten Mann, setzte ihn gefangen, soll ihn außerdem beraubt haben und nannte die Tat höhnisch „die Erledigung eines Geschäftes Christi“. Es blieb kein Geheimnis, dass der 84jährige Bonifaz an den Folgen dieses Attentats starb, auch hieß es, dass seinem wesentlich milderen Nachfolger, der nach siebenmonatiger Amtszeit erlag, auf Nogarets Anstiften vergiftete Feigen serviert worden seien. Trotz allem prozessierte Philipp noch acht weitere Jahre gegen den toten Bonifaz.“ (Poturzyn, S. 16)

Philipp war neben seinen staatsmännischen Fähigkeiten, seinen mörderischen Intentionen, seiner Goldgier und seinem visionären Weitblick im privaten Umfeld aus seinem „Gottesgnadentum“ (sein Selbstbild) heraus auch magisch tätig; so heilte er „kranke Drüsen durch Auflegen der Hand.“ (dito) Philipp und sein Staatsapparat waren auch als erste in der Lage, Kampagnen (etwa um Gerüchte gegen die Templer in die Welt zu setzen) im Sinne eines Pressebüros zu unterhalten und damit gezielt Interessen durch Manipulation der Meinungsbildung durchzusetzen: „Philipp begünstigte lediglich die Pamphletisten, die das schreiben mussten, was unters Volk kommen sollte.“ (Poturzyn, S. 17). Philipp unterhielt einen Public- Relations- Manager, Dubois, der zum richtigen Zeitpunkte zu seinen Einsätzen kam: „Pierre Dubois und wer immer von den Schreibern zu Gebote stand- die meisten allerdings hielten zu den Templern-, mussten durch Flugblätter Gerüchte verbreiten, im Laufe der Zeit würden sich Gläubige finden. Im königstreuen Kloster Saint-Denis hieß es bereits, die Templer, kraft ihrer Gelübde zur Keuschheit verpflichtet, würden Kinder verbrennen, die zu ihrer Schande geboren waren und danach die Asche in ihre Getränke mischen. Mochten sie schwätzen, was immer ihnen einfiel, man würde alles sammeln, aufschreiben und verbreiten lassen, denn Philipp war der König, der etwas wie ein Pressebüro erfand, bevor es eine Presse gab, und dessen rüstigste Feder führte Pierre Dubois, der Advokat.“ (Poturzyn, S. 35f)
Da die Päpste Philipps weit gesteckten Zielen, einen Nationalstaat, ja einen „übernationalen Staatenbund katholischer Fürsten unter dem Vorsitz des Königs von Frankreich“ (Poturzyn, S. 18) zu begründen, widerstanden, setzte er einfach selbst einen, der ihm genehm war, ein: Den schwachen, aber ehrgeizigen Bertrand de Got. Unter den Bedingungen, die Philipp diesem vor Amtseinsetzung abverlangte, war eine sechste, die zunächst nicht formuliert war: Dies war die von Anfang an bestehende Absicht Philipps, den Templerorden zu zerstören.

Hier kam nun wieder Nogaret zum Einsatz, von dem es „hieß, er hege persönlichen Groll gegen den Orden, weil sein Vater einst von ihm abgewiesen worden sei.“ (Poturzyn, S. 36) Nogaret fand einen von den Templern verjagten Mörder (an einem Ordensoberen) und Denunzianten, der von Philipp begnadigt werden würde, wenn er angebliche Gräuel der Templer gestand. Es war ein Insider nötig, um bestimmte Aspekte der Einweihungsrituale der Templer so zu deformieren, dass nicht nur Anklagepunkte daraus gemacht werden konnten, sondern auch die Absicht Philipps, die Initiation selbst zu missbrauchen, möglich wurde. Philipp instruierte den Inquisitor von Paris, Wilhelm von Paris, verschwiegen weitere solcher Denunziationen zu sammeln. Die eigentliche siebenwöchige Verhaftungswelle rollte am 24. August 1307 an. Am 13. September wehrte sich der Erzbischof von Narbonne, Gilles Aicelin, den Befehl umzusetzen, und wurde prompt abgesetzt und durch Nogaret ersetzt. „Nogaret selbst, der bei Fackelschein im Namen des Königs mit einem starken Kontingent Fußsoldaten im Pimple begehrte, verhaftete Molay.“ (Poturzyn, S. 54) Die ganze konzertierte Aktion mit ihren propagandistischen Begleitumständen, den Schauprozessen, der elenden Folter, usw. zeigt auch, dass Philipp nicht nur als weitsichtiger, geradezu inspirierter Staatsmann handelte, sondern den Staatsterror stalinistischer und nationalsozialistischer Machart 700 Jahre vorher in großem Maßstab vorwegnahm. Der gelernte Jurist Nogaret war eine dieser dunklen Gestalten, die den Diktatoren stets bereit stehen.

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Die Spur von Nogaret kann durch eine online verfügbare Biografie vertieft werden, auch wenn diese aus dem Jahr 1897 stammt und eindeutig Stellung gegen die Templer bezieht. Ansonsten habe ich begonnen, historische Dokumente und Bilder von den Templern, aber auch Schriftstücke Philipps auf einer Pinterest- Seite zu sammeln, die bei Bedarf und Gelegenheit erweitert werden wird.

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