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Michael Eggert: Neunzig

Was macht man in so einem Fall den ganzen Tag? Dass er auf die Neunzig zuging, tat nichts zur Sache, erleichterte es vielleicht sogar, da selbst die einfachen Handreichungen einiger Vor- und Nachbereitung bedurften, wohl überlegt sein mussten, schon allein wegen der Sturzgefahr.

Es gab Zeiten, in denen er einen Beruf ausgeübt hatte, verheiratet gewesen war und täglich betrunken gewesen war. Das hatte ihn, von außen betrachtet, alles gleichermaßen in Beschlag genommen. Aber die berufliche Arbeit war seit dreissig Jahren beendet, er war seit zwanzig Jahren Witwer und hatte, das Alter im Auge, vor zwölf Jahren abrupt mit dem Alkohol aufgehört. Er kochte nicht, las keine Bücher und Zeitschriften, arbeitete nie in seinem großen Garten und hatte keinerlei erkennbare Interessen. Früher hatte er gern und laut politisch räsoniert und dabei vor allem im Auge gehabt, Recht zu behalten oder zumindest das letzte Wort, aber die Politiker, deren Gesichter ihm vertraut, deren Gesichter, Tonfall, Gestik und Erscheinung die seiner Generation waren, lebten nicht mehr oder befanden sich längst im Ruhestand: Es interessierte ihn nicht mehr, was die heute diskutierten. Die Probleme, die diese Leute anhäuften, beschäftigten ihn auch nicht mehr, denn er würde das nicht mehr bezahlen müssen, das überließ er gern den Kommenden.

In Gesprächen kam er stets nach wenigen höflichen Worten auf seine Gesundheit zu sprechen. Dass das Alter ein Massaker war, wusste er nur zu gut, und er berichtete gern davon. Die Kurzatmigkeit, die Pigmentflecken auf der Haut, das Haar wie Stroh und der nächtliche Harndrang. Er sprach davon, als sei das alles eine Zumutung, die ihm persönlich angetan wurde, ein Unrecht, gegen das er ständig opponierte.

Lange Tage, endlose Nächte: Was macht einer wie er die ganze Zeit? Bewegte er sein Leben hin und her wie einen Klumpen Ton und versuchte, eine Form darin zu entdecken? War er als Archäologe seiner Tage, Monate und Jahre beschäftigt? Suchte er geheime Spuren im Fels, die vielleicht erklärten, wie es verlaufen war? Spürte er seinen Irrtümern nach? Nein, dazu hatte er kaum die Mittel. Seine Erinnerungen, so weit er sie aussprach, erschienen stets wie ein glatt geschliffener Stein: Ohne jeden Riss, aus einem Guss. Er war sich an keinem erkennbaren Punkt fremd. An Widrigkeiten oder gar Widersprüchlichkeiten konnte er sich nicht erinnern, so wie er überhaupt Widerspruch oder Zweifel nicht duldete. Um sich in seiner Zeit anschauen zu können, muss man sich ein kleines Stück aus seinem biografischen Kontext heraus lösen können, um einen Blick auf diese Landschaft zu haben, die man selbst ist.

Außerdem hatte er keine Zeit. Obwohl sie ihm im Überfluss zur Verfügung zu stehen schien, war Zeit für ihn wie für viele alte Menschen ein knappes Gut. Er führte einen strikten Terminkalender und war inzwischen froh um Tage, an denen keine Termine lauerten wie boshafte Allesfresser. Er mochte keine Löcher im gut abgewogenen, eisernen Rhythmus seiner Tage. Je hinfälliger er körperlich wurde, desto mehr versteifte er sich auf diese Strukturen. Die Zeit hatte Bestand und Verlass, der Rhythmus hatte das Regiment übernommen, Stäbe, Stützen, Rituale. Ihr vertraute er, ihr vertraute er sich an, denn sie allein versprach ihm nicht nur eine Art von persönlicher Signatur, sie war die Spur, die er jetzt zog, sie war die Grundlage seiner verbliebenen Autonomie.

Was macht man in einem solchen Fall den ganzen Tag? Man macht es so wie gestern und - vielleicht- wie morgen.
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