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Netzkinder & Krise der Identität

Ich gehe noch einmal gern auf Piotr Czerskis Internet- und Generationenpamphlet "Wir, die Netzkinder" ein, weil ich es für so grundlegend halte. Es ist ein Pamphlet der jungen Leute, die die Welt, die sie vorfinden, als solche vorfinden, die digital vernetzt ist: "Wir benutzen das Internet nicht, wir leben darin und damit."

Es fällt den Nicht-Piraten, den „Analogen“ und Älteren schwer, allein in der Digitalisierung und Vernetzung einen politischen, weltanschaulichen oder gar emanzipatorischen Ansatz zu erkennen. Für Czerski besteht er sehr wohl:
"In uns steckt nichts mehr von jener aus Scheu geborenen Überzeugung unserer Eltern, dass Amtsdinge von überaus großer Bedeutung und die mit dem Staat zu regelnden Angelegenheiten heilig sind. Diesen Respekt, verwurzelt in der Distanz zwischen dem einsamen Bürger und den majestätischen Höhen, in denen die herrschende Klasse residiert, kaum sichtbar da oben in den Wolken, den haben wir nicht. Unser Verständnis von sozialen Strukturen ist anders als eures: Die Gesellschaft ist ein Netzwerk, keine Hierarchie. Wir sind es gewohnt, das Gespräch mit fast jedem suchen zu dürfen, sei er Journalist, Bürgermeister, Universitätsprofessor oder Popstar, und wir brauchen keine besonderen Qualifikationen, die mit unserem sozialen Status zusammenhängen. Der Erfolg der Interaktion hängt einzig davon ab, ob der Inhalt unserer Botschaft als wichtig und einer Antwort würdig angesehen wird."

Natürlich ist das ein Ideal. In unseren sozialen Systemen, im heutigen systemischen Denken überhaupt finden sich ähnliche Ansätze: Aus "Überprüfungen" innerhalb sozialer Systeme sind "Evaluationen" geworden. Der Gedanke, dass ein systemisches Konstrukt sich selbst fortentwickelt, sowohl zum Wohl der zu Betreuenden wie auch der Mitwirkenden, hat sich längst im Gesundheitssystem, in schulischen und anderen sozialen Verbänden durchgesetzt und wird praktiziert. "Fehler" sind nicht mehr etwas zu Ahndendes, sondern eher ein willkommener Ansatz zur Neujustierung von Zielen und Vereinbarungen. Zumindest wird - auch in Teilen der Wirtschaft - zu großen Teilen so gehandelt; der soziale Netzwerkgedanke setzt sich durch. Die individuelle Kompetenz verrutscht mehr in die Richtung, gut sozial vernetzt zu sein und konstruktiv systemisch zu denken und zu handeln.

Auch das individuelle Scheitern wird einerseits nicht mehr wie früher pathologisiert und mit "Schande" belegt- es wird z.B. im Begriff des Burn-Out zunehmend so verstanden, dass das Individuum im permanenten systemischen Wandel eben nicht mehr mithalten kann- und aus dem Prozess heraus fällt. Noch vor Kurzem war dasselbe Scheitern als "Depression" etwas, was man despektierlich als "Geistesgestörtheit" abqualifizierte. Was heute zählt, ist die persönliche Initiative, um den Entwicklungsprozess der Institution adäquat mit gestalten zu können. So wird "die persönliche Initiative zum Maß der Person" (1). Aber das Aufgehen in einem Entwicklungsprozess - sei er politisch, sozial oder wirtschaftlich - widerspricht unseren Konzepten von "Persönlichkeit". Wir sehen unsere Person als ein statisches Produkt, ein unverrückbares Wesen mit bestimmten Charakteristika, nicht als produktiver Teil einer Netzwerkgesellschaft. Das System sieht das "Persönliche" als "ein normatives Artefakt. Im Gegenteil, "in der Gruppe kann jeder seine eigene Individualität finden- sein "wahres Ich". Die Gruppe bildet die praktische Basis für die Anerkennung des Selbst durch die anderen." (Ehrenberg, S. 160f)

Aber die permanente Initiativfähigkeit des Individuums, der "souveräne Mensch, der sich selbst ähnlich ist (..)" und im Begriff steht, "en masse Wirklichkeit zu werden" (Ehrenberg, S. 155), soll sich keinesfalls - wie früher- selbst verwirklichen, sondern in seinem Tun im Rahmen seiner Netzwerkarbeit. Die frühere Trennung zwischen Arbeit und Freizeit verfällt. Das ist die Ursache des zu beobachtenden völligen Aufgehens von Individuen in der Arbeit, nicht die technischen Helfer wie Smartphone und Laptop, die die Verfügbarkeit rund um die Uhr lediglich realisieren. Es gibt allerlei Probleme: "Das immer schnellere Tempo der Veränderungen zwingt den Menschen, den Anpassungsprozess immer mehr zu beschleunigen. Der Mensch des 20. Jahrhunderts muss sich, um überleben zu können, an eine Gesellschaft anpassen, die sich im permanenten Wandel befindet…" (Ehrenberg, S. 152) Daher wird etwas wie eine Privatsphäre - wie die folgenlosen Diskussionen um Datenkraken wie Google und Facebook zeigen - immer mehr zu einem aussterbenden Konzept. Nicht jeder hält das aus. Daher "entsteht eine wahre Industrie von Beziehungsdienstleistungen mit einer eigenen Sprache (Lebenshilfe), eigenen Technologien (medikamentöse, psychologische), eigenen Berufen (Sexologen, Gruppentherapeuten usw.) und einer eigenen Literatur. Im Strudel der dauernden Verfügbarkeit und Optimierung greift man auch massenhaft zur beziehungs- (Partnersuche per Internet-) und zur sinnstiftenden (spirituellen) Beratung und Unterweisung im Netz. Ein moderner geistiger Lehrer wie Eckhart Tolle (2) gründete deshalb einen eigenen kostenpflichtigen Fernsehkanal im Netz, der auch dieses Bedürfnis abzudecken vorgibt. Ich finde interessant, dass Tolle nicht mehr von "Selbstverwirklichung" spricht, sondern von "Teachings and Tools to Support the Evolution of Human Consciousness". Auch den modernen Gurus geht es um einen Entwicklungsprozess.

Der Glaube an die Bedeutung der Entfaltung einer statischen Persönlichkeit verfällt, aber auch generell "die Opposition von Individuum und Gesellschaft". Das hat auch etwas entlastendes. Zunehmend geht die Vorstellung zurück, "man müsse ein Individuum disziplinieren, um es gesellschaftsfähig zu machen" (Ehrenberg, S155) - die Teilhabe an der Gesellschaft soll sich ja nun aus eigenem Antrieb und Initiative ergeben. Für die, die das nicht, nicht mehr oder nicht ausreichend erreichen, bietet sich die Depression (oder Burn-Out) "als Krankheit des modernen Lebens" (Ehrenberg, S. 183) an.

Die Depression wird zur Schattenseite der Netz- und Optimierungskultur: "Gleichzeitig geht das psychiatrische Denken immer mehr davon aus, dass die grundlegende Störung der Depression psychomotorisch ist: Das fehlerhafte Handeln entthront das gestörte Gemüt. Einen Fehler in Hinsicht auf die Norm zu machen, besteht nun weniger darin, ungehorsam als vielmehr unfähig zum Handeln zu sein. Darin liegt eine andere Auffassung von Individualität." (Ehrenberg, S. 220) Die neuen Modelle von Partizipation und Qualitätsmanagement brauchen nicht den gehorsamen Menschen in seiner ihm zugewiesenen Hierarchie, sondern den erreichbaren, sprungbereiten, verantwortlichen, motivierten und flexiblen Netzwerker. Immer häufiger entwickelt sich das vernetzte Leben für Individuen zu einer "chronischen Identitätskrankheit" (Ehrenberg, S. 252). Dementsprechend wird die nicht mehr tabuisierte und weniger pathologisierte Depression zu einem "Rückzug", der ein Schutzverhalten des Identitätsunsicheren darstellt- ein Schutzverhalten, "das dem Subjekt das Überleben sichert, wenn es nicht mehr kämpfen kann" (Ehrenberg, S. 224).
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1 Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. S. 24
2 www.eckharttolletv.co

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