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Michael Eggert: Narziss

Wenn ich mir Narziss vorstelle, dann als ein zartes Wesen mit feinen Hörnern, die in der Verlängerung nach innen gedreht sind; er ist auf sich bezogen, immer. Zarte, zum Ende fast verschnörkelt wirkende Augenbrauen, eine feine Nase und ein voller Mund; Narziss ist schön. Er ist der, der mit dem Füllhorn durch den Garten geht und Anstösse gibt, dem Dichter den Reim, dem Maler das passende Farbpendant, dem Bildhauer die eine Kurve in der Silhouette, die den Unterschied ausmacht. Narziss- Lucifer ist großzügig und freigiebig, er ist der Herr der Talente und der kleinen und großen Emporen, auf denen sich Künstler, Politiker, Erfolgsmenschen verwirklichen. Oh ja, Narziss ist die Selbstverwirklichung in dem Sinne, wie er es versteht. Er versteht sie stets als schönes Selbstgefühl, als individuelle Brillanz.

Er ist schön, weil wir unser Selbstbild idealisiert nach außen werfen und Menschen begehren, die wie dieses Ideal wirken. Wir suchen - zunächst- nicht das Ideal der Anderen, sondern unser Bild in ihnen. Das, was immer wir dort, im Anderen, zu sehen glauben, trägt die Natur von Narziss- Lucifer - es ist das, was wir als das Schöne begehren, was aber eigentlich ein Abziehbild unseres Selbstbildes ist. Das sind die Hörner, die nach innen gedreht sind.

Auf Narziss- Lucifer ist Verlass. An unseren Träumen halten wir fest bis zum Schluss. Unsere Illusionen sind das Festeste, was wir kennen, unsere Erinnerungen münden an dieser Küste, hier haben wir ein Heim gebaut, das wir „Ich“ nennen.

Die Abkehr vom schönen Selbstbild ist der Bruch mit allem, was wir haben. Und von ihm, der doch schon bei uns war, als die erste Erinnerung erwachte und blieb und als wir erstmals uns selber Ich nannten. Die blitzende Intelligenz, die sich am eigenen Spiegelbild ergötzt. Das schöne, satte Gefühl, unendlich recht zu haben. Alles, was uns stark macht: Illusionen. Auf ihn ist Verlass, aber eben die Sicherheiten, an die wir nur angelehnt sind, erweisen sich an irgend einem Brennpunkt als schöne Seifenblasen. Das Gewicht, das er gibt, unterliegt nicht der Schwerkraft; es zerstiebt wie Antimon, es ist ein Luftkörper, ein Ariel, der nächtens seine Spuren zieht, mit leichtem Federstrich vor dem Indigo der Nacht. Verschnörkelte Augenbrauen, in die Nacht geschrieben: Das ist er.

Wenn Steiner nun vom luziferischen Denken und vom ahrimanischen Wahrnehmen spricht, was meint er? Im Wahrnehmen erfassende wir den Gegenstand unserer Betrachtung wir nicht kontextuell, nicht prozesshaft und nicht systemisch. Der Baum, den wir sehen, wird von uns katalogisiert, diagnostiziert, identifiziert. Wir gleichen ihn mit unserem Erfahrungs- und Wissenskontext ab, und wir stellen fest: er ist DAS. Aber er lebt in Wahrheit nicht allein, sondern als Glied und Produkt einer konkreten Umgebung und eines Mikrokosmos. Er kann sich z.B. gar nicht ernähren, gar nicht Wurzeln fassen ohne ein komplexes symbiotisches Reich der Pilze, die im Stoffwechsel mit dem Baum und seinen Wurzeln unentwirrbar verwachsen sind. Er zeigt dieses Bild, jetzt, ist aber aus was entstanden, wandelt seine Gestalt und wird zu was werden? Der Baum ist nicht dieses eine, gerade momentan Sichtbare, er hat eine Art Biografie, und die ist er. Er wächst auch nur in dieser Wärmezone, in dieser einmaligen Zusammensetzung der Erde, unter diesem Himmel, mit dieser Sonneneinstrahlung. Ja, in den Wurzeln hat er eine Art Empfinden und Wahrnehmung, er kostet im Bauch des Grundes, er schlürft die Erden und Minerale. Und träumt im Wiegen der Blätter im Wind. Nein, der Baum ist nicht nur das DAS dieses Augenblickes, er ist ein komplexes Lebewesen. Und natürlich ist er ein Heim für bestimmte Tierarten, in diesem Augenblick ein eigener Kosmos. Obwohl wir das und noch mehr wissen, sehen wir aber in unserer Wahrnehmung nur eine platte Oberfläche mit einem Begriff darauf: Eine Rekonstruktion, ein Rudiment.

Der narziss- luciferische Gedanke aber hat ellenlange Augenbrauen, die ihn ans Wünschen fesseln. Im Idealfall ist er brillant formuliert, er trifft den Nerv der Sache und ist gut gesagt, aber nicht unbedingt neu. Weißt du, du spricht, aber du siehst den Prozess dabei nicht, das, was in der Gruppe anstossen wird, die Widerstände, die dieser Gedanke, so vorgetragen, hervor locken wird. Dein Gedanke ist eine Totgeburt. Gedanken sind nicht allein, das scheint nur so zu sein, sie sind in einem inneren Kontext und sie stossen in soziale Prozesse vor. Wenn man systemisch denken könnte, würde man fühlen, wohin die Gruppe will, worin der Prozess sich fruchtbar entfalten könnte, hier, an diesem Ort, heute und morgen. Der Gedanke sollte dem Prozess entspringen, nicht umgekehrt. Um ihn zu fassen, musst du frei von Kalkül, Berechnung und Eigennutz sein. Hier beginnt der Freiheitsbereich, jenseits des Narzissmus.
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