Michael Eggert: Nach der Erleuchtung Wäsche waschen | EgoBlog | Die Egoisten

Michael Eggert: Nach der Erleuchtung Wäsche waschen

Jack Kornfields Buch „Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen“ (hier das englischsprachige Original) ist schon deshalb so sympathisch, weil es ehrlich ist. Es bringt den ganzen elenden Erleuchtungs- Hype auf den Boden zurück und fragt quer durch alle möglichen Bewegungen - von Sufis über Himalaya-Gurus bis hin zu christlichen Nonnen- diese danach ab, wie es den Menschen nach und mit etwas wie „Erleuchtung“ (die meisten würden sich schämen, es so zu nennen) denn erging. Zahllose Anekdoten aus all diesen Milieus erheitern manchmal, kommen manchmal besinnlich daher und beleuchten das Buch jedenfalls so sehr, dass es auch mit 350 Seiten sehr gut zu lesen ist. Wenn Kornfeld selbst einer „Richtung“ zuzuordnen ist, dann jeweils einer, die es konkret und alltäglich meint- so etwa wie in folgender Anekdote:
„Als ein Zen- Schüler zu seinem Meister sagte: „Nun fehlen mir nur noch ein paar Details“, rief der Meister aus: „Aber es gibt nur Details.“ (S. 231)

Kornfeld geht es um Achtsamkeit, um „Gegenwärtigkeit“, aber eben auch um die Wahrnehmung und Akzeptanz der eigenen Schattenseiten: „Ja, ein reifes Herz weiß um die Dimension des Egoismus und der Sünde. Aber es ist sich auch der umfassenderen Wirklichkeit des Menschseins bewusst, der ursprünglichen Einheit und grundlegenden Güte, die unsere göttliche Natur, unsere Buddha- Natur ist.“ (S. 206). Illusionärer Perfektionismus oder vorgetäuschte Vollkommenheit werden hier nicht gesucht, denn „das Bewusstsein, das man auf einem Gebiet entwickelt hat, überträgt sich nicht auf andere Lebensbereiche.“ (S. 199) Das führt zu den Widersprüchen, die man überall - auch an spirituellen Orten- erleben muss: „Meditationsmeister, die sich mit außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen auskennen, können auf emotionalem, zwischenmenschlichem Gebiet Schwierigkeiten haben. Fromme, sich für Gott aufopfernde Nonnen oder Mönche können eine problematische, ja selbst Kaputte Beziehung zu ihrer Familie- oder zu ihrem eigenen Körper haben. Und Yogis und Gurus, die über eine unglaubliche Körperbeherrschung verfügen und ihre Atmung und Gedanken unter Kontrolle haben, können blind übernommene Überzeugungen und Meinungen vertreten, die sich negativ auf ihre Anhänger auswirken. Die meisten Mönche, Nonnen, Meditationsmeister und spirituellen Schüler entdecken nach einiger Zeit Lebensbereiche, denen sie bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben. Für viele Lehrer hat die spirituelle Ausbildung selbst zur Vernachlässigung oder Verdrängung ihrer grundlegenden menschlichen Bedürfnisse geführt.“ (S. 199)

Kornfeld hat keinerlei Hemmungen, über die Alltagsprobleme hoch angesehener Yogis zu berichten, wenn auch häufig anonym, die plötzlich trotz aller Erfahrungen in eine existentielle Krise geraten und sich selbst völlig in Frage stellen. Vielen geht es offenbar gerade nach lang anhaltenden und weit gehenden Retreats so. Kaum zurück gekehrt, brechen alte Wunden mit Wucht wieder auf oder es besteht völlige Verwirrung darüber, „wie man seine Spiritualität mit dem beruflichen Alltag verbinden soll.“ (S. 158) Er verbindet das mit netten Geschichten wie das von dem Kloster auf einem Berggipfel, das den „schönsten Buddha in ganz Korea“ anpreist, aber nur einen leeren Altar mit weitem Blick in die Umgebung bietet: „Als er näher herantrat, entdeckte er eine Inschrift auf dem Altar: „Wenn du hier keinen Buddha siehst, geh hinunter und übe noch ein wenig.“

Aber neben diesen eher amüsanten Exkursen bearbeitet Kornfeld auch unangenehme Züge wie den spirituellen Ehrgeiz. Dazu die Geschichte von dem Mönch, der den Meister fragte, wie lange er bis zur Erleuchtung denn bräuchte: Zehn Jahre, ist die antwortet. Und wenn er sich besonders bemühen würde? Dann würde es zwanzig Jahre dauern. Der Adept murrt und beklagt die mangelnde Fairenss. „Wieso doppelt so lang?“. In seinem Fall, antwortet der Meister, würde es dann wohl eher dreissig Jahre dauern.

Wenig glanzvoll erscheinen auch die zahlreichen Geschichten, in denen gerade in Schüler- Lehrer- Verhältnissen Zustände eintreten können und eingetreten sind, in denen es um sexuelle und finanzielle Ausbeutung ging. Das eine oder andere Mal plaudert Kornfield aus dem Nähkästchen und verrät Namen. Bei vielen tibetischen Lamas hat der Missbrauch auch von Kindern sogar Tradition. Kornfield geht aber nicht so weit, das System von Klosterleben, Guruismus, jahrelangem Rückzug in Frage zu stellen. Die Abhängigkeitsverhältnisse in vielen klassischen spirituellen Bewegungen führen offensichtlich häufig zu schwer wiegendem Missbrauch. Kornfield sieht diese Probleme und meldet durchaus Reformbedarf an. Die Systemfrage stellt er aber nicht.
blog comments powered by Disqus