Mysterienkapitel | EgoBlog | Die Egoisten

Mysterienkapitel

In Zeymans van Emmichovens „Wer war Ita Wegman 1925 bis 1943. Band 2“ - ohne hin eine Fundgrube nicht nur für die schmerzhaften Entwicklungsprozesse innerhalb der Anthroposophischen Bewegung -, wird Rudolf Steiner im Zusammenhang mit Mysterienkulten aller Zeiten zitiert (S. 113), wobei es in diesem Zusammenhang vor allem um den Artemiskult von Ephesos geht. Aber ich finde, in diesem Zitat wird ein interessanter Zusammenhang bezüglich der Stufen innerer Entwicklung deutlich, der die heutigen, zeitgenössischen Mysterien der Emanzipation des bislang passiven Denkens beleuchtet:

„In dem Vortrag Die Lehren des Auferstandenen vom 13. April 1922 (GA 211) nennt Steiner diese Stufen „Mysterienkapitel“. Die Grundform aller Liturgie besteht aus den vier Teilen: Verkündigung, Opferung, Transsubstantiation (oder Kanon) und Kommunion. Diese Vierteilung entspricht den vier Bewusstseinszuständen, welche in der anthroposophischen Esoterik gewöhnliches Tagesbewusstsein, imaginatives Bewusstsein, inspiratives Bewusstsein und intuitives Bewusstsein genannt werden“.

Beim Studium der Vorträge fiel van Emmichoven noch auf, dass es bei Steiners Darstellung selbst auch eine Zuordnung zu den Jahresfesten gibt- „Man kann in seinen vielfältigen Schilderungen tatsächlich jeweils eine der vier liturgischen Stufen erkennen, und es ist überraschend zu bemerken, dass er zu Weihnachten 1923 mehr das imaginative Element (also die zweite Stufe, mit Übergängen zur dritten Stufe) hervor hebt, zu Ostern 1924 deutlich den inspirativen Charakter betont und im August vornehmlich das vierte, intuitive Element von Ephesos anschaut.“ (S. 114)

Für uns ist an dieser Stelle hervor zu heben, dass die erste, wesentliche Wandlung des Denkens in der Meditation, die Überwindung des Tagesbewusstseins im Sinne des strategischen und kontextualisierenden Intellekts in die pure Präsenz der Imagination der liturgischen Stufe der Opferung entspricht. Auch bei Massimo Scaligero wird diese Grenze (in: Traktat über das lebende Denken. Ein Weg zur Überwindung der abendländischen Philosophien, des Yoga und des Zen, 1993) charakterisiert. Für ihn ist es vor allem die Überwindung zwischen „Denken“ und „Leben“. Das bislang schwache Ich, das sich nicht aus seiner Identifikation mit dem Denken lösen kann - einem Denken, das vom Körper konditioniert wird-, erlebt im erkrafteten reinen (d.h. gegenstandslosen) Denken ein neues Authentisch- Metaphysisches. Damit wird ein unabhängiges Denken erfahrbar, das dann aus seiner Unabhängigkeit etwas zu machen weiß, wenn sie „auf der ihr eigenen Ebene ihr Wesen - die metaphysische Zeitlosigkeit - verwirklicht“ (S. 20).

Das „Opfer“ im Sinne der Liturgie entspricht also einem Übergang in größtmögliche Aktivität - ein aktives Erhalten des Bewusstseins in einen meditativen Denk- Zustand, der zeit- und raumlos zugleich ist, aber eben auch insofern metaphysisch, dass er transparent für das Wesenhafte wird: „Die Logik des Denkens, das denkt, führt - in vollständiger Erfahrung- zur Intuition der Zeitlosigkeit und Körperlosigkeit des Denkens, d.h. zum lebenden Denken: eine Intuition, die jedoch nur ein Aufblitzen des lebenden Denkens ist, noch nicht sein Sein. Denn sein wirkliches Sein ist der Logos selbst. Von ihm geht es aus, ihm ist es im Verborgenen zugewandt: der immer bereit ist, sich dem Denken zu übergeben und in ihm - mit seiner Kraft, seiner Einheit, seiner ewigen Gegenwart- anwesend zu sein.“ (S. 20)

blog comments powered by Disqus