Michael Eggert: Der Weg zu den Müttern | EgoBlog | Die Egoisten

Michael Eggert: Der Weg zu den Müttern

zeichnung
Manchmal belässt man es einfach dabei, dass man es erwähnt, beim einen oder anderen Namen nennt oder dies zumindest versucht.
Denn es ist schwer, Worte für das zu finden, was ein unterirdischer Strom ist, ein scheinbar weit entferntes emotionales Leben, das vielleicht durch ein zauberisches Naturreich huschen möge, aber nicht durch mein eigenes Empfinden. Etwas, was weit jenseits dessen beheimatet zu sein scheint, was man willentlich einfach veranlassen könnte. Katholisch geprägte Gemüter mögen es kennen, und es irgendwie jenseitig umkleiden. Die Verzückten und die Bußprediger folgten dieser Spur auf ihre Art, simplifizierten und kolorierten es. Die ersten Hippies in Goa beriefen sich darauf. Die meisten Menschen waren ihm sicher schon ein paar Mal im Leben, in besonderen Situationen, nah. Mancher bucht es ab unter den besonderen Momenten, geht aber der Spur nicht weiter nach. Dort, wo das fokussierte Selbst diesem Strom von warmer, vorfrühlingshafter emotionaler Kraft begegnet, geht er in ihm auf und mit. Es liegt nichts Fremdes darin.

Substantiell besteht es aus derselben Kraft, der unser Leib und Denken, ja alles Geschaffene entspringt. Eine Art schaffende Lebensfreude. Wenn wir darin einsteigen, wenn wir uns davon tragen lassen, gehen wir darin auf und finden uns zugleich selbst. Es gibt dort keine Differenz, nichts, was heraus fällt: Hier hält alles unentwegt zusammen und fällt zugleich doch in dem Sinne auseinander- ein wirbelnder warmer, lieblicher, ja frommer Strom, dass es immer transparent und bewusst bleibt. Es ist nährend und erhellend zugleich; vielleicht der Weg zu den Müttern:

"Versinke denn! Ich könnt' auch sagen: steige!
's einerlei. Entfliehe dem Entstandnen
In der Gebilde losgebundne Reiche!"
(Goethe, Faust)

Freilich, die Spur verweht leicht, wir finden uns schnell wieder auf den Gestaden der abgetrennten Einzelobjekte, der Begriffszuordnungen, der Pest der wild wuchernden assoziativen Verbindungen, der Selbstfühligkeit des separierten Individuums. Das Kasperletheater des normativ Irrealen.

Kein Danach und davor.
Kein Hier und Dort.
Kein Ich und Es.

Auf dem Weg zu den Müttern spielt die Musik auf, und wir klingen mit: „..so ist das erkennende Fühlen eine Gelegenheit der Welt, der inneren und äußeren, in der eben der Dualismus, auch der von Außen und Innen, aufgehoben ist. Das , das die sichtbare Welt als eine Offenbarung der unsichtbaren ausstrahlt, wird durch mein Fühlen erfasst. Wie im Gespräch beim Zuhören der Rede des anderen mein Denken ausgelöscht und an seine Stelle das Denken des anderen gesetzt werden muss -sein Denken wird mein Denken-, damit ich es verstehe, so wird im (Hinaus-) Fühlen das mir entgegen kommende mein Fühlen. (…) Die ganze Welt offenbart sich vollständig." (Kühlewind, Die Belehrung der Sinne, Stuttgart 1990, S. 28)

Der Weg zu den Müttern, zu den schaffenden Kräften, der reinen, hellen Kraft, führt über das "erkennende Fühlen", das so oft und so oft falsch beschworene "Herzdenken". Man kann es nicht einfach anstreben, wollen, beschwören. Man kann in der konzentrierten Absichtslosigkeit warten, ob es entspringen möge. Beim ersten Wind, der das Boot zu den Müttern führen kann, gilt es, die Segel zu setzen und dem Wind zu folgen. Trage mich, mein Boot, trage mich!

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