Edith Maryon- die Zeit der "energischen Ruhe" | EgoBlog | Die Egoisten

Edith Maryon- die Zeit der "energischen Ruhe"

Nun müssen wir uns nach den schwierigen Jahren von 1909 - 1912, die Edith Maryon offenbar ins Abgründige geführt hatten, der anthroposophischen Zeit nach 1914, zehn Jahre lang, widmen- das sind wir ihr schuldig. Sie kam mit der Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft 1912 nach mehreren Anläufen zu Rudolf Steiner und befolgte zunächst seine für diese Zeit (ab etwa 1907) typischen spirituellen Übungen. Ihre Unsicherheit, aber auch eine gewisse Begier, vorwärts zu kommen, spricht aus ihren Briefen- typisch für eine schwere innere Krise und für einen existentiellen Neuanfang. Ihre Armut machte es ihr unmöglich, dem stetig wachsenden Vortragsprogramm zu folgen, ihre Unsicherheit verhinderte manchmal, dass sie Steiner die Fragen stellte, die ihr auf dem Herzen lagen, "wegen der gewissen "Schwierigkeit über diese Dinge zu sprechen, und ich zu feige war.." (Selg, Edith Maryon, Dornach 2006, S. 51).

Ab 1913 begann sie zunächst zaghaft, beim Dornacher Bau mit zu arbeiten, als Bildhauerin vor allem in der Hinsicht, dass sie Entwürfe von Rudolf Steiner in einer Werkstatt hinter der Schreinerei in Lehm in einem vergrößerten Maßstab umsetzte. Noch schien sie manchen Zeugen (wie Andrej Belyi) als ein "stilles und sanftes Mädchen, das nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien" (Selg, S. 56). Ende des Jahres kehrte sie aus finanziellen Gründen nach England zurück. Nach einer ersten gesundheitlichen Krise fand Maryon sich 1914 wieder in Dornach ein, und begann mit Gipsentwürfen für die "Menschheitsrepräsentanten"- Gruppe. Die Zusammenarbeit mit Steiner vertiefte sich mehr und mehr. Rudolf Steiner mochte ihre Zuverlässigkeit und ihren aufbrechenden praktischen Sinn. Dies wurde so konkret, dass Steiner das Projekt ab 1915 in Vorträgen zu erwähnen begann, auch wenn nur sehr Wenige Zutritt zum Bildhauer- Atelier erhielten.

Steiner hielt nun die Skulptur für den Mittelpunkt des ganzen Dornacher Baus und wollte, dass sie "an der hervorragenden Stelle" dort aufgestellt werden sollte. Inzwischen entwarf Maryon selbst, modellierte an Anweisungen Steiners und nahm es auch hin, dass er radikale Änderungen vornahm, auch an ihren plastischen Entwürfen. Sie stellte sich zurück, brachte sich aber auch unentwegt ein. Selbst scheinbar perfekte Vorgaben wie der Christus- Kopf fanden nicht Steiners Zustimmung: "Herr Doktor ist nicht ganz mit der Haltung des Kopfes zufrieden" (Selg, S. 79). Rudolf Steiner wollte mehr als eine Symbolik, er suchte eine unmittelbare dynamische Umsetzung inneren Erlebens. Maryon gelang es, in dieser Kooperation, ihren künstlerischen "Selbstsinn" (Steiner nach Selg, S. 85) immer weiter zurück zu nehmen, aber auch selbständig die einzelnen Gestalten bis zu dessen erneutem Eintreffen nach Vortragsreisen vorzubereiten.

Ende 1916 vertiefte sich der Zusammenhalt Beider dramatisch durch einen beinah tödlichen Unfall Steiners durch einen Sturz vom Podest, den Maryon verhinderte. Von nun an fühlte sich Rudolf Steiner mit Edith Maryon "karmisch verbunden" (Selg, S. 88). Die Umsetzung der Modelle in die riesige Holzskulptur schritt voran. Nach 1918 drehte sich die Beziehung Beider in der Hinsicht um, dass Steiner nun von an unterwegs ständig, manchmal täglich, Briefe und Berichte von den Reisen an Maryon richtete. Die Arbeit mit ihr im Atelier war für ihn zum Bedürfnis geworden, zu einer Art Lebensmittelpunkt, während er in selbstaufopferndem Tempo seine Reisetätigkeit forcierte. Maryon begann auch mehr und mehr, ihre Tätigkeitsfelder zu erweitern- sie übersetzte, organisierte Tagungen und plante Siedlungen für Mitarbeiter, richtete diese ein, nähte Vorhänge, kümmerte sich um Mietabrechnungen. Je mehr Steiner Probleme, Unfähigkeit, Widerstände, abstraktes Gerede im allgemeinen vorfand, desto mehr wurden Maryons bescheidene, aber konkrete Projekte für ihn "meine allerpersönlichste Angelegenheit" (Selg, S. 128).

Auch 1921 klagte Steiner ihr gegenüber in einem Brief: "Uns fehlen eben die eigentlich praktischen Menschen"- eben das, was er bei ihr, die nach sieben Jahren Arbeitens in Dornach erstmals wieder gesundheitliche Probleme bekam, immer mehr gefunden hatte. Sie war nun in den ihr verbleibenden drei Lebensjahren die Person, die Steiner mit "energischer Ruhe" (Selg, S. 163) charakterisierte, der gegenüber er aber auch klagen konnte über die ihm begegnenden Widrigkeiten und Hemmnisse. Maryon war inzwischen so mit ihm verbunden, dass sie in der Ferne für ihn gefährliche Situationen spürte und im voraus ansprach, etwa in München 1922. Silvester traf beide der schwerste Schlag, die Brandstiftung am Goetheanum. Von dieser völligen Zerstörung erholte sich Edith Maryon nicht mehr- ihre latente Tuberkulose eskalierte. Sie starb am 1. Mai 1924.

In dieser Kürze der Entwurf einer radikalen Umkehr des „stillen Mädchens“ (das schon in den Vierzigern war) zu einer Art von Esoterikerin, die in allem das Konkrete suchte- und fand.
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