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Das höchste Mantra ist das Ich

scaligero
Nach mehreren Jahrzehnten meditativer Praxis gibt es immer wieder in verschiedenster Literatur zum Thema praktische Berührungspunkte; in der Praxis sind bestimmte typische Problemfelder bei jeder ernsthaften spirituellen Tätigkeit zu beobachten. Von Praktikern ist vieles lesenswert, wenn man denn aus der eigenen meditativen Arbeit darauf stösst. Vorher muss die Aussage abstrakt bleiben, kann sogar zum Dogma werden, wenn man sie dazu macht. Zwischen geistiger Souveränität und „Knechtschaft“ unter selbst gemachte und/ oder übernommene und tradierte Denk- und Reaktionsmustern besteht nicht selten nur ein schmaler Grat. Daher erinnert Francis Lucille (in „The perfume of silence“) an ein besonders prominentes Problem in jeder meditativer Arbeit: Routine und Ritus.

Bis dahin hat es einen langen Anlauf gegeben in Bezug auf Fokussierung, inneres Schweigen, aber auch innere Aktivität und bewegt- formbare Stillness. Das ist nichts anderes als ein Musiker, der übt, kooperiert, eine leise Performance spielt - das Instrument und den Musiker in Eines fassend. Massimo Scaligero spricht daher in „a practical manual of meditation“ (Lindisfarne 2015) auch von einer „Vereinigung“ mit der „Essenz“ - mit der besonderen Note, die "Kräfte der Seele" um sich zu sammeln und dann zu „verhindern“, dass diese Seele „irgend eine Form annimmt“ („preventing the soul from giving it any form“). Auch sämtliche pseudo- sensorischen Eindrücke - womöglich spirituell induzierte Bilder, Gefühle und Assoziationen- sollen willentlich ausgemustert werden, um zu einer „radikalen Art der Stille“ (S. 47) zu kommen. Man möchte sagen- selbst das Wollen dieser Art kann wieder zum Hindernis werden, aber vor allem alles, was zunächst wie ein Fortschritt aussieht. Manchmal hat ein Sucher gerade in jungen Jahren und früh substantielle geistig- seelische Erfahrungen, die eindrücklich und bewegend wirken- aber dann abebben und nicht wieder auffindbar sind. Gerade der Wille, das wieder zu erleben, verhindert es nachdrücklich. An dieser Stelle steht dann schnell der tiefe Fall ins bloße Ritual.

Denn sobald ein Ritual entsteht - etwas, was nicht durch aktives Verstehen geprägt ist, sondern durch Routine - geht die Orientierung am Wahrhaftigen des lebendigen Ich verloren: „“I” is the highest mantra. In using it in this way, we avoid boring repetitions. It always remains alive, always directed towards its meaning. Just try it and be very determined, courageous, patient, and stubborn at the same time. Make sure that the juice, the perfume, is always flowing. Make sure you are not simply singing the song without understanding the meaning.“

"Das Ich ist" - eine freie Übersetzung nach Lucille- "in der Hinsicht das höchste Mantra, dass es keine langweiligen Wiederholungen kennt. Das Ich ist immer lebendig, immer am Verstehen orientiert. Mach es, bestimmt, mutig, geduldig und stur zur gleichen Zeit. Die Essenz, der Duft, sollte vernehmlich sein. Sei sicher, dass du dieses Lied nicht singst ohne anhaltendes, andauerndes Verstehen" („Intuition“ nach Steiner) "und Präsenz des wachen Ich."

Die Routine ist eine Form von - nach Lucille- Passivität, Faulheit und Apathie („Passivity, laziness, or apathy takes place when we discover a thought or a feeling that we do not really want to see. In order to cover it up, we create some sort of daydream, some sort of mental activity. This takes us away from the problem, from the tension, from the contraction. It is a refusal, an escape.“) - wahrscheinlich ein Versuch, einem inneren Problem zu entkommen. Die Tag- Träumerei und Ritualisierung entstehen, weil mit der inneren Freiheit auch stets schmerzhafte innere Eigenschaften offenbar werden, die uns unangenehm sind. Dazu gehören seelische Überformungen, Zwangs- Reaktionsmuster, Ängste, Selbstüberschätzung usw. Überstrenge Strukturen, Selbstverurteilung, Kämpfe mit vagabundierenden träumerischen Bewusstseinsformen bewirken letztlich aber nur, dass wir der Selbstkonfrontation zwar aus dem Weg gehen, aber uns auch wie ein Esel um den selben Pflock drehen werden, bis das Problem erkannt ist.

Praktisch schaut man das an, und sonst nichts: „In this way we return to an experience of presence that is vibrant. It is not a blank state.“ Die Rückkehr in die stetig im Hintergrund vorhandene Erfahrung der Präsenz ist von vollkommener Lebendigkeit- die reine, klare Kraft des Ich, das jede Routine durchdringt und übersteigt. Auch wenn das Bewusstsein dabei „formlos“ ist, ist es doch niemals leer.


Der Verlag hat zu Massimo Scaligeros Neu- Übersetzung ins Englische (aus dem italienischen Original) „a practical manual of meditation“ den treffenden Text geschaffen „For all who want to embark on the path of initiation through anthroposophy“ - für all die, die auf den Wegen zur Initiation, im anthroposophischen Kontext, ihre Segel setzen. Für alle Fälle merke ich hier an, dass Scaligero von allen möglichen Seiten vereinnahmt wird, vor allem aber von Rechten. Die goutieren das propagandistische Frühwerk des Faschisten vor 1945, aber durchaus auch seine Mystik. Ich arbeite hier im Blog das heraus, was mir vom späten Denker bemerkenswert erscheint. Ein komplettes anthroposophisches Schulungsbuch dieser Güte war mir jedenfalls vor dieser Übersetzung ins Englische unbekannt geblieben. Das ist das Problem mit Scaligero. Je tiefer man gräbt, desto tiefer wird auch das Zweischneidige bei ihm. Das nur als Anmerkung.
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