Die Todsünden gegenüber dem Geist oder:Wir basteln uns einen Mahatma | EgoBlog | Die Egoisten

Die Todsünden gegenüber dem Geist oder:Wir basteln uns einen Mahatma

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Sehen wir uns die Reihe der drei von Rudolf Steiner so genannten Todsünden gegen den Geist rein vom Umfang her an, dann muss man folgern, dass Steiner das „amerikanische“ Element am meisten im Magen lag. Das „Amerikanische“ aufgefasst als der blanke Materialismus kapitalistischer Machart war zu Steiners Zeiten vielleicht noch lokalisierbar als dieser amerikanische Kontinent- obgleich Handelsstädte der ganzen Welt so dachten und denken. Heute mehr denn je, quer über den Globus verteilt, Hochburgen in Manila, Peking, Tokio, Moskau, und so weiter, bis in jedes Dorf hinein. Steiner schrieb damals:

"Es gibt drei Strömungen, die durch ihre innere Verwandtschaft das Zerstörerische für die Menschheitsentwickelung haben. Dadurch, dass sie in verschiedener Weise die Erbstücke und das Neue aufgenommen haben, dadurch sind sie das Zerstörerische. Vorzugsweise in drei Strömungen liegt dieses Zerstörerische: Erstens in alledem, was man Amerikanismus nennt, denn das tendiert immer mehr und mehr dahin, die Furcht vor dem Geiste auszubilden, die Welt nur zu einer Gelegenheit zu machen, in ihr physisch leben zu können. In der Welt bequem und reich leben zu können, das ist das politische Element des Amerikanismus. Unter dem Einfluss dieser Strömung muss aber der Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt ersterben. In diesen amerikanischen Kräften liegt das, was wesentlich die Erde zum Tode bringen muss, weil der Geist davon abgehalten werden soll. Das zweite Zerstörerische ist nicht bloß der katholische, sondern aller Jesuitismus. Diese Strömung will die Kräfte in der Menschennatur verkümmern lassen, die nach dem Übersinnlichen gehen. Und das Dritte ist der rein das Animalische sozialisierende Sozialismus, Bolschewismus. (R. Steiner, GA 181, S. 406f)

Ich versuche diese hier zitierten Begriffe nicht statisch, starr, dogmatisch zu verstehen - Amerikanismus, Katholizismus, Bolschewismus -, sondern als dynamische Problemfelder, die heute durch Sickerprozesse und Globalisierung andere Gestalt angenommen haben. Das „Jesuitische“ würde ich heute als das auffassen, was durch Bilder und Impulse (nicht durch Einsicht und offene Kommunikation) auf den Willen wirken will. Alles das, was den Menschen nur als Konsumenten auffasst und beeinflusst; als Konsumenten auch von Meinungen und Haltungen: Die Werbebranche mit ihren Niederungen in TV, Politik und Google- Analyse. Die reine Masse der Quoten. Letztlich umfasst dieses Themengebiet auch die Selbstbilder jedes Einzelnen, der sich als Projektionsfläche so vieler kommerzialisierter Ideale versteht - als Produkt der Moden seiner Zeit. Der Macht dieser Selbstbilder kann sich jeder Einzelne nur selbst entziehen - durch die Entwicklung und Entfaltung innerer Autonomie- Erfahrung. Die „Präsenz“ im Sinne einer nüchternen Selbst- und Seins-, vielleicht auch Gottes- Erfahrung durchdringt und durchleuchtet die Macht der Bilder.

Das „animalisch Sozialisierte“ ist ein bürokratisches Monster- es findet sich heute in all den Systemen, die heute in automatisierte Optimierungsprozesse getrieben werden- durch endlose Dokumentation, Evaluation und Selbstausbeutung - Systeme, in denen der Einzelne schnell zerbricht. Sie können ihn zerreiben. Die permanente Selbstentäußerung in der Arbeit erfordert eine Gleichförmigkeit in andauernder Veränderung - etwas, auf Dauer menschlich kaum ohne individuelle Blessuren durchzuhalten ist. In diesen Systemen ist es anspruchsvoller denn je, Freiräume im Sinne einer moralischen Fantasie zu entwickeln- im Dienst der Sache. Möglich ist es doch. Das ist es doch, was von uns erwartet wird: Zukunft zu bilden, Fortschritt, Entwicklung- womöglich nicht die nächste Revolution zu verschlafen.

Möglich ist es auch, die eigenen Rollen, treibenden Selbstbilder und das Konsumenten- Verhalten zu analysieren und sich darin aktiv zu positionieren - das eigene Materialistische, das Sicherheitsbedürfnis und den eigenen Egoismus zu erkennen und damit umzugehen. Das ist eine Aufgabe, kein Fatum. Zugleich gibt es eine hoch sensitive kollektive Betrachtung all dessen z.B. in den Feuilletons und manchen Netzwerken, in Talkshows und Freundeskreisen. Die digitale Bildungsschicht ist in Netzwerken organisiert und formuliert sich darin selbst- all den von Rudolf Steiner genannten zerstörerischen Strömungen zum Trotz. Die Freiheit, sich in der informellen und systematischen Flut eigene Meinungen zu bilden und Standpunkte einzunehmen, besteht nicht nur, sondern wird größer. Auch wenn es unangenehme Meinungsbildungs- Wellen gibt, aufflackernde fanatische- und autistische Selbstbilder, dahinter gutmeinende Kampagnen, die durchs Netz wabern. Trotz allem gilt es vor allem, die mediale Selbstbestimmung zu vollziehen- denn das sind wir ja ständig: mediale, sich mitteilende Menschen.

Dennoch: Ein global agierendes Unternehmen wie Amazon ist so erfolgreich, weil es eben die „Todsünden“ als Prinzip beherrscht, nämlich effektiv und selbst lernend organisiert zu sein- bis hinein in die Logistik-, als Werbeform individualisiert in Bezug auf die Haltung des Konsumenten, ihn als Kommentator einbindend- oder auch direkt als Wiederverkäufer. Man kann schnell am System partizipieren, und sei es nur, um ein paar seltene Bücher zu veräußern, die man noch herum stehen hat. Oder indem man einen bezahlten Werbekanal für Amazon auf seiner Website platziert. Die einem Wort: Die Todsünden, in variierenden Kombinationen vorstellt, entwickeln sich zu Geschäftsfelder des medialen Zeitalters, die so tatsächlich funktionieren.
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