Vierundzwanzig Maria Magdalenas | EgoBlog | Die Egoisten

Vierundzwanzig Maria Magdalenas

Nachdem ich mich im Egoistenblog bei Blogspot in vorerst zwei Beiträgen mit dem Kult um Maria Magdalena beschäftigt habe, und hier wie dort mit ziemlich bizarren zeitgenössischen Quasi- Heiligen und Prophetinnen wie Judith von Halle, wird es vielleicht Zeit, auch einmal Rudolf Steiner zu Wort kommen zu lassen, der natürlich schwer geschlagen war mit schrägen Gestalten und deren obskuren Selbsteinschätzungen. Selbstverständlich sind Gurus alleine nie das Problem, sondern die Dynamik, die entstehen kann, wenn sich Gurus und Anhänger gegenseitig aufschaukeln. Zwischen den Erwartungen der Gläubigen und dem jeweiligen Meister, der sich den Erwartungen entsprechend positioniert (hier einige Gurus zusammen mit Andrew Cohen, die solche Probleme sehr wohl wahrnehmen) entsteht ein Spannungsfeld, das eine Eigendynamik erhält, die sich in „Erfahrungen“ „okkulter“ Art entladen kann. Illusionäre quasi- religiöse Erfahrungen der Schüler, Visualisierungen oder gar Erleuchtungszustände mit einem hohen Grad von Evidenz, können diesen Spannungen und Erwartungen entspringen, die dem, was Schüler und/ oder Guru vorstellen, entsprechen. So mancher Meister, so mancher Schüler folgt dieser Spur, manchmal in regelrechten Gruppenerfahrungen. Das einmal gesponnene Garn kann sich weiter und weiter entfalten. Hat der Guru nicht die geeignete Distanz und Selbstdisziplin, wird er selbst durch die luziferische Dynamik mitgerissen. Andersdenkende werden ausgegrenzt, es entsteht missionarischer Eifer und womöglich eine regelrecht paranoide Abschottung. Eine „Sektenkarriere“ wie bei den Sonnentemplern 1994 (hier eine umfassende Dokumentation mitsamt den Kriterien für eine solche „Karriere“) kann in einem furchtbaren Finale enden, wenn sich die Dynamik, ohne von Außen recht wahrnehmbar zu sein, bis zur Selbstzersetzung fortspinnt. Die Sucht nach innerer Reinheit, die zu solchen Prozessen führen kann, wenn die entsprechende Spannung und Sozialisation entsteht, kennt die Menschheit aber schon ewig, schon seit den Zeiten der südfranzösischen Katharer, die im übrigen Maria Magdalena als durch und durch verdammungswürdiges Geschöpf einschätzten.

Rudolf Steiner war sich solcher Prozesse bewusst, und setzte dem eine sehr eigene Ironie entgegen, wie aus dem folgenden Zitat deutlich wird:

Nehmen wir als Beispiel einen eklatanten Fall, nehmen wir an, jemand hätte den allersehnlichsten Wunsch, die Wiederverkörperung der Maria Magdalena zu sein – in meinem Leben habe ich 24 Magdalenas gezählt – nehmen wir aber auch an, dass er sich zunächst diesen Wunsch nicht gesteht. In seinem Oberbewusstsein ist nichts anderes vorhanden als das Gefallen an dieser Gestalt. Im Unterbewusstsein, das heißt so, dass der Mensch nichts davon weiß, lebt aber sogleich die Begierde sich ein, diese Maria Magdalena zu sein.

Nehmen wir an, solch ein Mensch komme dazu, durch irgendwelche Handhabung von den oder jenen okkulten Strebemitteln etwas in seinem Unterbewusstsein zu erreichen. Dann steigt er hinunter in sein Unterbewusstsein. Er braucht nicht diese Tatsache, «in mir ist die Begierde, Maria Magdalena zu sein», so wahrzunehmen, wie man den Kopfschmerz wahrnimmt. Würde er wahrnehmen die Begierde, Maria Magdalena zu sein, dann würde er vernünftig sein können. Er würde sich gegenüber dieser Begierde so verhalten, wie man sich gegenüber dem Schmerz verhält und würde sie loszuwerden suchen.

Aber so stellt sich das, wenn eben eine irreguläre Eindringung stattfindet, nicht dar, sondern es stellt sich diese Begierde außerhalb der Persönlichkeit des Menschen als Tatsache hin, es stellt sich die Vision hin: Du bist Maria Magdalena. – Es steht da vor dem Menschen, es projiziert sich diese Tatsache. Und dann ist ja ein Mensch, so wie heute nun einmal die menschliche Entwickelung ist, nicht mehr imstande, mit seinem Ich eine solche Tatsache zu kontrollieren. Der Betrachter glaubt sich zurückzuerinnern an das, was die Ereignisse in und um Maria Magdalena waren, und fühlt sich identisch mit dieser Maria Magdalena. Eigentlich kann nur die Sorgfalt der Schulung, nur die Sorgfalt, wie man sich hineinfindet in den Okkultismus, einen davor retten, Irrtümern zu verfallen.

Wenn man weiß: Du musst zuerst eine ganze Welt vor dir sehen, musst Tatsachen um dich herum wahrnehmen, nicht aber etwas, was du auf dich beziehst, was in dir ist, aber wie ein Welttableau erscheint, wenn man weiß, dass man gut tut, das, was man zuerst sieht, bloß als die Hinausprojektion seines eigenen Innenlebens zu betrachten, dann hat man ein gutes Mittel gegenüber den Irrtümern auf diesem Wege. Das ist das allerbeste: zunächst alles wie Tatsachen zu betrachten, welche aus uns selber aufsteigen. Meistens steigen die Tatsachen aus unseren Wünschen, Eitelkeiten, aus unserem Ehrgeiz, kurz aus den Eigenschaften auf, die mit dem Egoismus des Menschen verknüpft sind
.“

R.St., GA 143, Seite 81f


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