Michael Eggert: Nicht im luftleeren Raum | EgoBlog | Die Egoisten

Michael Eggert: Nicht im luftleeren Raum

Im Gegensatz zu "statischen" Internetseiten, die Informationen oder Links bereit halten, arbeiten Blogs wochen-, wenn nicht tagesaktuell. Sie sollten, wenn sie erfolgreich arbeiten wollen, mehr als nur den persönlichen Standpunkt des Betreibers widerspiegeln und in Form von Kommentaren ein Forum für die Besucher bereit halten. Im Idealfall bildet sich eine Blog- Community, ein Kreis von Lesern, die regelmäßig kommentieren und praktisch täglich hinein schauen; das Blog wird zur Basis für ein anthroposophisches Gespräch, das über Wochen oder Monate, ja über Jahre geführt werden kann. Dieser dauernde Diskurs, der ja von jedem Besucher nachgelesen werden kann, ist heute die eigentliche Attraktion. Es geht nicht darum, dass ein Autor seine Meinung in die Welt posaunt, sondern um eine gemeinschaftliche Meinungsbildung - durchaus im konträr geführten Gespräch. Im Idealfall wird dieses Forum vom Blogbetreiber so weit offen gehalten, dass er nur bei offensichtlichen Störern, Spammern, bei ungewollter Werbung und bei Spinnern eingreift. Letzteres ist schon deshalb notwendig, weil Blogbetreiber juristisch auch für die bei ihnen publizierten Kommentare haften.
Das alles erfordert eine ständige Präsenz des Bloggers - im Idealfall mit mobilen Geräten wie Smartphones, um sowohl aktuelle Posts zu veröffentlichen als auch entgleisende Kommentar- Threads unterwegs kontrollieren zu können. Der Blogger sollte - wenn er sich breit aufstellen möchte - auch verschiedene Funktionen ausfüllen; d.h. bei einem Beitrag mehr journalistisch, bei einem anderen eher essayistisch aufzutreten, persönlich in Beiträgen sichtbar zu werden, ohne ins Allzu-Persönliche abzugleiten. Die Erfahrung lehrt, dass die Zeiten des kunstvoll komponierten, mehrseitigen Essays eher zuende gehen - die Leser wollen angeregt werden, sich einbringen, aktiv ein Thema mit ausgestalten, sie wollen nicht kunstvoll aufgeschichtete Informations- und Belehrungsaufsätze. Informiert sind über das Internet alle ohnehin, ein "Vorsprung" des Bloggers und Autoren kann nur marginal sein.
Der in sich abgeschlossene, "runde" essayistische Aufsatz hat kaum dialogische Anteile, er zeigt seine geschliffene Oberfläche, reizt aber selten zum Diskurs an. Die Zeiten stehen auf Diskurs, auf eine "waagerechte" gleichwertige Gesprächsebene; die "senkrechte" - belehrende- Ebene mag in Einzel- und Spezialfällen passend sein, ein Publikumsmagnet wird das aber zumeist nicht.

Die Wucht mancher öffentlichen Auseinandersetzungen erschreckt manchen Blogger, bringt sogar manche ganz zum Verstummen. In der anthroposophischen Szene liegt diese Wucht sicherlich auch an der Zersplitterung der anthroposophischen Bewegung selbst. Es finden sich Gruppierungen und partikulare Interessen- und Ketzergruppen wie Sand am Meer. Unaufgearbeitete Konflikte und jahrzehntelanges Verschweigen von Konflikten und Widersprüchen kochen heute in aktuellen Blogs hoch, obwohl manche dieser Problemfelder ein oder zwei Generationen früher begründet sind. Nehmen wir als Beispiel die nationalsozialistische Vergangenheit des längst verstorbenen Priesters der Christengemeinschaft, Friedrich Benesch oder die gesellschaftsinternen Konflikte zwischen Marie Steiner und Ita Wegman. Heute mit dem Thema Anthroposophie zu bloggen bedeutet, mit den chronisch unaufgearbeiteten Problemfelder neu konfrontiert zu werden.

Aber auch in der Breite des anthroposophischen Themenfeldes finden sich ausgeprägte Minenfelder, sei es politisch, weltanschaulich oder auch in der spirituellen Ausrichtung. Gerade Autoren mit spirituellen Neigungen scheitern häufig schnell als Blogger oder werden gnadenlos zur Lächerlichkeit verdammt, weil sie sich selbst und ihr Anliegen zu ernst nehmen. Manche spirituelle Erfahrung führt beim Autoren offenbar zu einer Zementierung des eigenen Standpunkts statt zu einer Öffnung. Wenn ein Eifer im Sinne einer Verkündung und Offenbarung eigener Gewissheiten aufkommt, stellt man sich quer zum herrschenden Mainstream, der Meinungsbildung an Stelle von selbstherrlichen Bekenntnissen bevorzugt.
Wenn all diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann ein Blog allerdings mit erheblichen Leserzahlen rechnen, selbst wenn technisch keine aufwändige, teure und komplexe Plattform gewählt worden ist. Die Zugriffe liegen bei reinen Blogs (wenn sie erfolgreich sind) bei etwa 10000 pro Monat, bei Blogs mit angeschlossenen Archiven und breit angelegten Inhalten bei einem Vielfachen davon. Es ist also davon auszugehen, dass das Medium heute - wie andernorts auch - in der anthroposophischen Szene mehr und umfassender genutzt wird als die klassischen Printmedien.
Gerade bei breit angelegten Internetseiten geht es allerdings dann doch um die Technik, nämlich um die so genannte Usability. Niemand hangelt sich durch x Unterverzeichnisse hindurch, um an einen gesuchten Text zu kommen. Es erfordert einigen Aufwand, die Inhalte einer Internetpräsenz mit Hunderten von Seiten so zu präsentieren, dass sie auf einen Blick erreichbar sind. Dabei sollten nicht schlechte Layouts, blinkende Werbebanner und eine verzwickte Navigation stören. Falls der Blogger in Suchmaschinen gefunden werden möchte, sollte er originäre und originelle Inhalte möglichst tagesaktuell bringen, auf möglichst vielen anderen Websiten erwähnt und verlinkt werden und an soziale Netzwerke wie Facebook oder Google+ angebunden sein. Junge Autoren überprüfen das heute, bevor sie einem Blog ihre Beiträge anbieten.
Bei bestimmten Themen im Ranking der Suchmaschinen oben auf zu sein, ist ein wesentliches Kriterium zur Gewinnung von Autoren, denn nur so wird man in der Informationsflut unserer Zeit von Journalisten und anderen Bloggern gefunden. Heute ist das Posten eines wichtigen Blogbeitrags, der Eintrag in Google und der sofortige Anstieg von Besucherzahlen eher eine Sache von Minuten, nicht von Tagen oder Wochen.
Inzwischen kommt eine weitere technische Hürde hinzu - wegen der wachsenden Zugriffe durch Tablets und Smartphones sollte die Website auch für kleine und kleinste Displays gut lesbar sein. Dazu generiert z.B. Blogspot von Google automatisch eigene Versionen für das bestehende Blog, die erkennen, mit welchem Gerät ein Leser zugreifen möchte. Bei traditionellen Websites muss eine solche Funktion hinzu gekauft oder mühsam programmiert werden, wenn das überhaupt möglich ist. Sehr viele Leser abonnieren auch Inhalte eines Blogs oder Kommentarthreads per RSS und lesen dann in ihrem Email-Programm mit. In meinem Blog sind das allein etwa 1000 Abonnenten.

Bei einer gelungenen Vernetzung eines Blogs trägt sich dieses inhaltlich teilweise fast von selbst, da aus den Kontakten, der Leserschar und den sozialen Netzwerken laufend Anstösse und Beiträge folgen; der Diskurs ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern bildet den Stand der Diskussion ab, fokussiert, bündelt und bewertet tatsächliche Ereignisse und aktuelle Themen. Der Blogger bildet einen realen Diskurs ab, gestaltet ihn mit und führt ihn weiter. Er schreibt nicht im luftleeren Raum.
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Beitrag auch erschienen bei Themen der Zeit
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