Michael Eggert: Die Wut des Löwen | EgoBlog | Die Egoisten

Michael Eggert: Die Wut des Löwen

Hella Wiesberger fasst Rudolf Steiners Darstellung des echten zeitgenössischen Rosenkreuzerweges (abgesehen von den zahllosen Verzerrungen und Verdrehungen, in denen dieser auch noch erscheint) in „Rudolf Steiners esoterische Lehrtätigkeit“* so zusammen: Der heute „maßgebende christlich- rosenkreuzerische Einweihungsweg hat die sieben Stufen: Studium zur wahren Selbsterkenntnis, Imagination, Lernen der okkulten Schrift oder inspirierten Erkenntnis, Rhythmisierung des Lebens (Bereitung des Steins der Weisen), die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos (Erkenntnis des Zusammenhangs von Mensch und Welt), Verweilen oder Sichversenken in den Makrokosmos, Gottseligkeit.“ (S. 92)

Frau Wiesberger sieht vor allem in der fünften Stufe, der Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos, die in der „fünften Kulturepoche“ insofern maßgebliche, als es in dieser um das Halten des Gleichgewichts im Erkennen um das „Böse als die Abirrungen davon“ ginge. Sie ignoriert in dieser Schwerpunktsetzung, dass als Voraussetzung jeglicher Imagination, die ja schon ein völlig von allen physischen Einflüssen autonomes geistiges Erkenntnis darstellt, bereits die erste Stufe des Einweihungsweges, die „wahre Selbsterkenntnis“ eine Transparenz bezüglich der inneren und äußeren Einflüsse des Individuums erfordert, die notwendig einen Umgang mit dem eigenen Ego und dessen Schattenwürfen nötig macht - einen Umgang, der zweifellos keine nur intellektuelle Angelegenheit sein kann, sondern eine scharfe und vollkommen ehrliche Konfrontation mit dem Subjekt jeder Erkenntnis- mit sich selbst. Das ist übrigens der Grund, warum diese Website ihren Namen trägt. Die Autonomie des Erkenntnissubjekts muss mit aller Intensität deshalb gewonnen werden, weil es sonst bezüglich jeglicher äußeren (bei Anderen wahrgenommenen) oder inneren geistigen Erfahrung keine Erkenntnisgrundlage geben kann- denn solche Erfahrungen sind nicht abgleichbar mit gegebenen moralisch- ethischen Setzungen, mit dem inneren Kontext, mit der Erwartungshaltung, mit Wahrscheinlichkeit oder anderen aus der sinnlichen Welt gewonnenen Prämissen. Nur die vollkommene Transparenz des Erkenntnissubjektes kann die geistige Erfahrung als das stehen lassen, als was sie sich in ihrer Transparenz ausdrückt. Das erkennende Subjekt muss sich seiner Natur als „Gedanke“ - als Gewordenes, als Konstrukt von Erziehung, Denk- und Reaktionsgewohnheiten, als Verteidigungsbastion gegen Infragestellung der eigenen Selbstbilder, als psychisches Empfindungsbündel, als begehrendes Wesen, das den Selbstverwirklichungs- Maximen seiner Zeit folgt; kurz, als liebgewonnene Projektion gewahr werden. Dagegen - gegen diese Zumutung, situativ- meditativ aus dem Nichts zu leben, als im Sinne des Neuen Testamentes „Armer“ - laufen alle inneren Kräfte Sturm. Die Auseinandersetzung mit dem „Bösen“ ist daher keinesfalls eine Aufgabe, die eine ferne Stufe des Einweihungsweges darstellt, sondern die notwendige existentielle Voraussetzung.

Es geht also nicht um das Sich- Wohlgefallen in Selbstbildern von Ausgewogenheit, sozialer Neigung, Geistesforscher- oder Sinnsuchertum, nicht um moralische Überlegenheit, nicht um das Gefühl intellektueller oder spiritueller Brillanz, um das lebenslange Schmökern in geheimen Schriften und kabbalistischen Spezialkenntnissen, sondern um die zunehmende Bereitschaft, dem ins Auge zu blicken, was „Identität“ ausmacht und was an haftenden und berückenden Kräften aus dem Inneren aufsteigt. Es aushalten zu können, nicht auszuweichen, nichts zu beschönigen und nicht sich selbst zu verdammen. Aber auch Situationen in innerer Mitte zu meistern, in denen man unversehens zur Zielscheibe wird, in denen eine ganze Menge die „Wut des Löwen“ an einem auslässt. Die innere Gelassenheit bewährt sich im Sturm, aber die Würde bewährt sich erst, wenn man verliert, wenn man der Verstossene ist, der, den der eherne Blick der Verachtung trifft.

In Rudolf Steiners Notizbuch (1906, Archiv-Nr B 105) findet sich hierzu: „Die Meister sind nicht ein Schutzwall gegen das Böse, sondern die Führer zur Absorption des Bösen. Wir sollen nicht das Böse aussondern, sondern es gerade aufnehmen und in der Sphäre des Guten verwenden. Die Wut des Löwen ist nur so lange böse, solange sie am Löwen egoistisch verwendet wird; könnte sich ein Herrscher diese Wut des Löwen aneignen und damit Wohlfahrtseinrichtungen machen, so wäre sie gut. Deshalb ist das Böse als Nicht- Wirkliches zu erkennen. Es gibt kein Böses. Das Böse ist nur ein versetztes Gutes. Erst mit dieser Erkenntnis ist geistige Alchemie möglich.“

So steigen wir in Gelassenheit die Treppen hinab in das kochende Grau. Hier sind wir nichts als als aktive Präsenz, die Mitte haltend im Ansturm der Wut des Löwen. Hier findet die Verwandlung statt.

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Dornach 1997
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