Der vollkommene Lehrer in uns selbst | EgoBlog | Die Egoisten

Der vollkommene Lehrer in uns selbst

Es ist sicher kein zentrales und auch kein notwendig zu lesendes kleines Buch von A.H. Almaas, aber eben doch eines, in dem die richtigen Fragen gestellt werden. Ich spreche von "Das Elixier der Erleuchtung" (Freiamt o.J.) und die Frage ist die, warum, wenn zahllose Religionen, Gurus, Säulenheilige, Erleuchtete doch Wege gelehrt haben, in irgend einer Weise Erlösung von dem Begehren gelehrt haben, "die Reaktion auf diese Botschaft" so "minimal" ist: "Man bewundert und liebt vielleicht eine Lehre, aber normalerweise reagiert man nicht auf diese Einsicht in das Begehren." Manche versuchen der Lehre zu folgen, manche folgen ihr äußerlich, manche unternehmen "noch nicht einmal den Versuch, (..) wirklich zu folgen."

Das liegt nach Auffassung von Almaas daran, dass der "Glaube an die Lehre über das Begehren" von einer unbewussten Ablehnung unterminiert wird, von einem Mangel an essentieller Berührung, weil die persönliche Erfahrung, "die auf Begehren beruht", auf einer anderen Ebene sagt, dass diese Lehre nicht wahr ist, nicht für den Einzelnen selbst: "In den Tiefen seiner Persönlichkeit glaubt er, dass er bekommt, was immer er will oder braucht, wenn er es nur genug begehrt, und dass er nicht haben kann, was er möchte, wenn er es nicht begehrt. Mit anderen Worten: Wenn man die Wahl hat zwischen Haben und Sein, garniert man zwar sein Haben gern mit einer Lehre vom Sein, entscheidet sich aber letztlich immer für das Haben. Denn existentiell glaubt jeder Mensch, dass er "physisch nicht überleben wird, wenn er seinen Begierden nicht folgt". Erst wenn reale geistige Erfahrungen des Seins vorliegen, kann dieses Verhaftetsein, das letztlich auf der Angst vor dem Tod beruht, bearbeitet werden.

In der Folge untersucht Almaas eine Reihe von "Lehren"- vom Buddhismus über zeitgenössische Lehrer wie Sri Aurobindo, Osho, Krishnamurti- und zeigt auf, dass sie Antworten auf bestimmte Fragestellungen wie ein Produkt anbieten, aber höchst selten den Adepten (um eine gern benutzte Phrase zu benutzen) dort abholen, wo er tatsächlich steht. Es reicht eben nicht aus, "wenn ein Meister zu einem Schüler aus seiner eigenen Perspektive spricht." Die Probleme der Schüler variieren dabei ganz erheblich. Wie sollte man z.B. selbstlose Hingabe erwarten, wenn ein Mensch gerade erst mühsam lernt, sich zu behaupten und nicht ständig unterwürfig zu reagieren? Jemand mit einem Mangel an Selbstgefühl oder Selbstbewusstsein kann sein Selbst nicht aufgeben; jemand, der sich leer, einsam und unverbunden fühlt, kann mit dem Ideal einer Erfahrung der Leere nichts Positives verbinden. "Hingabe" bedeutet für den normalen Menschen erst einmal, das sein existentieller Schutzschild, seine sich selbst behauptende "Abwehr", aufgegeben werden soll. Ein Mensch ohne Schutz ist auf dieser Ebene aber lediglich ein verletzlicher Mensch. Inwieweit sollte - hier spricht Almaas vor allem die Christen an- Selbstlosigkeit zur Freiheit führen? Selbst ein "Christus- Bewusstsein" im Sinne einer selbstlosen Liebe, kann man aus diesem Grund im Munde führen, aber nicht, bevor Vieles in der "Seele entwickelt" worden ist, tatsächlich "verkörpern". Auf dieser existentiellen Ebene möchte niemand wirklich in einen "Abgrund" springen, von dem man nur annehmen kann, dass dieser Abgrund nicht mehr als "Geheimnis und geheimnisvolles Andeuten" bedeutet.

Die Essenz ist kein mystischer fremder Ort jenseits unserer Persönlichkeit: "Unser Wesen, unsere Essenz, das Göttliche in uns, ist mit unserer Persönlichkeit auf eine sehr komplexe und intime Weise verbunden." Gleichzeitig ist aber diese Persönlichkeit "als ganze" auch unsere innere Barriere gegen Essenz. Es gibt z.B. bestimmte Aspekte der Persönlichkeit, die sich permanent ängstlich gegen jede Erfahrung der Leere anstemmen, indem wir konsumieren, uns in bestimmte Glaubensinhalte stürzen, in Beschäftigung, Arbeit und "feste Standpunkte". Insofern hat jeder Mensch - je nachdem, wie er sich entwickelt hat- spezifische Abwehrmechanismen, aber auch spezifische Chancen des Zugangs zur Essenz. Diese ändern sich je nach Lebenssituation. Eine Überwindung dieser inneren Zerrissenheit des Adepten wird nur gelingen im Rahmen einer Entwicklung, in der er nicht nur fühlt, dass er "Willen besitzt", sondern indem er fühlt, dass er Willen ist. Diesen Willen muss man, bevor dieser verwandelt werden kann, erst mal haben. Die speziellen individuellen Persönlichkeitsthemen müssen bearbeitet sein. Bis dahin besteht das grundsätzliche Dilemma fort, dass "Leiden, wie fast immer, einfach fortdauert". Die Erfahrung von essentiellen Aspekten unseres inneren Dramas ist immer eine sehr schmerzhafte Konfrontation "mit Teilen von uns selbst, mit denen wir uns normalerweise nie auseinander setzen würden", mit "Teilen der Persönlichkeit, die wir nie zuvor in Frage gestellt haben". Unsere unbewussten etablierten Muster und Konditionierungen sind so stark, dass wir durch eine schwierige Phase des Konflikts zwischen "Essenz und Persönlichkeit" hindurch müssen. Eine kleine Berührung allerdings kann so wirken, dass die Essenz selbst "als ein perfekter Lehrer" zu wirken beginnt. Die Aspekte in uns, die uns aus dem Gleichgewicht bringen, werden "sanft und auf angemessene Weise" aufgedeckt: "Kein menschlicher Lehrer kann so präzise, so effektiv und so angemessen sein". Die einmal gespürte Nähe der inneren Essenz "lässt uns nicht ruhen", bis sie sich uns mit "intuitivem Verstehen", mit ihrem "Wissen, mit ihrer Lehre und mit ihrem Verstehen" erfüllt. Langsam wird der essentielle Aspekt "unser Sein und unsere Präsenz": "Keine Bewegung von Begehren. Keine Bewegung von Festhalten. Kein Klammern an irgendetwas."

So kommt vielleicht ein Stadium, in dem wir erfahren: "Wir haben den vollkommenen Lehrer in unserem eigenen Sein."
blog comments powered by Disqus