Jutta Lauers Erinnerungen an Achberg & das ganze Drumherum | EgoBlog | Die Egoisten

Jutta Lauers Erinnerungen an Achberg & das ganze Drumherum

Wir sind so vergesslich, und wir vernachlässigen vor allem die wichtigen Dinge. Daher bin ich froh, von Nothart Rohlfs Jutta Lauers Erinnerungen "Ein Drahtseilakt. Jutta Lauer erzählt aus ihrem Leben. Selbstverlag." bekommen zu haben, denn von den wirklichen Gründern, den Menschen hinter den Institutionen wissen wir Späteren oft nichts. Sie werden von den Leuten, die vordergründig repräsentieren, allzu häufig verdeckt.

Jutta Lauer erzählt aus ihren Kindheitstagen- einer behüteten Zeit in einer Hamburger Kaufmannsfamilie; die Eltern hatten sich 1914 in Shanghai getroffen. In die erste Grundschulzeit schob sich schon der Albtraum der Nazis- die jüdischen Lehrerinnen verschwanden, die Lichtwarkschule wurde geschlossen, und die Mutter hatte böse Ahnungen. Mit dem familiären Reichtum ging es zu Ende, und nur glückliche Umstände bewahrten die Familie vor dem völligen sozialen Abstieg. 1941 begann die Rilke- Liebhaberin Lauer ihr Studium. Zu ihren engsten Freunden gehörte Hans Leipelt, einer der Widerstandskämpfer, die 1943 verhaftet wurden; Leipelt starb 1945 in Stadelheim. Zu den Mitstudentinnen Lauers gehörte auch Hildegard Hamm-Brücher, mit der sie inmitten der Bombenhagel 1945 den Weg zur Universität suchte. Lauer hatte ein Leben lang ein besonderes Händchen für interessante und bewegende Leute, auch wenn ihre eigenen, privaten Umstände sich lange Zeit recht chaotisch gestalteten.

In Starnberg lernte sie den kriegsversehrten Fred Lauer kennen, der einen Souvenir- Laden für amerikanische GIs gründete. 1949 heirateten die Beiden. Eine Zeitlang lebte das Paar in einer Wohnung hinter dem Bahnhof in Düsseldorf, zwischen lauter Prostituierten. Jutta jobbte als Verkäuferin, Fred jagte Stahl- Geschäften hinterher. Eines Tages landete er einen größeren Erfolg, was dem Paar in der Folge ermöglichte, unter abenteuerlichen Umständen in einem völlig herunter gekommenen Schloss am Starnberger See eine Schule zu gründen. Dem mühsamen Aufbau und dem erfolgreichen Betrieb folgte ein Zerwürfnis auch zwischen dem Paar. Bankiers und Anwälte übernahmen die Führung der Institution. Die Schule wurde am Ende geschlossen und das wertvolle Haus in teure Eigentumswohnungen umgewandelt. Davon hatte das Ehepaar Lauer nichts. Aber in der Erholungsphase lernte Jutta Lauer die Anthroposophie kennen und stürzte sich geradezu hinein.

Durch die Vermittlung des Verlegers Neven-DuMont in Starnberg kamen die Lauers dazu, das Haus Freudenberg zu übernehmen. Sie richteten es für Übernachtungsgäste der Christengemeinschaft ein- wiederum unter vollem, auch körperlichem Einsatz. Wieder einmal arbeitete Jutta Lauer nicht nur als Gründerin, sondern auch als Köchin und Putzhilfe. Sie lernten die meisten Priester der damaligen Christengemeinschaft gut kennen. Aber - durch eine Absage von Renate Riemeck- auch Peter Schilinski. Dieser lockte das Paar nach Sylt, ins Cafe Witthüs. Ulle Weber organisierte die Teestube, mit Peter Schilinksi wurden die "Kernpunkte der sozialen Frage" von Rudolf Steiner gelesen, und schon lief ein anthroposophischer Treffpunkt erster Güte an. Aber Witthüs sollte plötzlich verkauft werden. Lauers steckten spontan jeden Cent ihres Vermögens in die Immobilie, obwohl der Betrieb als Teestube offensichtlich nichts abwarf. Daher bauten das Paar es zum Restaurant aus- durch "learning by doing". Hier - "in einem Haus für die Dreigliederung"- lernten sie auch Wilfried Heidt kennen.

Als ob das noch nicht genug wäre, begannen sie Geld für ein neues Kulturzentrum in Achberg zu sammeln. Damals gab es noch innovative anthroposophische Unternehmer wie Stockmar, die ansehnliche Summen bereit stellten. So verließen die Lauers Sylt und waren wieder als Hausherren und Köche tätig- nun in Achberg. Das Witthüs war am Ende durch tragische Umstände und trotz großspurigen Auftretens von Anthroposophen - Stars wie Wilhelm-Ernst Barkhoff und Erhard Fucke nicht zu retten. Wieder einmal wurden am Ende Luxus- Eigentumswohnungen aus dem Projekt, und die Rendite steckte jemand anderes ein. 1973 fanden in Achberg die besonders aufregenden, bewegten Tagungen mit Heidt, Schilinski, Schmundt und Akteuren des Prager Frühlings statt. Ein Jahr später waren allerdings Heidt und Schilinksi schon unrettbar zerstritten. Obwohl ununterbrochen die Rede von Dreigliederung war, interessierte sich keiner der Dozenten und Theoretiker für die wirtschaftlichen Grundlagen des eigenen Hauses. Der Betrieb lag organisatorisch, finanziell und faktisch-praktisch ausschließlich in den Händen der Lauers. Sie überlegten, ein „Humboldt- Kolleg“ zur fortdauernden Ausbildung von Studenten zu eröffnen, auch um Achberg finanziell solide betreiben zu können. Doch bis 1977 trugen Misstrauen und Intrigen dazu, dass sich Fred Lauer als Geschäftsführer zurück ziehen musste- das Experiment Achberg war für diese Akteure beendet.

Durch persönliche Bekanntschaften und geschickte Geschäftsideen erhielten die Lauers bald eine größere Summe für den Grundstock einer Fördergemeinschaft. Sie gründeten einen kleinen Verein, der mit der Zeit erhebliche Gelder sammeln konnte. Die Erfahrungen, die mit dem Bund der Waldorfschulen gemacht wurden - bei der Gründung der Waldorfschule in Prien - waren allerdings ähnlich niederschmetternd wie die vergangenen Gründergeschichten. Quasi zwischendurch entstand das Oberlin- Haus im Elsass für die Christengemeinschaft, aber dann saßen die Lauers mit ihrem Verein dem Geschäftsführer einer Hamburger Waldorfschule auf, der sie mit einem Partner auf ruinöse Weise betrog: "Wir wurden fast um den Verstand gebracht." Um das meiste Geld auf jeden Fall. Und das, obwohl das Paar in manchen Zeiten 18000 Kilometer durch Deutschland abfuhr, um Geld für die Projekte zu sammeln. Sie trafen dabei auch Joseph Beuys, in seinem "Büro für direkte Demokratie" in der Düsseldorfer Altstadt, zwischen der Kunsthalle und den Säuferecken dort. Beuys fuhr mit den Lauers und dem damaligen Studenten Johannes Stüttgen zu sich nach Hause. Beuys kochte gerne. Als die Lauers später bei Kerler und Barkhoff in der GLS- Bank saßen, um Spendengelder zu sichten, rief Beuys persönlich an und bat, von Krediten Abstand zu nehmen und lieber zu ihm in die Düsseldorfer Akademie zu kommen. Dort hatte er einen Karton voll Geld und drückte ihnen einiges in die Hand: "Aber nicht meiner Frau sagen! Und es darf nicht unter meinem Namen erscheinen!" 1973 kam Beuys auch nach Achberg- der Star und heimliche Mittelpunkt. Aber Beuys suchte "mit den etablierten Anthroposophen keinen Kontakt." Er wird gewusst haben, warum. Aber nach Achberg kam er auch noch in den Folgejahren. Fred Lauer starb 2003.

Was für ein abenteuerliches und bewegtes Leben! Die Lauers betrachteten sich stets als unabhängige Menschen, die für sich nichts benötigten, da Fred seine kleine Invalidenrente bezog. Die einen aus dieser Generationen zog es nach dem Krieg in die sichere Wirtschaftswunderzeit, die anderen aber - die Lauers - zog es ins Gründen und Schaffen. Das Geld floss ihnen gerade deshalb zu, weil sie es selbst nicht wollten. Sie verschenkten es und ihre Arbeitskraft dazu. Sie waren vor allem von schweren und schwersten Schicksalsschlägen, Betrügereien und Abgründigkeiten nie lange deprimiert und behindert, sondern machten einfach weiter. Manchmal erscheinen ihre spontanen Entschlüsse uns Heutigen geradezu als naiv - es ging ja ständig um die gesamte Existenz. Zudem standen sie stets in der zweiten oder dritten Reihe. Die großen Vorträge wurden von denen gehalten, die Bücher geschrieben und die Diskussionen geführt, denen die Lauers den Raum erst schufen. Die Lauers putzten dann die Räume und machten die Schnittchen. Und sie verhandelten mit den Banken um das Geld. Man kann nur den Hut ziehen.

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Nothart Rohlfs (Hrsg): "Ein Drahtseilakt. Jutta Lauer erzählt aus ihrem Leben. Entstanden 2009/2010 in Öschelbronn. Selbstverlag.
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