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M. Eggert: Die Wahrnehmung der Landschaft in der Meditation

landschaft

Natürlich habe ich es mit Goethe versucht- jahrelang. Das Nachleben der Dynamik von Pflanzen, das Wurzelnde, Blattartig- Wässrige, die Zerfaserung und Reduktion bis hin zu einem Nullpunkt, den man am besten am Blütenboden fest macht- die Metamorphose ins Blütenhaft, in einer Welt von Luft, Licht, Wiegen, Bestäuben und auch einem Ausdruck, der ein Gefühl vermittelt- das sind selbstverständliche Arten, durch die Natur zu gehen. Man ist, wenn man diese Instrumente im Konkreten anwendet, auf der Spur des Lebendigen.

Gleichzeitig vertieft sich das Mitempfinden im Erleben des Jahreslaufs. Man erlebt das Murmeln und Regen im ersten Vorfrühling, tief in der Erde, das lockende Licht, das ein ganz spezielles Element in sich trägt. Man erlebt den Übergang in wässrige Wachstumsphasen, das sich Ausbreiten in der erwärmten Luft. Im hohen Sommer zergliedern sich die Formen und nehmen eine bestimmte Gestalt an, die sich zugleich im Blühenden, Duftenden, Öligen übersteigt. Dann zerfallen die Formen schließlich, entwerden, bis die Ernte eingefahren ist. Im tiefen Winter vernimmt man das Schweigen, das kein Nichts ist, sondern ins Lauschen führen will.

Aber das Alles gibt noch keinen Schlüssel zur Landschaft. Man hat es ja dabei ja nicht mit einer konkreten Form oder Gestalt zu tun, mit der man sich im oberen Sinne meditativ auseinander setzen kann, indem man die Wandel in den Erscheinungen innerlich nachvollzieht. Man hat es auch nicht mit einer Zeit- Gestalt zu tun, mit einem Zusammenspiel von Licht, Elementen und sich wandelnden Gestaltungen. In der Landschaft haben wir eine Totalität, eine Ganzheit der Gestaltung vor uns, die wir nicht einmal mehr tastend erfahren können, solange wir von dieser Ganzheit separiert sind. Ähnlich wie es sich im Jahreslauf- Erleben verhält, weit umfänglicher als wir es es einzelnen Naturphänomenen gegenüber vollziehen können, müssen wir unseren Standpunkt aufgeben, um Teil dieser Landschaft zu werden, uns in sie hinein träumen zu können.

Denn, wie Rupert Spira in "Presence: The Art of Peace and Happiness" schreibt: "The total field of seeing is one seamless whole, without separate parts, just as the screen is one seamless whole. It is only thought that divides the screen into a multiplicity and diversity of objects— people, flowers, trees, fields, hills, the sky, birds etc."

Der Bewusstseinszustand muss sich im Naturerleben diesem komplexen "totalen Feld" der Wahrnehmung anpassen: "The sense that our body is one seamless whole comes from our own intimate and direct experience of the seamlessness and intimacy of our own essential being. The reality and wholeness of the body is, in fact, a reflection of the true and only reality of awareness, upon which the various sensations and perceptions that constitute the body have been superimposed. In other words, the body borrows its wholeness and reality from awareness."

Der Prozess der Annäherung an die Landschaft ist, wie Spira darstellt, zugleich und als Bedingung auch eine Befreiung von der Bindung an die ständige Körperwahrnehmung. Die Selbstwahrnehmung deckt das Erleben des "Ganzen" zu- die geistige Präsenz ist in diese Selbstwahrnehmung zersplittert und gebannt. Die Aufmerksamkeit, gebrochen wie sie ist, kann sich in der Folge nur einzelnen, aus dem Ganzen gefallenen Objekten gegenüber stellen. Der Körper "leiht sich" - wie Spira schreibt- seine Existenz, die ständige Vergegenwärtigung aus dieser Kraft der Präsenz und korrumpiert sie damit. In dem Augenblick, in dem diese Fixierung meditativ gelöst werden kann, erlebt man sich als Teil einer dynamischen Landschaft- sei es eine innere oder die "natürliche" unserer Umgebung. Das ist nicht zu vergleichen mit dem beklommenen atavistischen Schamanismus früherer Jahrtausende, sondern ist ein klarer und nüchterner Bewusstseinszustand, der uns in Ansätzen in emotionaler Hinsicht nicht unvertraut ist. Es gab und gibt diese gewissen Momente, die wir mit der Schönheit bestimmter Orte verbinden. Nun aber ist es, manchmal, als sei dies - diese Landschaft- mein Leib- oder als sei ich in dieser Landschaft geborgen, zuhause, aufgehoben. Manchmal scheint es, als gäbe es ein Zeichen, als entstünde etwas, was vielleicht einem Gespräch ähnlich sein könnte. Vor allem aber herrscht die Freude, die Gewissheit, das Lebensvolle.

Auch Georg Kühlewind, der individuellste und originellste Interpret zeitgenössischer Anthroposophie, der in all diesen Prozessen darinnen stand und über sie schrieb, hat sich zu Wahrnehmungsmeditationen z.B. in "Die Belehrung der Sinne. Wege zur fühlenden Wahrnehmung" geäußert. Die ungeteilte Welt haben wir, so schreibt er, als Kind ja erlebt: "Ganz am Anfang steht ein riesiges, die ganze Gefühlswelt ausfüllendes Das: Die Kinder bezeichnen es mit einer einzigen Silbe: "Ta", "Da" oder "A", d.h. mit dieser Silbe wird alles, jeder Gegenstand, jede Situation, jedes "Gefühl" bezeichnet - alles, was für den Erwachsenen ein "Das" ist. Nun bedeutet auch das früheste Erscheinen eines noch so unscharfen "Das", dass das Mitleben, Mitgehen, die Identität mit der Welt keine vollständige oder ununterbrochene mehr ist, sondern es gibt ein "Zurückbleiben", eine leise Entfernung des Bewusstseins von dem, was eben als "Das" erlebt wird." (S. 26)

Diese "Entfernung des Bewusstseins" wird in der Meditation der Landschaft teilweise und situativ wieder aufgehoben.
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